Der Kreis schließt sich. Sogar gleich auf dreifache Weise. Das macht die nächsten Tage gerade für die deutschen Bahnradfahrer sehr besonders. Nach drei Jahren mit großen Wettkämpfen auf der Rennbahn im Velodrom erleben sie nun den Höhepunkt dieser Veranstaltungsreihe mit der Weltmeisterschaft. Zum anderen ist diese WM für alle Nationen der Abschluss der zweijährigen Qualifikationsphase für die Olympischen Spiele im Sommer. Außerdem stellt diese WM den Endpunkt einer Periode dar, denn zum letzten Mal werden die Titelkämpfe zu dieser Jahreszeit ausgetragen. Der Bahnradsport steht vor vielen Veränderungen.

Die werden am Dienstag Thema eines Treffens der Führungsriege des Weltverbandes UCI sein, bevor es von Mittwoch bis Sonntag natürlich um Medaillen geht. Die Prämisse gerade für die Athleten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) ist allerdings eine andere. „Ganz wichtig ist uns die Absicherung der Olympia-Qualifikation. Im Omnium der Frauen werden wir in Tokio nicht antreten, aber in allen anderen Disziplinen liegen wir derzeit in einer guten Position. Die gilt es zu festigen, um die Startplätze zu sichern“, sagt Sportdirektor Patrick Moster.

Berliner Duo Kluge/Reinhardt will den dritten Titel

Der Schwerpunkt liegt dabei in der Mannschaftsverfolgung und beim Teamsprint, über diese Disziplinen ist die Qualifikation für Tokio am besten zu realisieren. Wobei die Frauen durch konstant gute Resultate in dieser Saison deutliche Vorteile gegenüber den Männern haben. Gerade im Teamsprint ergaben sich bei den Männern immer wieder Schwierigkeiten, weil die Position des Anfahrers nicht adäquat besetzt werden konnte. „Für uns muss es das Ziel sein, unter die besten Acht zu kommen“, sagt Erik Engler (Cottbus), der von Kurzzeit-Bundestrainer Detlef Uibel für Berlin nun dazu auserkoren wurde, das deutsche Trio in Schwung zu bringen.

Die besten acht Nationen dürfen bei Olympia im Teamsprint antreten, ebenso in der Teamverfolgung. Beim Vierer verlief die Entwicklung zwar etwas besser, doch auch hier will Bundestrainer Sven Meyer jetzt nicht an Medaillen denken: „Die Olympiaqualifikation hat Vorrang. Wir werden lieber Vierter in Berlin und kämpfen in Tokio um Medaillen.“

Ohne Ambitionen auf Edelmetall gehen die deutschen Sportler dennoch nicht an den Start. „Das ist immer ein Ziel. Dafür leben die Sportler. Aber wir werden sie nicht mit irgendwelchen Vorgaben unter Druck setzen“, sagt Moster. Die Sprintfrauen um Emme Hinze (Cottbus) dürfen nach starken Leistungen bei den Weltcups allerdings mit dem Podest liebäugeln. Auch der Frauen-Vierer um Lisa Brennauer (Durach) gehört nach stetigen Steigerungen zur Spitzenklasse. Sowohl in der Einer-Verfolgung der Männer als auch bei den Frauen gibt es gute Medaillenchancen. Im Blickpunkt stehen aber vor allem die Berliner Roger Kluge und Theo Reinhardt, die vor heimischem Publikum besonders motiviert sind, ihren WM-Titel im Madison aus den beiden Vorjahren erfolgreich zu verteidigen.

Zuschauerinteresse ist diesmal groß

Insgesamt 20 Titel sind in Berlin zu vergeben, fast 400 Sportlerinnen und Sportler aus 45 Nationen wollen an den Start gehen bei der WM, die nach 1999 die zweite im Velodrom ist. Der BDR als Veranstalter erwartet vor allem von Freitag bis Sonntag sehr gut gefüllte Ränge im Velodrom, nachdem die Europameisterschaften 2017, der Weltcup 2018 und die deutschen Meisterschaften 2019 eher mageres Interesse hervorgerufen hatten. „Eine WM ist aber noch einmal etwas anderes“, sagt Organisationschef Burckhard Bremer, der etwas damit hadert, dass das ZDF als Rechteinhaber lediglich am Sonntag in einem Livestream aus Berlin berichtet. Und nach Bremers Gefühl damit weniger präsent ist als bei den nationalen Meisterschaften im Vorjahr, die im Rahmen der Finals 2019 recht große Aufmerksamkeit erfuhren.

Für André Korff verbindet sich mit dieser WM nicht nur die Hoffnung auf Medaillen, sondern auch eine Sorge, und zwar um die Zukunft. Der Ausdauerbundestrainer der Frauen weiß nicht genau, was auf ihn zukommen wird. Bei den Frauen, gerade im Vierer, gibt es keine so große Spezialisierung wie bei den Männern. Seine Athletinnen sind stets auch auf der Straße unterwegs und verdienen dort ihr Geld. Nach der WM in Berlin aber wird der Terminkalender reformiert. Die WM rückt in den Oktober, die Weltcups sollen nicht mehr in der Wintersaison stattfinden. Straßen- und Bahntermine liegen dann näher beieinander. „Wir werden extreme Probleme kriegen bei den Frauen, weil wir nicht die Masse an Sportlerinnen haben“, sagt Korff. Klingt, als wäre die Präparation für Berlin die letzte entspannte WM-Vorbereitung für ihn gewesen.