Fußball

Gewalt in unteren Berliner Ligen wird zum Problem

Die Gewalt im Berliner Fußball hat eine neue Qualität erreicht. Nie zuvor ist es zu Vorfällen gekommen wie denen am vergangenen Sonntag im Spiel der Kreisliga C zwischen den zweiten Mannschaften von Kickers 1900 und Club Italia in der Schöneberger Monumentenstraße. Morgenpost Online sprach mit Bernd Schultz, dem Präsidenten des Berliner Fußball-Verbandes (BFV), über die Ausschreitungen und wie man ihnen Herr werden kann.

Sonntag im Spiel der Kreisliga C zwischen den zweiten Mannschaften von Kickers 1900 und Club Italia: Ein Kickers-Spieler soll aus Frust über seinen Platzverweis per Handy Freunde gerufen haben. Es kam zu einer Massenschlägerei zwischen rund 40 zum Teil bewaffneten Personen, die Polizei musste einschreiten.

Morgenpost Online: Angesichts der Vorkommnisse vom vergangenen Sonntag - wie viel Spaß macht es derzeit, BFV-Präsident zu sein, Herr Schultz?

Bernd Schultz: Wenn man so ein Amt in dieser Stadt bekleidet, dann ist sicher mit der einen oder anderen negativen Überraschung dieser Art rechnen. Wobei der aktuelle Fall seine Ursachen sicher nicht nur auf dem Fußballplatz hat. Wenn Spieler nach einer Roten Karte derart reagieren, dann muss man sich schon fragen, wie Menschen in dieser Stadt miteinander umgehen, wo man keine Achtung mehr vor der Gesundheit des anderen hat. Insgesamt haben wir es jedoch mit einer erfreulich ruhigen Saison zu tun. Es ist bei weitem nicht so, dass auf unseren Plätzen das Chaos ausbricht. Derzeit häufen sich die Fälle leider, wie auch die Vorfälle vor zwei Wochen bei Concordia Wilhelmsruh (Massenschlägerei im Kreisliga-A-Spiel gegen den 1. FC Neukölln, d.Red.) zeigen.

Morgenpost Online: Wenn Krawallmacher von einem Spieler per Handy gerufen werden, ist das jedoch eine neue Dimension der Gewalt im Fußball. Muss man einen solchen Spieler nicht lebenslang aus dem Verkehr ziehen?

Bernd Schultz: Sollte sich der Sachverhalt so herausstellen - ja. Und obwohl ich stets für Schulungs- und Präventionsmaßnahmen bin, zweifele ich stark daran, ob jemand, der derart handelt, überhaupt noch erreichbar ist. Die Frage ist, wie solche Leute ihr Leben gestalten.

Morgenpost Online: Die Vorfälle vom Sonntag sind sicher kein reines Fußball-Problem. Welche Möglichkeiten hat der BFV dennoch, um so etwas einzuschränken?

Bernd Schultz: Wir müssen permanent versuchen, auf Leute einzuwirken, schnell mit denen ins Gespräch kommen, die auf den Fußballplätzen gewalttätig geworden sind. Das tun wir vor allem im Jugendbereich sehr erfolgreich. Dort gibt es kaum Rückfälle. Im Erwachsenenbereich ist das natürlich schwieriger. Dort gibt es immer wieder Spieler, die nicht nur für uns, sondern auch für Mannschaftskameraden nicht zu erreichen sind. Dort greift sicher nur die Trennung von solchen Spielern. Oft wird der Sport zur Bühne gemacht, auf der es auch um Privatfehden geht. Doch wer so reagiert wie am Sonntag, der hat auf dem Fußballplatz nichts zu suchen, da hilft auch keine Bewährung. Die Aktion war kriminell. Man muss sogar überlegen, ob das nicht eher strafrechtlich zu verfolgen ist.

Morgenpost Online: Muss man in Spielen der unteren Ligen nicht die Sicherheitsvorkehrungen drastisch erhöhen?

Bernd Schultz: Das ist ein ständig wiederkehrendes Problem. Wir haben in Berlin rund 1600 Spiele jedes Wochenende. Wenn dann in den unteren Ligen zwei zweite Mannschaften gegeneinander spielen, stehen außer vielleicht den Mannschaftsbetreuern kaum andere Leute zur Verfügung, die sich um die Sicherheit sorgen. Zumal es hier im konkreten Fall um zwei Vereine geht, die in der Vergangenheit noch nicht negativ aufgefallen sind. Gerade Kickers 1900 ist ein alt eingesessener, eigentlich gut geführter Verein. Dass solche Vereine höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen, erscheint mir allerdings kaum realisierbar. Dann stellt man eher das ganze System in Frage, ob man noch solche Fußballspiele überhaupt veranstalten darf. Man darf vor solchen Vorfällen aber nicht kapitulieren.

Morgenpost Online: Würden Maßnahmen wie Ausschlüsse von Vereinen vom Spielbetrieb oder auch hohe Geldstrafen vielleicht helfen?

Bernd Schultz: Es ist zu unterscheiden, ob es nur die Tat eines Einzelnen ist oder die halbe Mannschaft beteiligt ist. Wenn tatsächlich mehrere Spieler involviert sind, muss man auch zu dem Mittel greifen, komplette Mannschaften auszuschließen. Wir haben auch im Vorfeld einer Saison schon Vereine gezwungen, ganze untere Herren-Mannschaften abzumelden. Wir müssen natürlich darauf achten, dass die Vereine und ihre Verantwortlichen ihre Mannschaften im Griff haben. Und wir haben mit dem FC Jugoslavija (1997, d.Red.) auch schon einen Verein suspendiert. Dort gab es keine andere Möglichkeit mehr. Doch damit verdrängt man natürlich auch einen Teil der Probleme.

Morgenpost Online: Im aktuellen Fall sind in beiden Klubs viele Spieler mit Migrationshintergrund aktiv. Inwiefern spielt das eine Rolle?

Bernd Schultz: Wir haben einen hohen Anteil von Spielern mit Migrationshintergrund, das ist in einer Stadt wie Berlin aber auch nicht verwunderlich. Doch auch wenn es vom Namen her Wurzeln gibt: Viele leben schon in der zweiten oder dritten Generation in Berlin. Diese Leute sind hier aufgewachsen und sozialisiert. Die Vorkommnisse mit der Herkunft der Spieler zu begründen, damit macht man es sich sicherlich zu einfach.

Morgenpost Online: Nach solchen Vorfällen gerät auch der verantwortliche Verband leicht in die Kritik. Was sagen sie den Leuten, die dem BFV vorwerfen, zu wenig für die Sicherheit in den unteren Ligen zu tun?

Bernd Schultz: Dann mögen diejenigen, die das kritisieren, sich einbringen und mit uns gemeinsam überlegen, was man in einem derartigen Spiel in einer derartigen Liga von einem Verein an sinnvollen Sicherheitsmaßnahmen erwarten kann. Da sind im Zweifelsfall Angehörige der Spieler, vielleicht noch Sonntagsspaziergänger - mehr verirren sich in der Regel zu solchen Spielen ja nicht. Soll man jeden Verein nun verpflichten, mit entsprechendem Aufwand Ordner zu verpflichten für Spiele, wo meistens erfreulicherweise nichts passiert? Das halte ich für absolut unverhältnismäßig. Sicher werden wir mit den Vereinen gerade in den unteren Ligen noch einmal intensiv darüber reden müssen, wie gut sie organisiert sind. Doch ihnen große Auflagen zu machen, halte ich für übertrieben.

Gewalt in den unteren Berliner Ligen :

Juli 2009: Nach dem Bezirkspokalspiel Alemannia 90 Wacker gegen BSC Reinickendorf II in der Göschenstraße wird der Alemannia-Torwart von BSC-Spielern in der Kabine verprügelt – Jochbeinbruch.

August 2009: Im Trainingslager von Türkiyemspor in Lindow wird ein U17-Spieler von einheimischen Jugendlichen verletzt.

März 2010: Im Kreisliga-A-Spiel zwischen Concordia Wilhelmsruh und dem 1. FC Neukölln kommt es in der Nordendarena zur Massenschlägerei zwischen Spielern, Trainer und Fans – Spielabbruch.

April 2010: Schlägerei beim Kreisliga-C-Spiel Kickers 1900 II gegen Club Italia II. Nach seinem Platzverweis soll ein Kickers-Spieler die Randalierer per Handy gerufen haben.