Schwimmsport

Britta Steffen schwimmt nur gut, wenn sie glücklich ist

Britta Steffen wagt einen Neustart in Halle. Beim Weltcup nimmt Deutschlands Vorzeigeschwimmerin Abschied von Berlin.

Foto: MOHAMMED DABBOUS / REUTERS

Hinfallen, abhaken, aufstehen, weitermachen – nicht wenige Experten hatten gedacht, dass sich dieser Prozess bei Britta Steffen nach den Olympischen Spielen fernab des Chlorwassers abspielen wird. Doch die 28-Jährige ist trotz der Enttäuschungen von London wieder mittendrin im Hochleistungssport. Und damit die Sache mit dem Aufstehen und Weitermachen auch klappt, hat Steffen ihr Training und ihr Leben umgekrempelt. Am Wochenende schwimmt sie nun beim Weltcup in ihrer Heimatstadt Berlin – trainieren und wohnen wird sie dort aber vorerst nicht. Sie zieht zu ihrem Freund Paul Biedermann nach Halle.

Nach den Geschehnissen von London ist solch ein krasser Schnitt vielleicht der einzig richtige. Sie wagt noch einmal Neues, um mit bald 29 Jahren wieder zu den Besten zu gehören. Denn das ist ihr Anspruch. „Ich habe festgestellt, dass ich noch absolut gewillt bin, die Beste zu sein. Sprich: mein Ehrgeiz entwickelt sich“, sagt Steffen.

Gemeinsame Frustbewältigung

Bei den Olympischen Spielen hatte Deutschlands Vorzeigeschwimmerin noch harte Rückschläge einstecken müssen. Erst verpasste die Doppel-Olympiasiegerin von Peking mit der Freistilstaffel den Endlauf, dann schied sie im Halbfinale über 100 Meter aus. Auch mit der Lagenstaffel blieb das Finale nur ein Wunsch. Am letzten Tag der Wettbewerbe verpasste sie dann um nur sieben Hundertstelsekunden Bronze über 50 Meter und zementierte das schlechteste Abschneiden des Deutschen Schwimmverbandes seit 80 Jahren: keine einzige Medaille. „Ich werde auch nicht jünger. Vielleicht ist meine Zeit einfach vorbei, was die 100 Meter betrifft“, sagte Steffen und verabschiedete sich mit den Worten: „Jetzt will ich erst mal in die Pause gehen und mir alles gut überlegen.“

Das tat sie gemeinsam mit Biedermann. Der hatte nicht weniger Schmerzhaftes zu verdauen. Auch er wollte in London eine Medaille holen und fuhr enttäuscht nach Hause. Gemeinsame Frustbewältigung stand auf dem Tagesplan des Paares, als es sich an der Ostsee die Meeresluft um die Nase wehen ließ. Steffen nahm sich Zeit, hörte in sich hinein und verkündete danach „eine Herzensentscheidung“, wie sie es nannte: „Ich werde weitermachen. Schwimmen ist eben mein Ding.“

Der Unterschied: Während bisher die 100 Meter im Fokus standen, konzentriert sie sich jetzt auf die halbe Distanz. Die längere Strecke steht aber erst mal weiterhin auf ihrem Wettkampfprogramm.

Privates Glück im Vordergrund

Wie erfolgreich der Fokus auf die kürzeste Distanz sein kann und wie lange eine Athletin vorne mitmischen kann, demonstriert seit Jahren die Schwedin Therese Alshammar (35). In Berlin treten die beiden gegeneinander an – und das nicht zum ersten Mal seit London. Steffen reiste bereits nach Dubai, Doha, Stockholm und Moskau, um dort bei den Kurzbahnweltcups zu starten. Berlin ist die fünfte von acht Stationen. „Meine Erwartung ist, die Wettkampfhärte zu erlangen, die mir in den vergangenen zwei Jahren gefehlt hat“, sagt Steffen. Offenbar mit Erfolg, wie vier Siege belegen.

Der Wettkampf in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee (Vorläufe 8.30 Uhr, Finals Sonnabend 15.30 Uhr und Sonntag 15 Uhr) wird für Steffen auch eine Art Abschiedsveranstaltung werden. Dabei schien noch vor ein paar Wochen in ihrem Berliner Umfeld alles perfekt zu sein. Ihr Trainer Norbert Warnatzsch hatte seinen Rücktritt vom Rücktritt erklärt, doch dann drehte sich das Karussell überraschend weiter. „Die letzten Jahre meines privaten Glücks habe ich dem Sport untergeordnet. Jetzt möchte ich mit Paul keine Wochenendbeziehung mehr führen“, verkündete Steffen den Umzug nach Halle. Der Entschluss reifte beim Weltcup-Auftakt in Asien. Freund Biedermann, mit dem sie seit zweieinhalb Jahren liiert ist, trainierte derweil daheim. „Dort hatte ich irgendwann das Gefühl: entweder ich versuche das jetzt noch mal komplett mit ihm, oder das wird sich irgendwann auseinander dividieren“, erklärte Steffen.

An ihren sportlichen Zielen wird sie deshalb in der Gruppe von Biedermanns Trainer Frank Embacher arbeiten. Neue Motivation, neue Wettkampfstrategie und dazu eine andere Stadt, ein anderer Coach und ein verändertes Privatleben – Britta Steffen wagt den Neustart mit allen Risiken und vielen Chancen.