Mit einem großen Pappkarton in der Hand betrat Jürgen Klopp am Donnerstag pünktlich um 10 Uhr den Medienraum am DFB-Campus in Frankfurt. Der neue Bundestrainer hatte den Journalisten etwas mitgebracht. Den Inhalt trug Klopp auf dem Kopf: eine schwarze Kappe mit einem schwarz-rot-goldenen Adidas-Emblem und der Aufschrift „Einer von 83 Millionen“. Die Botschaft: „Positiver Patriotismus“, wie es Klopp formulierte. Der 59-Jährige war zur ersten Kadernominierung seiner Amtszeit auf das Podium gestiegen. Es sollte eine Pressekonferenz werden, die es in dieser Form noch nie gab – und so wohl auch nie wieder geben wird.

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„Ihr kennt ja schon alle Namen, aber wir haben noch ein paar Überraschungen dabei“, sagte Klopp und versprach demjenigen ein Kappengeschenk, der einen bis dahin noch nicht geleakten Namen nennen würde, der auf seiner 44 Spieler umfassenden Kaderliste für die vier Nations-League-Spiele gegen die Niederlande, Griechenland, Serbien und erneut Griechenland stehe. Bambasé Conté, die korrekte Antwort eines Sky-Reporters, war dabei nur einer von mehreren Namen, mit denen Klopp tatsächlich alle Experten überraschte. Als auch noch die Namen Mika Baur und Yannik Engelhardt auf den zwei Bildschirmen aufleuchteten, mussten einige Anwesende erst einmal nachschauen, für welchen Klub die beiden aktuell überhaupt spielen.

16 Nominierte haben noch kein Länderspiel

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16 Spieler hat Klopp für seinen ersten DFB-Lehrgang nominiert, die noch kein Länderspiel bestritten haben. Elf Spieler sind sogar zum ersten Mal überhaupt dabei. Neben Conté (23/1899 Hoffenheim), Baur (22/Celtic Glasgow) und Engelhardt (25/SC Freiburg) sind es die Freiburger Philipp Treu (25), Derry Scherhant (23) und Max Rosenfelder (23), Elversbergs Felix Keidel (23), Augsburgs Hennes Behrens (21), Vitaly Janelt (28) vom FC Brentford, Frankfurts Younes Ebnoutalib (23) und Stuttgarts Finn Jeltsch (20), mit denen in den vergangenen Tagen kaum jemand gerechnet hatte.      

Sie alle verteilen sich auf zwei Kader, die Klopp in den kommenden drei Wochen auf die vier Spiele aufteilen wird. Bei den Partien in der Niederlande (24. September/Amsterdam) und gegen Griechenland in Augsburg (27. September) werden zwei komplett andere Kader dabei sein als bei den Spielen gegen Serbien in München (1. Oktober) und in Griechenland (4. Oktober/Thessaloniki). Lediglich Torhüter Finn Dahmen vom FC Augsburg wird in beiden Kadern aufgeführt. Zudem werden die zuletzt angeschlagenen oder schwer verletzten Jamal Musiala, Nico Schlotterbeck und Serge Gnabry in der gesamten Zeit dabei sein.

Ter Stegen ist wieder die Nummer 1

Mika Baur
Mika Baur stieg mit dem SC Paderborn in die Bundesliga auf und ging dann zu Celtic Glasgow.© Swen Pförtner/dpa | Swen Pförtner

„Wir haben einen anderen Ansatz gewählt“, sagte Klopp zu Beginn seiner insgesamt 70 Minuten langen Ausführungen. Er hätte auch sagen können: Es ist alles anders. Klar ist zunächst nur, dass Torhüter Marc-André ter Stegen die alte und neue Nummer eins sein wird, dass Kapitän Joshua Kimmich wieder im Mittelfeld spielt. Während Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann Kimmich mangels Alternativen bei der Weltmeisterschaft im Sommer hinten rechts spielen ließ, nominierte der Nachfolger in Person von Philipp Treu, Ridle Baku und Josha Vagnoman gleich drei Rechtsverteidiger, die bei der WM nicht dabei waren.

Klopp treibt nach dem blamablen WM-Ausscheiden in der Zwischenrunde einen radikalen Umbruch in der Nationalmannschaft voran. Dabei geht es ihm nicht um Namen und auch nicht primär um Talent, sondern um das sogenannte Mindset der Spieler. „Wir müssen jetzt über die Art und Weise kommen. Es wird eine neue Herangehensweise“, sagte Klopp und schlägt dabei einen Weg ein, den er schon bei Borussia Dortmund erfolgreich gegangen war. Damals wurde er zweimal Deutscher Meister mit Spielern wie Kevin Großkreutz, Marcel Schmelzer oder Sven Bender, die weniger von ihren technischen Fähigkeiten lebten.

Klopp will den deutschen Fußball erneuern

Klopps Ziel ist klar: Die 83 Millionen Bundestrainer in Deutschland sollen wieder Spaß an der Nationalmannschaft haben und sich mit ihr identifizieren können. „Ich erwarte sofort mehr. Es könnte etwas wild werden, aber es sollte lebendig sein“, sagte Klopp. Was man von der DFB-Elf künftig erwarten könne? „Ich wäre schon ganz happy, wenn man uns ansieht, dass wir es wollen.“

Bei der WM war das offenkundig nicht der Fall. Das hat Klopp aus nächster Nähe als TV-Experte beobachtet. Für Spieler wie Leroy Sané oder Deniz Undav ist daher kein Platz mehr. Gleiches wird für den aktuell verletzten Leon Goretzka gelten. Antonio Rüdiger, mit dem Klopp am Mittwoch noch telefonierte, ist bereits aus dem Nationalteam zurückgetreten.

Wie Klopps erste Startelf gegen die Niederlande aussehen wird, ist noch völlig offen. Spätestens seit Donnerstag ist klar: Es wird noch einige Überraschungen geben.