Auswärtsspiele in Norwegen gelten in europäischen Wettbewerben gemeinhin als undankbare Lose. Gerade im Herbst und Winter sind die Reisen in den hohen Norden für mitteleuropäische Fußballvereine mit besonderen Herausforderungen verbunden: lange Flugstrecken, widrige Platzverhältnisse und ungemütliche Wetterbedingungen. All das erwartet auch Borussia Dortmund, das am Mittwochabend (21 Uhr/DAZN) in der Ligaphase der Champions League beim norwegischen Vorzeigeklub FK Bodö/Glimt antritt – jenseits des nördlichen Polarkreises.

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Luftlinie liegen zwischen Dortmund und Bodö knapp 2000 Kilometer. Hinzu kommt für den BVB der ungewohnte Kunstrasen, auf dem das Spiel ausgetragen wird, sowie die niedrigen Temperaturen: Sie werden bis zum Anpfiff in der Hafenstadt deutlich in den einstelligen Bereich fallen.
Die größte Schwierigkeit für den Tabellenzweiten der Bundesliga bleibt dennoch sportlicher Natur: Denn Bodö/Glimt flößt inzwischen auch fußballerisch Respekt ein. Zum sechsten Mal in Folge ist Norwegens Platzhirsch auf internationaler Bühne vertreten. Zunächst in der Conference League, anschließend in der Europa League und nun abermals in der Champions League. In der vergangenen Saison hätte der Klub bei seinem Debüt in der Königsklasse beinahe das Viertelfinale erreicht. Im Schatten von Bodö/Glimt ist inzwischen sogar Konkurrenz herangewachsen: Vor einem Jahr gewann Viking FK aus Stavanger die norwegische Meisterschaft, die im Kalenderjahr ausgetragen wird. Derzeit stehen beide Klubs acht Spieltage vor Ende punkt- und torgleich an der Tabellenspitze. Da sich auch Viking FK für die Champions League qualifiziert hat, ist Norwegen erstmals seit 1999/00 wieder mit zwei Klubs vertreten.
So revolutionierte Norwegen seine Talentförderung
Die Erfolge basieren in erster Linie auf einer grundsätzlichen Neuausrichtung der Nachwuchsarbeit im norwegischen Fußball. Der zentrale Entwicklungsfaktor war die Gründung der National Team School im Jahr 2013, einem landesweiten Talentförderungsprogramm. Zuvor hatte die Zahl an Kunstrasenplätzen und Jugendakademien im ganzen Land bereits erheblich zugenommen. Der Hintergedanke war, den Fußball in der Wintersportnation Norwegen vom Sommer- zum Ganzjahressport zu machen. An den finanziellen Mitteln mangelt es den Norwegern dafür traditionell nicht: Das Land verfügt über enorme Erdöl- und Erdgasvorkommen.
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In diesem Zusammenhang revolutionierte sich die eigene Trainingsmethodik. Fortan verstand sich Norwegens Fußball als kognitiver Sport, in dem junge Spieler mehr denn je lernen sollen, Spielsituationen in Echtzeit zu lösen. Dafür kommen spezielle Virtual-Reality-Anwendungen zum Einsatz, ausgearbeitet und weiterentwickelt mit führenden Technologieunternehmen. Im Prinzip geht es darum, die Wahrnehmung auf dem Spielfeld, das Timing und die Entscheidungsfindung in gezielten Übungen zu verbessern. Der Trainingsmodus in der virtuellen Realität erhöht die Vorstellungskraft und Visualisierung. Bestimmte Aktionen mit Mit- und Gegenspielern können beliebig immer und immer wieder simuliert werden. In dieser komprimierten Form ist das auf dem echten Spielfeld nicht möglich. Um dieselben Verbesserungen ohne technische Hilfsmittel zu erzielen, wären unzählige Stunden erforderlich.
Auch Ex-BVB-Star Erling Haaland profitierte
Ein weiterer Vorteil dieser Art von Training ist, dass die körperliche Belastung trotz intensiver Lerneinheiten für Kinder und Jugendliche nicht steigt – stattdessen wird vor allem das kognitive Denken beansprucht. Im Bereich der virtuellen Realität ist Norwegen selbst führenden Fußballnationen voraus. Das Vorgehen hat sich inzwischen dermaßen etabliert, dass die Norweger auf individuelles Techniktraining nahezu verzichten. Es erfolgt immerzu unter Einbindung von möglichst spielnahen Aktionen. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll. Im vergangenen WM-Kader der Norweger standen sämtliche Spieler, die das neue Förderprogramm durchliefen. Zu ihnen gehören unter anderem die Spitzenspieler Erling Haaland von Manchester City und Martin Ödegaard vom FC Arsenal.
Entsprechend hat sich die Spielweise der Nationalelf und ebenso die der heimischen Vereine verändert: Statt des defensiv und körperlich geprägten Fußballs früherer Tage überzeugen norwegische Mannschaften heute durch Spielintelligenz und Kombinationssicherheit. Das bekam auch der BVB beim enttäuschenden 2:2 im Heimspiel gegen Bodö/Glimt in der Vorsaison zu spüren. Die Norweger sind längst nicht mehr zu unterschätzen. Andernfalls gehören zu den Widrigkeiten der Auswärtsreisen nach Norwegen in Zukunft auch sportliche Rückschläge.




