Beim Siegerfoto hält Nikita Volodin die deutsche Flagge ganz selbstverständlich hoch. Stolz lächeln er und Minerva Hase in die Kamera und präsentieren Anfang November ihre Goldmedaillen. Im französischen Angers sind die beiden Eiskunstläufer in die Grand-Prix-Saison gestartet und haben Platz eins geholt, gemeinsam für Deutschland. Es geht nur gemeinsam in ihrer Disziplin, dem Paarlauf, bei dem sie sich synchron übers Eis bewegen, umeinander wirbeln und durch die Luft fliegen. Und sie harmonieren miteinander, das sieht man an ihrer nahezu fehlerfreien Choreografie in Angers und an der Bronzemedaille bei der WM im März in Montreal.
Die Leistung der Eiskunstläufer zahlt sich langsam aus
Ihre Leistungen brachten Minverva Hase eine Nominierung bei der Champions Wahl zu Berlins Sportlerin des Jahres ein. Auch die Öffentlichkeit wird immer mehr auf sie aufmerksam, es gibt zunehmend Berichte über die Erfolge des Paares. „Man merkt kleine Schritte, aber es sind wenigstens kleine Schritte nach vorn“, sagt Hase, die als Sportsoldatin bei der Bundeswehr arbeitet und zusätzlich Psychologie an der Humboldt-Universität studiert.
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Der Weg dahin war nicht einfach, Ende 2022 war Hase ohne Partner auf dem Eis. Ihr Trainer, der Russe Dimitri Savin, ging für sie auf die Suche. „Er hat sich in der ganzen Welt umgehört und dann Nikita gefunden“, erzählt die Eiskunstläuferin. Die beiden vereinbarten ein erstes Training und bemerkten schnell, dass sie gut harmonieren. Beide sind 25 Jahre alt, haben ähnliche Ziele, ein ähnliches Mindset, Rhythmus und Laufstil passen zueinander.
Die politische Lage zwingt Hase und Volodin zu ungewöhnlichen Maßnahmen
Schnell baute Hase das Vertrauen auf, das nötig ist, um sich von Volodin in die Luft werfen und wieder auffangen zu lassen. „Er hat immer einen sicheren Eindruck gemacht und in jeder Situation erst mich gerettet, bevor er selbst geguckt hat, wo er landet“, berichtet sie aus dem gemeinsamen Training.

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Dabei müssen sie allerdings ungewöhnliche Mittel einsetzen. Denn: Seit Russland die Ukraine angegriffen hat, kann Hase nicht nach Russland zu ihrem Trainer reisen. Stattdessen lebt und trainiert das Eiskunstlaufpaar in Berlin und hat zusätzlich einen deutschen Coach. Doch Savin gehört weiterhin zum Trainerstab, er beobachtet die beiden per WhatsApp-Videoanruf, das Handy wird auf der Eishockeybande an der kurzen Seite der Fläche platziert, damit Savin alles im Blick hat. Und dann gibt es noch Trainingslager, bei denen Savin auch vor Ort sein kann.
Für die Olympischen Winterspiele muss Volodin Deutscher werden
Doch nicht nur Hases Trainer ist Russe, auch Volodin kommt aus dem Staat, der Europas Frieden bedroht, aber auch für seine exzellenten Eiskunstläufer berühmt ist. Zwischenmenschlich gibt es deswegen keine Probleme, erzählt Hase. Trainer und Partner seien nette Persönlichkeiten, und über den Ukraine-Krieg würden sie privat nicht viel sprechen. „Wir sind hier, um unsere sportlichen Leistungen zusammen zu erfüllen, um gemeinsam Spaß auf dem Eis zu haben.“
Doch um auch 2026 bei den Olympischen Winterspielen in Italien gemeinsam Spaß auf dem Eis zu haben, muss Volodin zunächst eine große Hürde überwinden. Denn während es für den russischen Staatsbürger mit Erlaubnis seines Heimatverbandes kein Problem ist, bei Europa- und Weltmeisterschaften gemeinsam mit Hase unter deutscher Flagge aufzulaufen, sieht das bei Olympia anders aus. Das Internationale Olympische Komitee erlaubt keine Teams mit gemischten Nationalitäten. Damit ist klar: Für eine gemeinsame Medaillenchance muss Volodin Deutscher werden.
Olympische Winterspiele 2026? „Mit Nikita oder gar nicht“
Doch um eingebürgert zu werden, muss der Sankt Petersburger ausreichende Deutschkenntnisse vorweisen. Daran arbeitet er seit Mai dieses Jahres, erzählt Hase, und wird immer besser. Zwei- bis viermal die Woche nimmt er Unterricht, online, damit er zeitlich flexibel bleibt und das Training nicht darunter leidet. Untereinander sprechen sie eine Mischung aus Deutsch und Englisch, gelegentlich ermahnt Volodin „Minnie“, wie er Hase nennt, mehr deutsche Wörter zu verwenden. Das große Ziel: Im Mai 2025 soll Volodin zum ersten Mal versuchen, sich einbürgern zu lassen. Sollte das nicht klappen, dann wäre noch genug Puffer für weitere Versuche.
Hase kennt die Olympischen Winterspiele bereits, 2022 war sie in Peking dabei, doch ihr damaliger Partner erkrankte vor Ort an Corona, vom Siegertreppchen blieben sie weit entfernt. 2026 soll das alles besser werden, gemeinsam mit Volodin gilt sie als die große Medaillenhoffnung für den deutschen Eiskunstlauf. Und wenn Volodins Einbürgerung nicht klappt? Fährt Hase dann mit einem deutschen Partner nach Italien? Die Antwort ist eindeutig: „Mit Nikita oder gar nicht.“




