Dieter Ruehle hatte ein Gespür für die Situation in der ersten Drittelpause. Der 57 Jahre alte Amerikaner lebt in Los Angeles, dort bedient er als Organist bei den Heimspielen der Eishockey-Kings und der Baseball-Dodgers die Orgel. Das Instrument gehört zu den größten US-Ligen im Mannschaftssport jenseits des Fußballs genauso dazu wie die besten Spieler ihrer Fächer. Ruehle hat deutsche Wurzeln, auf die sich der Kalifornier wohl im Viertelfinale des olympischen Eishockeyturniers besann. Seine Orgelpfeifen pusteten in wohligem Klang „Völlig losgelöst“ durch die Mailänder Santagiulia-Arena. Als wollte er die deutschen Spieler gegen die Slowakei auffordern, zum befreienden Flug abzuheben. Aber die Aufmunterung verpuffte. Deutschlands Eishockeycracks, an diesem Mittwochmittag so schwer wie Bleienten, vermochten nicht zu schweben.
Olympia-Aus für Eishockey-Team: Tiffels nennt es einen Nackenschlag
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„Ein Nackenschlag“, nannte Frederik Tiffels von den Eisbären Berlin dieses 2:6 (0:1, 1:3, 1:2) gegen die Slowakei. Aus und vorbei war der Traum von der Medaille bei Olympischen Winterspielen, der dritten nach Bronze 1976 in Innsbruck und Silber vor acht Jahren in Pyeongchang. „Das tut schon weh“, gestand Vorzeigespieler Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers, „es ist eine verbrauchte Chance.“ Zumal ein Sieg über die Osteuropäer für seinen NHL-Kollegen Moritz Seider aus Detroit der Maßstab sei: „Klar, man kann nicht erwarten, dass man jedes Mal um eine Medaille spielt“, sagte der Verteidiger. „Aber das war heute eine sehr machbare Aufgabe. Besser hätte es uns nicht treffen können.“

Sollte man meinen, wenn die beste Liga der Welt ihr Personal für Olympia freistellt, das in Norditalien aber überwiegend für Kanada, die USA, Schweden und Finnland oder Tschechien aufs Eis geht. Auf sieben NHL-Spieler kommt Deutschland. Dass es, um ein Team zu sein, viel mehr als nur Stars braucht, wurde sechsmal deutlich, als die slowakischen Anhänger nach Toren ihr „Tiki-liki-bum“ brüllten. Die deutsche Gegenwehr durch Tore von Lukas Reichel (35. Minute) und Frederik Tiffels (50.) war schlicht zu wenig. „Wir haben es mit der Brechstange versucht“, analysierte Seider und senkte den Kopf: „Das wird selten was.“
Olympia-Debatte: Wie sehr war Deutschland auch ein Team?
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Der Schweiß lief Moritz Müller noch den Hals herunter, als er zehn Minuten nach Ablauf der Zeit in den Katakomben das Ausscheiden zu erklären versuchte. „Das Ergebnis ist nicht das Entscheidende“, sagte der 39 Jahre alte Routinier. „Wir haben nie unsere Team-Identität gefunden. Es gibt einen Spielrhythmus: Spielen wir hinten herum, bringen wir die Scheibe schnell nach vorne? Mal war es das eine, mal das andere.“ Müller hatte für das Turnier die Kapitänsbinde an Leon Draisaitl abgeben müssen und schlug kritische Worte an. Stichwort: beste deutsche Mannschaft jemals beim Fünf-Ringe-Spektakel. „Wir haben vielleicht die besten Spieler“, sagte Müller, seit 2004 bei den Kölner Haien, „aber nicht das beste Team. Es ist uns nicht gelungen, geradlinig und verlässlich für andere nach vorne zu spielen.“

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Das Miteinander war bereits nach der Vorrunde diskutiert worden, zu viel lief nach dem Motto: Gib die Scheibe einem der NHL-Stars, der wird’s schon richten. „Manchmal finden sich Mannschaften schnell, manchmal dauert es etwas länger“, sagte Leon Draisaitl, mit sieben Punkten im Turnier bester deutscher Scorer. „Ich glaube, wir waren ein gutes Team.“ Glaube kann bekanntlich Berge versetzen, und der zweimalige Vize-Meister mit den Edmonton Oilers ist jemand, der jeden Abend außergewöhnliche Taten mit dem Stock und dem Puck vollbringen kann. Diesmal aber nicht, wenngleich Moritz Seider ebenso den Eindruck hatte, dass der Einsatz füreinander ausgereicht habe: „In der Kabine haben wir alles dafür getan, um als Mannschaft aufzutreten. Vor allem als gewinnende Mannschaft.“
Olympia-Aus: Viertelfinal-Aus gibt Leistungsstand in der Welt gut wieder
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Das war das Team von Bundestrainer Harold Kreis in fünf Partien aber nur zweimal – gegen die bei diesem Turnier abgehängten Dänen und Franzosen. Gegen die großen Gegner drängte sich der Eindruck auf, dass da doch mehr deutsche DEL gegen nordamerikanische NHL antrat. Das 1:5 gegen die USA war wie Bremerhaven gegen Montréal, das 2:6 gegen die Slowakei wie Iserlohn gegen Edmonton – ein Halbfinale gegen die USA oder Kanada wäre wie Schlusslicht Dresden gegen Doppel-Champions Florida geworden. Vor allem die DEB-Abwehr war nicht olympiareif, der Angriff oftmals zu verschnörkelt und ineffektiv. „Wir müssen uns wieder unser Mindset, unsere Strukturen verdeutlichen“, sagte Seider. „Wir sind eine Mannschaft, die sehr viel über Stolz und Willen kommt. Und hier versuchen wir ab und an, zu süß außen herum zu spielen.“
Aber das Viertelfinal-Aus gibt den Leistungsstand des deutschen Eishockeys ganz gut wieder. Auch wenn Olympia-Silber 2018 und die Vize-Weltmeisterschaft 2023 darüber hinwegtäuschen mögen. In Mailand wird noch bis zum Sonntag zum dritten Mal ein olympisches Turnier mit NHL-Stars ausgetragen. 2010 in Vancouver wurde das DEB-Team um Christian Ehrhoff, Dennis Seidenberg, Jochen Hecht und Marco Sturm nach drei Vorrundenpleiten in der Viertelfinal-Qualifikation vom späteren Olympiasieger Kanada mit Sidney Crosby beim 2:8 regelrecht zerlegt. 2014 hatte Deutschland in Sotschi gar gefehlt. „Wir hätten schon gerne besser spielen wollen“, sagte Leon Draisaitl, ehe er auf den Kufen kehrtmachte und in Richtung Kabine verschwand. Am Willen sind er und seine Kollegen in den letzten Tagen sicherlich nicht gescheitert.







