Leichtathletik

Das Karriereende ist für Zehnkämpfer Niklaus „die pure Erleichterung“

Nach einer sportlichen Laufbahn voller verletzungsbedingter Rückschläge konzentriert sich der Berliner jetzt auf seine berufliche Zukunft. Neidisch auf Diskusstar Robert Harting ist er nicht.

Foto: FrankHoermann/SVEN SIMON / picture-alliance / Sven Simon

Er sprang mit dem Stab im ersten Versuch über 4,50 Meter – dann war Schluss. Am Wochenende beendete der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer Andre Niklaus bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften in Potsdam still und leise seine sportliche Karriere. Immer wieder hatten den Hallen-Weltmeister von 2006 Verletzungen zurückgeworfen, immer wieder kämpfte sich der Berliner von der LG Nike zurück. Jetzt will er sich ganz seiner beruflichen Zukunft widmen. Morgenpost-Redakteur Sebastian Arlt sprach mit dem 31-Jährigen.

Berliner Morgenpost: Wie waren denn Ihre Gefühle beim letzten Sprung?

Andre Niklaus: Genau so habe ich mir meinen geplanten Abschied vorgestellt. Aber ehrlich, ich hatte auch etwas Bammel und dachte: Bloß keinen Salto Nullo hinlegen…

...also keinen gültigen Versuch.

Ja, der Druck war groß – ich musste ja die Anfangshöhe von 4,40 Meter schaffen. Im ersten Versuch habe ich gerissen, da steigt schon der Puls an. Es war schließlich mein Ziel, zum Abschluss einen vernünftigen Wettkampf hinzulegen.

Warum haben Sie das Ganze im Vorfeld denn gar nicht publik gemacht?

Ich hatte ein paar Wehwehchen und wusste nicht so genau, wie es wirklich wird. Es gibt ja andere Sportlerbeispiele, bei denen ihr Abgang nicht so funktioniert hat. Oder sie sind wiedergekommen, weil sie dachten, ihnen hätte noch etwas gefehlt.

Ihnen fehlt jetzt nichts?

Nein, für mich ist es die pure Erleichterung. Es ist doch klasse, aus freien Stücken sagen zu können: Ich will nicht mehr, ich muss nicht mehr.

Was waren denn die Höhe- und Tiefpunkte in Ihrer Karriere?

Natürlich war mein Weltmeistertitel in der Halle 2006 das absolute Highlight, Olympia-Achter 2008 war okay, aber ein bisschen mehr hatte ich mir da schon erhofft. Auch Titel im Nachwuchsbereich waren Höhepunkte. Die schwersten Niederlagen waren vor allem 2009 die WM in Berlin, aber auch die Olympischen Spiele 2004.

Für Olympia in Athen haben Sie sich nicht qualifiziert, in Berlin konnten Sie wegen einer Verletzung nicht an den Start gehen.

Das war besonders bitter, in der eigenen Stadt! Und wenn man weiß, man hätte es eigentlich drauf, aber es geht nicht, weil der Körper nicht will.

Oft wurden Sie von Verletzungen gebremst. Schwangen dann nicht Zweifel mit, ob Sie wirklich wieder zurückkommen würden?

Nein, zumindest nicht in jungen Jahren. In späteren Jahren stellt man sich dann schon mal die Sinnfrage. Aber Verletzungen machen den Sport auch immer wieder menschlich. Und wenn die Momente kommen, in denen es wieder aufwärts geht – das bestätigt einen dann darin, dass es richtig war, nicht aufzugeben.

Sie waren sportlich auf dem Weg zu einer richtigen Größe, eloquent, locker, ein Sunnyboy. Sie hätten in Deutschland ein Sportstar wie Diskusriese Robert Harting werden können. Da schlummerte doch ein riesiges Vermarktungspotenzial. Trauern Sie dieser verpassten Chance nach?

Vielleicht ist mir das früher schon mal durch den Kopf gegangen. Aber letztlich bringt es nichts. Da verliert man viel zu viel Zeit und Emotionen bei diesem Rumgrübeln, was gewesen wäre, wenn…

Sind Sie nicht doch ein wenig neidisch auf Harting, der sich sehr gut vermarkten kann?

Absolut nicht. Wer Olympiasieger, Welt- und Europameister ist, der darf auch die Geldrangliste anführen. Ich glaube sowieso nicht, dass man als Zehnkämpfer so viel hätte rausholen können. Vielleicht hätte es mir den Sprung ins neue Leben etwas vereinfachen können. Aber es geht auch so weiter, daher jetzt eben auch mein Studium in „International Management“.

Ohne Training, kommt jetzt nicht Langeweile auf?

Bei mir? Niemals.

Was sind Ihre Pläne?

Mein Studium habe ich ja gerade erwähnt. Das gehe ich jetzt mit maximalem Dampf an. Ich möchte es schon im kommenden Jahr mit dem Bachelor abschließen. Da habe ich noch einige Kurse vor mir, das wird nicht einfach, aber machbar. Ich will möglichst schnell fertig werden, um nach dem Ende mit dem Sport auch sagen zu können: Jetzt ist das Thema Uni ebenfalls abgeschlossen.

Wollen Sie beruflich dem Sport verbunden bleiben?

Mit der Motivation eines 23-Jährigen und der Lebenserfahrung eines 31-Jährigen will ich den Einstieg in die Wirtschaft schaffen. Ich hoffe, Unternehmen suchen so jemanden. Ich bin nach allen Seiten offen, es muss nicht unmittelbar mit dem Sport zu tun haben.

Was nehmen Sie vom Sport mit?

Dinge einordnen, Prioritäten setzen, sich vorbereiten, das kenne ich vom Sport und beherrsche ich auch ganz gut. Ich merke beispielsweise an der Uni, dass ich sehr strukturiert arbeite. Das ist das Ziel, das sind Zwischenziele – wie im Sport. Und dass man Erfolge feiern und mit Niederlagen umgehen muss, hat mich der Sport ja auch gelehrt. Das ist im richtigen Leben nicht anders.

Sie sind jetzt 31 Jahre alt, da sind viele schon verheiratet, Familie ist ein Thema. Wie geht es privat mit Ihnen weiter? Seit vielen Jahren sind Sie mit Ilka Semmler, einer Weltklasse-Beachvolleyballerin, liiert…

… Ilka soll jetzt erst einmal bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2016 in Rio weiterspielen. Dann werden wir sehen.