Der Flughafen BER. Der chaotische Marathon 2021, durch den die Abgeordnetenwahl am selben Tag hinfällig wurde und wiederholt werden musste. Und jetzt, ganz aktuell, der Ausbau des Stadions an der Alten Försterei in Köpenick. Berliner Großprojekte und ihre Geschichten des Scheiterns. Im Rest der Republik (und auch in einigen Köpfen der Hauptstadt selbst) der klare Beleg für eine These, die seit Jahren weit verbreitet ist: „Die Berliner können es nicht!“

Donnerstag
Eiszeit – der Eisbären-Newsletter
Jeden Donnerstag alles Wichtige von den Eisbären Berlin – Highlights, News und spannende Einblicke.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Kaweh Niroomands Miene verfinstert sich. „Ich werde sauer. Hier schauen 1,5 Millionen Menschen auf der Straße beim Berlin-Marathon zu, über 80.000 Sportler nehmen daran teil, und alles läuft glatt. Aber niemand redet darüber!“
Berliner Olympia-Bewerbung: Kaweh Niroomand kämpft mit schlechtem Ruf der Stadt
Der Geschäftsführer der BR Volleys ist wütend, weil er zugleich Senatskoordinator der Berliner Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele ist und in dieser Rolle den Menschen erklären muss, warum die Hauptstadt eben doch ein derartiges globales Event ausrichten kann. Und gegenüber den Mitbewerbern München, Hamburg und Rhein-Ruhr der beste deutsche Kandidat dafür sein soll.
Dabei muss Niroomand nur eben ständig gegen den schlechten Ruf Berlins ankämpfen. „Wenn beim Marathon nur ein Haar in der Suppe gewesen wäre, hätte uns die ganze Welt wieder runtergemacht!“
„Über den Dächern Berlins“: Gespräch über die Chancen der Berliner Olympia-Bewerbung
Der alte Grundsatz „Tue Gutes und rede darüber“ war in der Hauptstadt zweifelsohne noch nie besonders ausgeprägt. Niroomand kämpft mit Leidenschaft dafür, das zu ändern. Wenn er über die Spiele spricht, vermittelt er den Eindruck, er bräuchte nur ein einzelnes, mickriges Streichholz, um die ganze Stadt in Begeisterung anzuzünden. Wenn ihm die Leute doch nur zuhören würden!
Auf dem Event „Über den Dächern Berlins“, das von der Berliner Morgenpost und den weiteren Partnern der Messe Berlin, der Wall GmbH und „VDP. Die Prädikatsweingüter“ bereits zum achten Mal ausgerichtet wurde, passierte am Dienstagabend genau das. Gemeinsam mit Christopher Krähnert, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft in Berlin und Sprecher der Initiative „Wir für die Spiele“, wurde Niroomand in der „260 Grad Rooftop Bar“ am Uber Platz durch Morgenpost-Chefredakteur Peter Schink vor geladenen Gästen aus der Stadtgesellschaft zur Berliner Olympiabewerbung befragt.
Berlin: Stadt der Widersprüche – und Stadt der Lösungen
„In Berlin ruckelt es immer, wir sind die Stadt der Widersprüche“, bekannte auch Niroomand – allerdings nicht, ohne anzufügen: „Aber wir sind auch die Stadt der Lösungen! Am Ende kriegen wir die Dinge doch immer wieder hin!“ Zahlreiche erfolgreich ausgerichtete Sportgroßveranstaltungen seien der Beleg dafür, sagte der Senatskoordinator der Olympiabewerbung.
Dennoch werden in und um Berlin herum angesichts der Bewerbung der Hauptstadt gerade wieder volle offene Fragen zur Planung laut. Während in Hamburg und München direkt angeordnete Volksabstimmungen zur jeweiligen Bewerbung geplant sind, gibt es in Berlin diese Möglichkeit gemäß Landesverfassung nicht. Wie also könnte in Berlin der Rückhalt der Bevölkerung nachhaltig und für alle sichtbar festgestellt werden?
Volksinitiative sammelt Unterschriften für Olympische Spiele in Berlin
Der Landessportbund hat dafür die Volksinitiative „Die Spiele für Berlin“ gestartet, in deren Namen schon seit Anfang Juli Unterschriften für die Berliner Olympiabewerbung gesammelt werden. 20.000 Stück müssen zusammenkommen, damit die Initiative an das Berliner Abgeordnetenhaus übergeben werden kann. Diese Zahl ist noch nicht erreicht, weshalb Niroomand, Krähnert und auch weitere Unterstützter wie etwa LSB-Präsident Thomas Härtel im Nachgang der Veranstaltung per Hand bei den Gästen noch Unterschriften einsammelten.

Die hatten Gelegenheit, eifrig über die Möglichkeiten der Spiele in Berlin zu diskutieren. Dafür standen nicht nur die Sportfunktionäre als Gesprächspartner zur Verfügung, sondern auch zwei olympische Goldmedaillengewinner selbst: Ronald Rauhe (Kajak, Athen 2004 und Tokio 2021) und Svenja Brunckhorst (3x3-Basketball, Paris 2024).
Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 war für Raue ein emotionaler Anstoß
Beide sind durch ihre Verbindung zur Hauptstadt prominente Botschafter der Berliner Olympiabewerbung: Rauhe ist in Spandau geboren und berichtete bei „Über den Dächern“, allein durch die (hinterher krachend gescheiterte) Berliner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 den ersten emotionalen Anstoß bekommen zu haben, solch ein Ereignis selbst erleben zu wollen. Brunckhorst ist als Managerin für den Frauen- und Mädchenbasketball bei Alba Berlin tätig und möchte den jüngsten Hype um ihre Sportart in der Stadt konservieren.

Und so zeigte dieser Abend mit all seinen Geschichten über den Sport, seine Werte und seine positiven Implikationen für die Gesellschaft, dass Niroomand recht hat: Allein der Dialog kann Menschen bewegen. Ganz zum Ende der Podiumsdiskussion, als letzte von mehreren Wortmeldungen aus dem Publikum, meldete sich eine Frau, die angab, in der Charité beschäftigt zu sein: „Ich wollte eigentlich nichts sagen, wurde aber durch meine Vorrednerin dazu motiviert.“
Niroomand: „Wir müssen die Stimmung umdrehen!“
Und so referierte die Dame darüber, dass Berlin sich eine derartig ambitionierte medizinische Einrichtung wie die Charité eigentlich nicht leisten könne. Dass das Personal völlig überlastet und das ganze Krankenhaus allgemein unterbesetzt sei. Dass aber durch wirklichen Willen der Menschen, durch die pure Leidenschaft, der Betrieb am Laufen gehalten werde und viele Leben gerettet werden können.
Mit menschlichem Willen kann vieles, wenn nicht gar alles, gelingen. Dazu nochmal Niroomand: „Die Zivilgesellschaft ist eine wichtige Säule der Demokratie, die muss sich engagieren. Die Stadt braucht eine gemeinsame Perspektive. Und Olympia könnte diese Perspektive sein.“
Und dieses Verständnis müsse eben in die Köpfe der Menschen: „Wir müssen diese Stimmung umdrehen! Wie viel müssen wir noch beweisen, damit wir Berliner wieder an uns glauben und sagen: Wir kriegen das hin?“





