Ein bisschen erschöpft war sie, aber auch „sehr glücklich“. Und natürlich stolz darauf, dass sie dem Druck vor heimischer Kulisse standgehalten hatte. „Klasse, dass ich meine Serie ausbauen konnte“, sagte Britta Steffen und schüttelte ihre nassen blonden Haare, „ich bin überrascht, dass es für mich im Weltcup so gut läuft“. Mit furiosem Endspurt gewann die Berlinerin am Sonntag in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee in starken 52,88 Sekunden die 100 m Freistil und feierte damit im Weltcup über diese Distanz den fünften Erfolg hintereinander. Anschließend verfolgte sie das 200-m-Rennen ihres Freundes Paul Biedermann, der sich dem Franzosen Yannick Agnel (1:42,10) geschlagen geben musste.

Für einen kurzen Moment machten die beiden Vorschwimmer die sportliche Talfahrt des deutschen Schwimmsports vergessen. Seit Jahren schon dümpelt der Verband in unruhiger See. Im August waren die Athleten des DSV erstmals seit den Sommerspielen 1932 in Los Angeles ohne eine Medaille von ihrer Olympia-Reise wiedergekommen, kaum ein Schwimmer hatte in London seine Bestzeiten erreicht. Ein historischer Tiefpunkt für die Kernsportart, der Anschluss an die Weltspitze ist nicht mehr wirklich gegeben.

Nun gilt es, das Olympia-Debakel zu analysieren und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Doch auch damit tut sich der DSV offenbar nicht ganz so leicht. So kochte am Sonnabend die Diskussion um die auslaufenden Verträge der Stützpunktrainer hoch. Frank Embacher, Coach von Paul Biedermann und in Zukunft auch von Britta Steffen – die Olympiasiegerin zieht zu ihrem Liebsten nach Halle –, setzte den Verband öffentlich unter Druck und liebäugelte gar mit einem Wechsel ins Ausland. Der DSV schaffte es am Abend, die Wogen zu glätten, die offenen Baustellen wie die Suche nach einem neuen Bundestrainer oder eine Strukturreform aber bleiben akut. Der neue Coach und damit Nachfolger des vor knapp einem Jahr geschassten Dirk Lange soll zum 1. Dezember seinen Job antreten. Immerhin gibt es für die Stelle bereits mehrere Bewerber. So bemüht sich neben dem Essener Stützpunkttrainer Henning Lambertz auch der Niederländer Paulus Wildeboer um den verantwortungsvollen Job. „Ich bin jetzt gespannt, wer uns vorgesetzt wird und hoffe, dass es eine gute Zusammenarbeit wird“, sagt Biedermann und weiß: „Derjenige hat ein Riesenstück Arbeit vor sich. Ich wünsche ihm starke Nerven.“

Suche nach einer neuen Struktur

Bereits am Freitag hatte in Frankfurt/Main zum ersten Mal die sogenannte Expertenkommission getagt. Die Runde um Jochen Zinner, Vizepräsident der Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin, und Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der die deutschen Frauen und Männer zu Olympia-Gold geführt hatte, sollen dabei helfen, die schwachen Ergebnisse von London aufzuarbeiten. Die elfköpfige Kommission wird dem Verband eine Empfehlung für eine neue Struktur bei den Beckenschwimmern mit auf den Weg geben, allerdings soll dies erst nach dem Verbandstag am 10. November in Hamburg erfolgen. Auch die Verträge der Bundesstützpunkttrainer sollen dann erst verlängert werden. „Erst die Struktur, dann das Personal“, stellt DSV-Präsidentin Christa Thiel klar. Sie schließt eine mögliche Reduzierung der sechs Bundesstützpunkte nicht aus. „Ende November sollen die Weichen gestellt sein“, erklärt DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow.

Britta Steffen hat bis zum nächsten Weltcup eine Woche Pause, in Gedanken ist sie dabei schon in Halle. „Irgendwie sehne ich mich schon nach Sicherheit und nach einem Umfeld, was hundertprozentig stimmt“, begründet sie ihren Weggang aus Berlin. Man mag ihr wünschen, dass sich ihre Hoffnung erfüllt.

Biedermanns Trainingskollegin Theresa Michalak gelang beim mäßig besetzen Weltcup über 100 Meter Lagen der vierte deutsche Sieg. Die beste Leistung erreichte Frankreichs Olympiasiegerin Camille Muffat, die den Weltrekord über 400 Meter Freistil in 3:54,93 Minuten nur um eine Hundertstelsekunde verpasste.

alex/mel