Sie stemmte ihr schwarzes Rad in die Höhe, so als wollte Emma Hinze damit zeigen, dass in ihr noch viel mehr Kraft steckt. Auf den Rängen des Berliner Velodroms huldigten ihr derweil fast 5000 Zuschauer mit Ovationen. Dem Eindruck, den die 22-Jährige bei dieser Bahnrad-WM hinterlassen hat, konnte sich einfach niemand entziehen. In drei Rennen war die Cottbusserin angetreten, drei Mal gewann sie Gold. Zum Abschluss drückte sie den Titelkämpfen am Sonntag mit dem Erfolg im Keirin ihren ganz persönlichen Stempel auf – und wirkte anschließend immer noch, als hätte sie in diesen Tagen kaum Energie eingebüßt.
Wie einen Traum erlebte Hinze diese Heim-WM. Den grandiosen Auftakt im Teamsprint mit den Kolleginnen Pauline Grabosch (22/Erfurt) und Lea-Sophie Friedrich (20/Dassow), den Erfolg im Sprint und schließlich den im Keirin. „Ich glaube, ich werde noch Tage brauchen, zu realisieren, was ich hier erreicht habe“, sagt Hinze. In allen drei olympischen Disziplinen trägt sie nun das Regenbogentrikot, so wie zuletzt 2014 die große Kristina Vogel. Friedrich gewann zudem das 500-Meter-Zeitfahren, womit die deutschen Frauen alle Kurzzeit-Disziplinen gewannen und dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) eine großartige Medaillenbilanz verschafften. Sechs Plaketten waren es im Vorjahr (1 Gold/2 Silber/3 Bronze). Ausgerechnet im Olympiajahr kann sich der BDR über vier goldene, eine silberne und drei bronzene Medaillen freuen. Nur die Niederländer waren noch erfolgreicher.
Erfolge basieren noch auf Vogel und Welte
Gab es vor dieser WM noch irgendwelche Zweifel, ob die neue Generation der Sprinterinnen nach dem Karriereende der Olympiasiegerinnen Vogel und Miriam Welte schon bereit ist für die ganz großen Momente, so hätten die jungen Frauen sie in Berlin nicht eindrucksvoller ausräumen können. Im Gegenteil, dominanter als je zuvor kommen die schnellen BDR-Damen daher. Sie alle haben noch mit den einstigen Golden Girls gemeinsam trainiert. „Welte und Vogel haben mit ihren Erfolgen den Nachwuchs mitgerissen, darum haben wir jetzt diese Stärke“, sagt Bundestrainer Detlef Uibel.

Vor allem Hinze sticht heraus. Sie war im Teamsprint die entscheidende Fahrerin, die 22-Jährige Cottbusserin prägte zudem den Sprint. „So deutlich, wie sie dieses Turnier dominiert hat, so habe ich das bei noch keiner Frau gesehen“, so Uibel. Dabei hatte Hinze noch nie einen Weltcup in dieser Disziplin gewonnen, das machte diesen Moment des Sieges so einzigartig, dass ihr erstmals die Tränen kamen im Ziel. Auch im Keirin gewann sie alle Läufe klar.
Auch die Ausdauer-Frauen sind Weltspitze
Ebenso die Ausdauer-Frauen lassen die Verantwortlichen mit großer Zuversicht nach Tokio blicken. Der Vierer mit Lisa Brennauer (Durach), Lisa Klein (Erfurt), Gudrun Stock (München) und Franziska Brauße (Öschelbronn) gewann Bronze und verdeutlichte, dass der Spielraum viel größer ist. Da die Qualifikation etwas misslang, konnte das Team nur im kleinen Finale antreten. Später aber legten die Frauen einen fantastischen deutschen Rekord hin in 4:11,039 Minuten, es war die beste Zeit des gesamten Wettbewerbs und nur knapp über dem Weltrekord. „Die Türen stehen offen, es ist alles drin“, sagt Brennauer.
Das gilt umso mehr nach der Einerverfolgung, in der Brennauer, Brauße und Klein die Plätze zwei bis vier belegten. „Darum muss unser Ziel nicht sein, eine Medaille in Tokio zu gewinnen: Wir müssen nach Gold greifen!“, so Klein unmissverständlich. Selbst BDR-Sportdirektor Patrick Moster zeigt sich angetan: „Dass der weibliche Bereich in dieser Breite überragt, war selbst für uns überraschend.“
Berliner Kluge/Reinhardt holen einzige Medaille bei den Männern
So ambitioniert die BDR-Frauen die Olympischen Spiele in Angriff nehmen können, so unsicher sind die Erfolgsaussichten bei den Männern. Wobei Moster festhält, dass auch hier alle Minimalziele, sprich die Olympia-Qualifikationen, erreicht worden sind. Sowohl im Vierer als auch im Teamsprint belegten die Männer sechste Plätze, den Verfolgern gelang sogar ein deutscher Rekord in 3:50,304 Minuten. „Das lässt mich für Tokio hoffen“, erzählt Ausdauer-Bundestrainer Sven Meyer. Die größte Aussicht auf Edelmetall dürfte ganz klar das Berliner Madison-Team Roger Kluge und Theo Reinhardt haben. Die Weltmeister der vergangenen beiden Jahre belegten diesmal beim Sieg der Dänen den dritten Platz und gewannen die einzige Medaille bei den Männern. Kluge wurde zuvor im ebenfalls olympischen Omnium WM-Vierter.
Etwas weiter weg vom Podium sind die Sprinter. Trotzdem versucht Moster, das Positive hervorzuheben. „Wir stehen besser da als erwartet“, so der Sportdirektor. Im Keirin wurde Stefan Bötticher (Chemnitz) Fünfter. „Die Lücke zu den Niederländern ist kleiner geworden. Das stimmt mich zuversichtlich mit Blick auf Olympia“, so Bötticher, der im Sprint auf Rang sechs fuhr.
Bei den Frauen steht der Bundestrainer nun vor der Qual der Wahl. Er verfügt über drei starke Sprinterinnen, doch in Tokio dürfen nur zwei starten. „Der Erfolg von Berlin ist gut für das Selbstvertrauen“, so Uibel: „Aber unsere Arbeit ist noch lange nicht beendet.“ Derzeit sieht es allerdings so aus, als wäre zumindest Emma Hinze nicht aufzuhalten.


