Gegen Gewalt

Fans und Fußball-Verbände schließen „Waffenstillstand“

Beim Berliner Fußball-Gipfel suchten Fans und Funktionäre den Dialog. Ein neues Sicherheitskonzept weckt dennoch Skepsis.

Foto: Alex Domanski / dapd

Das Vip-Zelt im Stadion An der Alten Försterei ist normalerweise der zahlungskräftigeren Kundschaft vorbehalten, die sich ein Spiel des 1. FC Union ansehen möchte. Am Donnerstag war es jedoch Schauplatz einer für den Fußball insgesamt wichtigen Veranstaltung.

Die Fan- und Mitgliederabteilung des Zweitligisten (FuMA) und der Fanclub "Eiserner Virus" hatten zum Fangipfel geladen, und rund 250 Fanvertreter und Sicherheitsbeauftragte aus 49 Vereinen (16 Erst-, 14 Zweit-, 13 Drittligisten und sechs aus unterklassigen Ligen) kamen nach Berlin-Köpenick. Es sollte über das weitere Vorgehen im Umgang mit dem Konzeptpapier "Sicheres Stadionerlebnis" diskutiert werden.

Im Disput der Fans mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) sollte vereinsübergreifend klar Stellung bezogen werden. Es gehe "um den Fußball, den wir mit unseren Emotionen, unserer Leidenschaft zu dem Erlebnis machen, welches die Stadien Woche für Woche füllt", hieß es in der Einladung. Also wurde geredet, sachlich und konstruktiv. Der Fangipfel sei "von allen Seiten sehr ehrlich geführt" worden, sagte Unions Fanbeauftragter Lars Schnell: "Man hört auf, übereinander zu reden, und redet endlich miteinander."

Forderungen und Positionen wurden in Erklärung zusammen gefasst

Gut sieben Stunden später fassten die Fans ihre zentralen Positionen und Forderungen auf einer vierseitigen Abschlusserklärung zusammen. Darin heißt es unter anderem: "Wir erwarten von den Verbänden und Vereinen die Einbindung von Fans in den Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess. Diesem Prozess ist die erforderliche Zeit einzuräumen, der 12. Dezember ist aus unserer Sicht nicht einzuhalten."

An diesem Tag will die DFL das Sicherheitskonzept auf ihrer Vollversammlung beschließen. Wohl wissend, dass ansonsten die Politik die Handlungshoheit übernehmen dürfte. In Sachen Pyrotechnik, so die Abschlusserklärung, dürfe es "im Dialog mit Verbänden, Vereinen und Fans keine Tabus geben" - das schließt ein generelles Verbot mit ein.

Der Fangipfel beim 1. FC Union, der das DFL-Konzept als erster Klub öffentlich abgelehnt hatte und geradezu folgerichtig die Diskussionsrunde ausrichtete, ist der bislang größte Versuch der Fanlager, mit einer Stimme zu sprechen. "Ich bin froh darüber, dass wir gemeinsam mit Fanvertretern hoffentlich Signale aussenden können, die zum Konsens führen können", sagte Andreas Rettig, designierter Geschäftsführer der DFL, im ZDF-Morgenmagazin: "Wir müssen die Guten stärken und die Schlechten, die nur Krawall wollen, aussortieren."

Ausschreitungen in Hannover

Wie schwer dieses Vorhaben ist, zeigte sich erst wieder in der zweiten DFB-Pokalrunde. Das Abbrennen von Pyrotechnik vor dem Spiel zwischen Hannover 96 und Dynamo Dresden in beiden Fanblöcken und der Platzsturm der Dresdner "Fans" nach der Partie haben erneut gezeigt, dass es nicht allen Beteiligten um eine Lösung des Problems geht.

Schon auf der Anreise brannten Dynamo-Chaoten Pyrotechnik ab, warfen Flaschen und stürmten das Stadion, indem sie Ordner, von denen mehrere verletzt wurden, überrannten. 18 Fans nahm die Polizei in Gewahrsam, drei wegen Körperverletzung. "Das Stadion darf für keinen Besucher, aber auch nicht für die Polizei ein Ort des Schreckens werden.

Der Erfindungsreichtum derer, die vorsätzlich Pyrotechnik ins Stadion schmuggeln, ist groß. Das sind keine Fans, die ihre Mannschaft unterstützen wollen", sagte Rettig, der dem Gipfel ebenso als Gast beiwohnte wie der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert und der DFL-Fanbeauftragte Thomas Schneider. "Dieser Fangipfel ist ein deutliches Lebenszeichen der Fans. Wir sollten sie mehr zurate ziehen", sagte Schneider. Dies wurde bei der Erstellung von "Sicheres Stadionerlebnis" versäumt.

Vor allem Rettig erntete bei seiner Rede in der Alten Försterei großen Applaus. "Unser Konzept ist ein Diskussionspapier und nicht in Stein gemeißelt. Die Zeit von Befehl und Gehorsam ist vorbei. Wir können nicht sagen: "Friss oder stirb!" Es geht nur gemeinsam." Rettig stellte klar: "Auch ich bin Fußballfan. Und das gilt ebenfalls für meine Kollegen bei der DFL."

Die Aufgabe ist es heraus zufinden wer die Bösen sind

Doch Rettig machte zuvor auch deutlich: "99 Prozent der Fans geht das nichts an, weil sie auf Augenhöhe diskutieren und friedlich sind. Die Chaoten aber werden wir mit keinem Konzept der Welt einfangen können. Die Herkulesaufgabe ist, herauszufinden, wer die Bösen sind, damit man nicht all die Friedfertigen sanktioniert." Damit spricht er den Fans aus der Seele, die das DFL-Konzept auch wegen drohender Sippenhaft kritisiert hatten.

In umgekehrter Richtung bedeutet dies aber auch, dass die in der Fanszene so oft zitierten selbstreinigenden Kräfte mehr Wirkung zeigen müssen. Und nicht, wie zum Beispiel beim Auftritt der Unioner in Offenbach, einfach übergangen werden. Dort hatten sich am Mittwochabend angesichts der drohenden Niederlage und vermutlicher Provokationen Berliner "Fans" den Zutritt zum Nebenblock verschafft. Die Polizei konnte den Tumult zwar schnell eindämmen, dass jene Chaoten jedoch unbehelligt wieder über den Zaun in den Schutz des Gästeblocks klettern konnten, bestätigt all die Befürworter des Sicherheitskonzepts. Überhaupt sei "die Hemmschwelle geringer geworden. Es gibt keinen Respekt mehr den Institutionen gegenüber", so Rettig. Der Fangipfel bei Union kann ein erster wichtiger Schritt in die andere Richtung gewesen sein.