Die grausame Wahrheit vor ihrer letzten Olympia-Mission ist Lindsey Vonn bewusst. Es ist ja nicht bloß so, dass diese nun schwieriger geworden ist, da die Ski-Queen von ihrem gerissenen Kreuzband im linken Knie weiß. Niemand kennt die Gefahren des alpinen Rennsports besser als die 41-Jährige, die in ihrer bis zum Jahrtausendwechsel zurückreichenden Karriere mit so ziemlich jeder Art von Verletzung zu kämpfen hatte. Doch nun droht eines der größten Comebacks in der Sportgeschichte unvollendet zu bleiben. Eines, das Lindsey Vonn mehr bedeutet als die bloße Jagd nach ihrer vierten Olympiamedaille. Eines, dessen existenzieller Sinn es war, „mir mein Leben zurückzuholen“, wieder Spaß am Skifahren zu haben. Denn am Ende geht es bei ihren letzten Olympischen Winterspielen doch wieder darum, die körperlichen Grenzen zu sprengen, die sie lange bei jedem ihrer Schwünge eingeschränkt haben.
Olympia 2026: Hält Lindsey Vonns Knie für die Abfahrt am Sonntag in Cortina?
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Am Sonntag (11.30 Uhr/ZDF) will Lindsey Vonn die Olimpia delle Tofane bezwingen. Am Freitag zögerte der Nebel über Cortina d’Ampezzo zwar ihren Trainingslauf auf der 2,5 Kilometer langen Abfahrtsstrecke hinaus. Aber wie sie während der ungeplanten Pause lachte und tanzte mit ihren Teamkolleginnen und anschließend auf der Piste die richtige Spur fand: Die US-Amerikanerin hofft, ihre Geschichte vom vorläufigen Karriereende 2019 mit der Rückkehr mit einer Teilprothese im rechten Knie zu krönen.

Ihr Comeback verlief bisher weit erfolgreicher, als Zweifler es wahrhaben wollten: Vonn gewann in dieser Saison zwei Abfahrten, stand in sieben von acht Speed-Rennen auf dem Podest. Doch die fesselnde Erzählung der Medaillenfavoritin enthielt bis zum letzten Januar-Freitag in Crans-Montana kein Fangnetz und keinen Hubschraubertransport ins Krankenhaus. „Das ist nicht das, was ich mir erhofft hatte“, sagte Lindsey Vonn nun. Sie habe hart gearbeitet, um mit einer anderen Ausgangslage zu den Spielen zu kommen. „Ich weiß, wie meine Chancen vor dem Sturz waren – und ich weiß, dass sie jetzt nicht mehr dieselben sind. Aber solange es eine Chance gibt, versuche ich es.“
Lindsey Vonn redet sich vor Olympia-Start stark
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Von ihr veröffentlichte Videos beim Kreuzheben mit schweren Hanteln und die Freitagseinheit auf dem Neuschnee der Dolomiten sollen Lindsey Vonn die Sicherheit geben, am Sonntag die Abfahrt zu absolvieren – und zwei Tage später die Team-Kombination und noch mal zwei Tage später den Super-G. Das Knie sei nicht geschwollen und bereite ihr keine Schmerzen, „ich fühle mich stabil, ich fühle mich stark“, sagte Amerikas einzige Abfahrts-Olympiasiegerin. Und wenn nicht noch Unvorhersehbares geschieht: Lindsey Vonn wird fahren, weil sie eben Lindsey Vonn ist.

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Sie hat ja so viele Gegner bereits besiegt: Hänge, Zeiten und immer wieder ihren Körper. In dem Wissen, dass sich Skirennsport nicht sicher betreiben lässt. Abfahrten bedeuten Geschwindigkeiten von mehr als 130 km/h auf eisigen Pisten. Selbst bei herrlichstem Sonnenschein wird jedes Training, jeder Wettkampf auf dem schmalen Grat zwischen Erhabenem und Katastrophe gefahren. Vonn: „Ich habe immer die Grenzen ausgelotet.“ 84 Weltcup-Siege, acht WM-Titel und drei olympische Medaillen gewann sie nicht durch vorsichtiges Gleiten. „Und weil ich Grenzen auslote, stürze ich und verletze mich öfter, als ich mir selbst eingestehen möchte. Aber das sind die Karten, die mir im Leben ausgeteilt wurden.“ Auch für Sonntag kann sie nicht anders, als sich zu pushen: „Ich werde meine Karten so gut spielen, wie ich kann.“
Lindsey Vonns OP war für mehr Lebensqualität gedacht – aber sie machte das Comeback möglich

Sie weiß, dass es nicht perfekte Bedingungen für ihre letzte sportliche Herausforderung sind – aber Lindsey Vonn macht sie wieder zu ihrer eigenen. Ihr Leben ist reich an Dramen, oft begleitet von tränenreichen Auftritten vor Kameras, als zum Beispiel ihre Freundschaft zu Maria Riesch zerbrach oder Mikaela Shiffrin (108 Weltcup-Siege) zur großen Rivalin wurde. Sollte sie es am Sonntag ins Starthaus schaffen, wird es ihre fünfte Olympia-Teilnahme sein. Wirklich gesund war Vonn eigentlich nur als 17-Jährige 2002 in Salt Lake City, als sie Kombinations-Sechste wurde. Vier Jahre später stürzte sie im Abfahrtstraining filmreif, in Vancouver holte sie 2010 neben Abfahrts-Gold noch Bronze im Super-G. 2014 verpasste sie Sotschi komplett wegen eines zweiten Kreuzbandrisses im rechten Knie, 2018 folgte noch mal Bronze in der Abfahrt von Pyeongchang.
Bis zu ihrer Rückkehr 2024 auf Skiern nahm sich Lindsey Vonn eine fünfjährige Auszeit, in der sie ein aufregendes Leben abseits des Schnees auf roten Teppichen führte. Sie war nicht zurückgetreten, weil ihr Ehrgeiz oder ihre Fähigkeiten verschwunden gewesen waren, sondern „weil mein Körper kaputt war“. Der Termin für die Operation vor knapp zwei Jahren, seit Titan und Kunststoff den geflickten Knochen und verlorenen Knorpel ersetzen, war ursprünglich dafür gedacht, Lebensqualität zurückzuerlangen. Doch der Gedanke an ein Comeback war bereits 2023 gesät, als sie auf geliehenen Skiern brillant wie furchtlos die legendäre Streif in Kitzbühel bezwang. Ohne Schmerzen vergisst Lindsey Vonn heute auch den Grund, warum sie 2019 nach der WM im schwedischen Åre ihre Karriere aussetzte: Abfahrts-Bronze hatte sie nach einem Sturz mit blauem Auge, geprellten Rippen und – wie sie später erfuhr – mit Außenbandriss und Schienbeinfrakturen geholt.
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„Ich fühle mich viel besser als 2019“, sagte sie. „Und dort habe ich trotzdem eine Medaille gewonnen.“ Lindsey Vonn hat kein neues Leben, nur ein neues Knie bekommen. Sie bleibt stets am Limit. Sie bleibt eben: Lindsey Vonn.







