Kleine Schritte sind ihm wichtig, nahe Ziele. Das liegt in seinem Naturell. Stefan Bötticher sieht in sich den harten Arbeiter, der von Tag zu Tag denkt. Vielleicht von Woche zu Woche, aber nicht viel mehr. Mit Olympia will sich der Bahnradfahrer deshalb vor der WM in Berlin noch gar nicht beschäftigen, setzt jede Beziehung zu Tokio in den Konjunktiv. Die Spiele sind ja erst im Sommer.

Bötticher weiß gut, wie weit entfernt plötzlich vieles sein kann. Ein Ziel, sogar eine Karriere. Der Mann ist 28 Jahre alt, ausgestattet mit unheimlich viel Talent. Olympische Spiele kennt der Sprinter dennoch nur aus dem Fernsehen. Das soll sich natürlich in diesem Jahr ändern. „Das schwirrt in einer gewissen Art und Weise immer im Hinterkopf mit, dass es ein ganz besonderes Jahr ist“, sagt der Chemnitzer und versucht, den Blick auf den Weg zu fokussieren, nicht auf dessen Ende.

Bötticher fährt mit Engler und dem Berliner Levy

Sein Weg nach Tokio führt über den Teamsprint in Berlin. Drei Männer, eine Aufgabe. Am Mittwochabend soll sie im Velodrom gelöst werden (Entscheidungen ab 18 Uhr). „Wir müssen auf der Hut sein, weil in der Quali alle so eng beieinander liegen“, sagt der zweifache Weltmeister. Das deutsche Team ist Fünfter, dahinter liegen einige Mannschaften dicht beisammen. Nur acht Teams dürfen starten in Tokio. Und bei der WM gibt es noch einmal deutlich mehr Punkte als bei den Weltcups.

Die verliefen für die deutschen Kombinationen nur bedingt zufriedenstellend. Zu Saisonbeginn fehlte der erkrankte Bötticher, zudem brachte die Suche nach dem besten Anfahrer keine schnellen Ergebnisse. „Viel wird über die erste Runde entschieden, da sind wir vielleicht nicht so konkurrenzfähig, nachdem Robert Förstemann und René Enders aufgehört haben“, sagt Bötticher. Eric Engler (Cottbus) wird nun anfahren, Bötticher an Position zwei übernehmen, der nimmermüde Routinier Maximilian Levy aus Berlin darf vollenden.

Obwohl dem deutschen Team die Power am Start etwas fehlt, sieht Bötticher andere Qualitäten: „Was uns ausmacht, ist, dass wir ein harmonisches Team sind, das es schafft, konstant über den Wettkampf zusammenzubleiben. Was bei vielen Nationen durch die schnelle Anfahrtszeit nicht immer gegeben ist.“ Gegen die bärenstarken Niederländer ist aber selbst mit Konstanz wenig auszurichten. Obwohl zu Jahresbeginn im Trainingslager in Südafrika noch einmal mit sehr großen Gängen gearbeitet worden ist.

Zwischendurch stand die Karriere infrage

Das ist der Trend auf der Bahn, immer größere Übersetzungen. Das erfordert nicht nur hartes Krafttraining, sondern auch hochintensive Bahneinheiten. „Das ist ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist. Den Schritt müssen wir mitgehen, und das tun wir auch“, sagt Bötticher. Jeder muss dabei aber seinen eigenen Weg finden. Überbelastungen können auch mit Nebenwirkungen verbunden sein. Ein kleiner Muskel im linken Oberschenkel etwa ließ Bötticher fast zwei Jahre pausieren, legte den Körper lahm, trieb den Doppel-Weltmeister (Sprint und Teamsprint) von 2013 fast in das Karriereende.

Anfang 2018 kehrte er in Berlin beim Sechstagerennen zurück, war im vergangenen Jahr schon wieder WM-Dritter im Keirin. „Ich bin körperlich jetzt da, wo ich sein will“, sagt der gebürtige Thüringer, der mit 91 Kilogramm ein eher schwerer Rennfahrer ist und von seiner Kraft lebt. Die extremen Gänge der Niederländer sind dennoch nichts für ihn. „Weil ich von der Veranlagung trotzdem sehr schnell bin, auch mit etwas kleineren Gängen sehr schnell fahren kann. Und am Ende ist es ja nicht das Ziel, den größten Gang zu fahren, sondern am schnellsten“, sagt der Athlet, der auch in Keirin und Sprint starten möchte.

Vorfühlen für die Spiele bei der Keirin-Tournee in Japan

Vor allem für den Keirin hat er seine Politik der kleinen Schritte aber schon mal vernachlässigt, sich im vergangenen Sommer nach Japan abgesetzt. Dort nahm Bötticher an der internationalen Keirin-Tournee teil, durfte auf der Olympiabahn trainieren. Er wollte nichts dem Zufall überlassen, dafür ist dieses Jahr einfach zu wichtig. „Ich bin jetzt im perfekten Alter, ob das in vier Jahren immer noch der Fall sein wird, weiß ich nicht. Ich habe diesen Winter und auch im vergangenen Jahr alles dafür getan, um hier bei der WM und dann gegebenenfalls bei Olympia in Topform am Start zu sein. In der Form meines Lebens hoffentlich“, erzählt der Chemnitzer, der bei allen Perspektiven nun wieder das in den Vordergrund stellt, was vor ihm liegt.

Im Teamsprint am Mittwoch „muss der erste Lauf sitzen“, die Qualifikation gegen die Uhr, nach der sich der weitere Wettkampf sortiert. Einen Tag später steht schon der Keirin auf dem Programm. Den schätzt Bötticher aber realistisch ein: „Die WM vor Olympia ist immer die WM, die am schwersten zu gewinnen ist. Weil es bei allen darum geht, die Startplätze einzufahren.“ Aussichtslos ist der Kampf um das Podest aber nicht, auch hier gilt der Konjunktiv. Es könnte sein, dass es klappt.