Beachvolleyball

Matysik und Erdmann - Baggern wie die Olympiasieger

Sie standen im Schatten der weltweit besten Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann. Doch jetzt wollen die Berliner Kay Matysik und Jonathan Erdmann bei der WM in Polen selbst oben ankommen.

Foto: HOCH ZWEI/Malte Christians / pa

Nein, sagt Kay Matysik, einem Betriebswirt sollte man eine solche Rechnung lieber nicht vorlegen. Wenn also ein Beachvolleyball-Profi mit seinem Partner und dem gemeinsamen Trainer zum Turnier nach Argentinien fliegt, dort ein paar Tage im Hotel wohnt, insgesamt für den Trip über 10.000 Euro ausgibt, aber am Ende für den neunten Platz nur 5500 Dollar Preisgeld einstreicht, dann fällt es schon schwer, dies als Erfolg versprechendes Geschäftsmodell zu verkaufen.

Besonders Matysik fällt das schwer. Er spielt nicht nur professionell Beachvolleyball. Er hat auch ein Diplom in Betriebswirtschaft. Aber er lächelt.

Denn es lässt sich doch erklären. Einerseits läuft es ja nicht immer so schlecht, wenn Matysik und sein Mitspieler Jonathan Erdmann an den Start gehen. Nicht alle Reisen sind so teuer, oft kassieren sie auch mehr vom Preisgeldkuchen. Laut Weltrangliste sind sie aktuell das zehntbeste Duo der Welt. Erdmann/Matysik haben einen guten Namen in der Szene. Doch die beiden Berliner schürfen noch immer nach dem Potenzial, das sie in sich vermuten.

Bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio wollen sie weitermachen, das haben sie sich geschworen nach Platz neun in London im vergangenen Jahr. „Wir sind ja schon oben dabei. Aber wir sehen noch so viel Potenzial, das wir ausschöpfen möchten. Da geht noch mehr“, sagt Erdmann, und Matysik ergänzt: „Wenn wir einen Stillstand feststellen würden, dann wären wir nicht bereit, so viel zu investieren.“

Platz fünf in Rom gibt Rückenwind für die WM

Es scheint ein guter Zeitpunkt, um dranzubleiben. Beim letzten World-Tour-Turnier in Rom haben sie Rang fünf belegt. „Es fühlt sich gerade ganz gut an“, sagt Matysik, „weil wir dort fünf Spiele auf sehr hohem Niveau gemacht haben.“ Speziell beim Sieg über die Brasilianer Alison/Emanuel, immerhin die Olympiazweiten von London. Heute starten die Berliner in die Weltmeisterschaft in Stare Jablonki in Polen. Sie sind in ihrer Vorrundengruppe an Position 1 gesetzt, treffen zum Auftakt auf die Argentinier Bianchi/Del Coto. Schlagbar, auf jeden Fall. Danach warten die Venezolaner Hernandez/Villafane und die Amerikaner Rogers/Doherty.

Den Vize-Europameistern von 2011 gefällt auch der Sand in Polen – der ist nämlich in Stare Jablonki nicht so tief wie üblich. „Die Bedingungen passen“, sagt Erdmann. Vor zwei Jahren erreichten sie hier das Halbfinale des World-Tour-Turniers. Sie sind mit 1,91 Meter (Matysik) und 1,95 Meter (Erdmann) nicht gerade Riesen im Beachvolleyball. Das Springen fällt leichter auf hartem Boden, so können sie ihre gute Athletik viel besser einsetzen. „Wir brauchen jeden Zentimeter“, erklärt Matysik und lacht wieder.

Jung, dynamisch, talentiert: Da kann noch einiges passieren

Sie lachen viel, sind zwei braungebrannte, verwegen daherkommende Beach-Boys: der immer forsch auftretende Matysik und der eher etwas schüchtern wirkende, aber dabei vielleicht auch ein ganz wenig unterschätzte Erdmann. Ihren Spielkameraden im sandigen Viereck beschreiben sie so: „Kay ist mein sympathischer Analytiker, der sich zum rechten Zeitpunkt sehr sachlich und fachlich gut ausdrücken kann“, umschreibt Erdmann mit einer Winzigkeit Süffisanz, aber mit treuem Blick die Chefrolle seines 33-jährigen Partners, ohne dessen Routine es natürlich nicht ginge.

Erfahrung ist in diesen Zwei-Mann-Teams unendlich wichtig, die Kombination „ein Jüngerer, ein Älterer“ im Beachvolleyball keine Seltenheit. Matysik antwortet: „Joni ist jung, dynamisch, talentiert. Und er ist gerade 25 geworden. Das spricht dafür, dass die Leistungen, die wir schon zusammen gebracht haben, nicht das Ende sind. Da kann noch einiges passieren.“

Brink/Reckermann haben den Sport in die Wohnstuben gebracht

In verschiedenerlei Hinsicht. Das Wichtigste ist ja eigentlich schon passiert im Beachvolleyball. Ihre Vorgänger als deutsche Nummer eins, Julius Brink und Jonas Reckermann, haben die Sportart in die Wohnstuben gebracht, mit EM-Gold, WM-Gold und schließlich und vor allem Olympia-Gold in London. Sie waren in aller Munde, in allen Zeitungen und auf allen Kanälen zu sehen und zu hören. „Sie haben sich das verdient“, sagt Matysik ohne Neid, „sie haben vier Jahre sehr hart gearbeitet und alles gewonnen, was möglich war. Dann sollen sie auch all das bekommen.“ Doch Reckermann beendete seine Karriere. Ist das jetzt ihre Chance, aus diesem Schatten hervorzutreten?

„Das wird sich zeigen“, sagt Erdmann vorsichtig, „neue Teams müssen erst mal mit Leistung belegen, dass sie den Platz besetzen können. Das braucht Zeit.“ Aber natürlich ist der Kampf um diese Position längst in vollem Gange. Brinks Versuche, mit einem neuen Partner, dem Berliner Sebastian Fuchs, dabei mitzumischen, sind bisher sportlich von keinem großen Erfolg gekrönt; der Olympiasieger ist verletzt und sagte kurzfristig die WM-Teilnahme ab. Und so neu sind Erdmann/Matysik ja gar nicht mehr, im fünften Jahr schon spielen sie zusammen im Sand. Bisher fehlte es oft nur an Kleinigkeiten. Oder an Konstanz. Oder doch am Talent?

Zum ersten Mal mit Vollzeittrainer

Die Weltmeisterschaft in Polen und die Ende des Monats folgende Europameisterschaft in Klagenfurt sind wichtige Etappen auf dem Weg, das herauszufinden. Sie arbeiten seit diesem Jahr zum ersten Mal mit einem Vollzeittrainer zusammen, mit dem Spanier Daniel Wood. Sie haben sich seit den Olympischen Spielen in London nur zwei Wochen Urlaub gegönnt.

Im vergangenen Winter haben sie wie üblich an ihrer Kraft und Kondition gebolzt, um fit zu sein für eine kräftezehrende Saison. Das kleine Sport-Unternehmen hat für dieses Jahr 120.000 Euro von Sponsoren, vom Verband, der Bundeswehr (bei der sie angestellt sind) und aus eigenen Investitionen zusammengekratzt und ist damit in den Kampf gezogen. Sie wissen, dass viele Kontrahenten das Doppelte haben.

Umchecken, damit ein paar Euro gespart werden können

Aber geklagt wird nicht, lieber checken sie bei großen Turnieren in den sogenannten Hauptfeldhotels ein, gleich wieder aus und in billigeren Unterkünften ein, um ein paar hundert Euro die Woche zu sparen. Das ist sehr viel Geld für sie. „Optimal für den sportlichen Erfolg ist das andererseits sicher nicht“, sagt Matysik, aber was soll’s. Das ziehen sie jetzt durch. Sie sind ja viel zu neugierig darauf, was sie noch erreichen können. Sportlich. Aber auch finanziell. Beachvolleyball ist durch den Olympiasieg von Brink/Reckermann attraktiver geworden. So stieg der Fernsehsender Sky ein und überträgt vier Turniere der „deutschen Super-Serie“ live.

Für 2013 waren die Sponsorenverträge nach den Spielen in London schnell vergeben, aber am Ende dieser Saison werden neue Rechnungen aufgestellt. Vielleicht kann man damit sogar einen Betriebswirt überzeugen.