Marathon

Marathon-Gewinner Bekele: Ein Sieger ohne Lächeln

Äthiopier verpasst den Weltrekord in Berlin nur um zwei Sekunden und ist zu enttäuscht, als dass er sich über den Erfolg freuen kann.

Bekele verpasst knapp Marathon-Weltrekord

Kenenisa Bekele aus Äthiopien hat beim Marathon in Berlin den Weltrekord um nur zwei Sekunden verpasst.

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Berlin. Ungewöhnlich leise Töne hatten die Veranstalter des Berlin-Marathons in diesem Jahr angeschlagen. Einen Weltrekord werde es sicher nicht geben, hatte Renndirektor Mark Milde noch zwei Tage vor dem Start verlauten lassen, schließlich fehle mit Eliud Kipchoge der dominierende Athlet der vergangenen Jahre. Am Sonntag wurde Milde jedoch beinahe eines Besseren belehrt. Der Äthiopier Kenenisa Bekele entschied die 46. Auflage des Berlin-Marathons nach 2:01:41 Stunden für sich und sorgte damit für die zweitschnellste jemals erreichte Zeit. Einzig der Kenianer Kipchoge, der 2018 in Berlin 2:01:39 Stunden gelaufen war, lag in der Geschichte noch einen Hauch vor ihm.

Dahinter lief Birhanu Legese als Zweiter mit 2:02:48 Stunden auf Rang vier der ewigen Bestenliste, Dritter wurde Sisay Lemma (beide Äthiopien) in 2:03:36 Stunden. Nie zuvor gab es bei einem Marathon in der Welt ein schnelleres Podium.

Von einem strahlenden Sieger konnte trotzdem keine Rede sein, da mochte das Publikum auf der Zielgeraden auf der Straße des 17. Juni noch so sehr feiern. Mit eisiger Miene war Bekele ins Ziel gelaufen, und statt die Arme jubelnd nach oben zu reißen, stemmte er sie bloß enttäuscht auf die Knie. „Das tut schon weh, den Weltrekord nur um zwei Sekunden verpasst zu haben“, meinte er und entschuldigte sich fast dafür, dass er nicht noch schneller gelaufen war. Wobei offen blieb, ob er sich selbst dabei nicht am meisten leidtat.

Probleme auf der Strecke bei Bekele

Denn einer wie er gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden. 16 Mal war er Weltmeister auf der Bahn oder im Cross, noch immer hält er die Weltrekorde über 5000 und 10.000 Meter. Seine Fans nennen ihn ehrfürchtig den „König der Läufer“. Auf der Straße war Bekele bislang jedoch nicht über die Rolle des Kronprinzen hinausgekommen.

Zwar hatte er 2016 bei seinem ersten Erfolg beim Berlin-Marathon den damaligen Weltrekord ebenfalls nur um sechs Sekunden verpasst. Es folgten jedoch viele Enttäuschungen, und manch einer vermutete schon, dass Bekele die Aufgabe nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen würde.

„Viele haben geglaubt, dass meine Karriere vorbei ist, aber ich bin nach Berlin gekommen, um das Gegenteil zu beweisen“, sagte der 37-Jährige. Auch am Sonntag schien der Äthiopier nach keineswegs optimaler Vorbereitung bereits geschlagen: Nach 35 Kilometern hatte er zwischenzeitlich 13 Sekunden Rückstand auf seinen Landsmann Birhanu Legese, konnte die Lücke aber auf den folgenden zwei Kilometern wieder zulaufen und seinerseits attackieren. „Ich hatte leichte Oberschenkelprobleme. Nachdem sich die Muskeln wieder entspannt hatten, habe ich aber wieder Gas gegeben“, erklärte er sein Comeback.

Während bei den Männern also der Favorit triumphierte, hatten im Rennen der Frauen die hoch gehandelten Gladys Cherono (Kenia) und Meseret Defar (Äthiopien) nicht viel zu melden – beide gaben vorzeitig auf. Titelverteidigerin Cherono verpasste damit das Ziel, als erste Läuferin zum vierten Mal in Berlin zu gewinnen. Erste wurde stattdessen die Äthiopierin Ashete Bekere in 2:20:14 Stunden vor ihrer Landsfrau Mare Dibaba (2:20:21). „Es ist mir eine besondere Freude, in Berlin zu gewinnen und dabei auch noch eine neue Bestzeit aufzustellen“, sagte die Überraschungssiegerin. Renndirektor Milde freute sich zwar über ein spannendes Rennen, bei dem die Entscheidung erst am Brandenburger Tor fiel. Er gab aber ehrlich zu: „Wir hatten bei den Frauen schon auf ein wenig schnellere Zeiten spekuliert.“

Kejeta schafft die Olympianorm, Hahner nicht

Nichts zu meckern gab es dagegen über das Ergebnis von Melat Kejeta. Die gebürtige Äthiopierin, die seit sechs Jahren in Kassel lebt und seit März auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, feierte mit 2:23:57 Stunden ein starkes Debüt über die längste aller Laufstrecken. Als Sechste unterbot sie die Olympianorm deutlich und ordnete sich hinter Irina Mikitenko (2:19:19) und Uta Pippig (2:21:45) auf Platz drei der ewigen deutschen Bestenliste ein. Dagegen verpasste Anna Hahner die Norm mit 2:36:34 Stunden klar. Bei den Männern gab Philipp Pflieger das Rennen wegen Hüftproblemen auf.

Als Melat Kejeta im Vorfeld davon gesprochen hatte, sogar 2:22 Stunden laufen zu wollen, hatten ihr das viele nicht zugetraut. Doch die 27-Jährige hatte den Mund nicht zu voll genommen und lag bis kurz vor Schluss exakt auf diesem Kurs, ehe sie ihrem hohen Tempo ein wenig Tribut zollen musste. „Ich habe zwar mein Ziel nicht erreicht, die 2:22 Stunden, bin aber glücklich und stolz, die Olympianorm geschafft zu haben. Damit bin ich meinem Traum näher gekommen, eine große Läuferin zu werden“, sagte Kejeta.

Kenenisa Bekele zählt dagegen längst zu den Größten des Sports. „In Zukunft werde ich noch schneller laufen“, kündigte er auf der Pressekonferenz schon einmal an. Und zum ersten Mal an diesem Tag hatte er dabei ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen. Weltrekordler Eliud Kipchoge wird die Botschaft vernommen haben.