Der starke Saisonstart von Sebastian Vettel und Ferrari lässt in der Formel 1 den Glauben an das Ende der Mercedes-Ära wachsen. „Das ist der Wendepunkt“, legte sich der frühere Weltmeister Damon Hill schon vor dem Großen Preis von China am Sonntag (8.10 Uhr, RTL) beim britischen Sender Sky Sports fest: „Wir haben Mercedes so lange dominieren sehen. Aber Weltreiche entstehen und fallen. Vielleicht beginnt gerade eine neue Ferrari-Ära.“

Nach zwei Siegen zum Saisonauftakt eroberte Sebastian Vettel beim dritten WM-Lauf im Reich der Mitte wieder die Poleposition vor Teamkollege Kimi Räikkönen. Das Gleiche war dem Duo schon beim vergangenen Rennen in Bahrain gelungen, zwei „rote“ Startreihen nacheinander hatte es zuletzt im Jahr 2006 gegeben. Valtteri Bottas kam als bester Mercedes-Fahrer auf Rang drei.

Pole außer Reichweite für Mercedes

Der Titelverteidiger und fünfmalige China-Sieger Lewis Hamilton musste sich bei Temperaturen von nur zwölf Grad im zweiten Silberpfeil mit dem vierten Platz begnügen. „Wir dachten heute, dass wir um die Pole kämpfen würden, aber sie war außer Reichweite“, sagte Bottas. Vor allem der riesige Rückstand von über einer halben Sekunde auf die roten Rivalen machte das Weltmeister-Team nachdenklich. „Wir haben die Reifen nicht in das richtige Temperaturfenster bekommen“, meinte Teamchef Christian „Toto“ Wolf. Der Österreicher setzt darauf, dass es im Rennen wärmer wird.

Laut Wettervorhersagen ist am Sonntag mit 20 Grad zu rechnen, allerdings gibt es im erwarteten Ein-Stopp-Rennen wenig Spielraum für taktische Überraschungen. „Das war ein schwieriger Tag“, räumte Weltmeister Hamilton ein, „Ferrari war schnell, und ihr Auto funkioniert offensichtlich überall. Es wird schwierig sein, sie zu überholen. Ich werde kämpfen müssen.“ Mit einem Platz in den Top 10 würde der Brite zum 27. Mal in Folge in den Punkten landen und damit Räikkönens Rekord brechen. Nur wird kaum Freude aufkommen, wenn er im Kampf um den fünften WM-Titel gegen Vettel chancenlos bliebe.

Plötzlich spricht alles für Vettel

„Es sieht auf jeden Fall so aus, als habe sich das Blatt erstmals in der Turbo-Hybrid-Ära gewendet“, analysierte Hill. Seit der Einführung des neuen Motorenreglements zur Saison 2014 hatte Mercedes alle Titel in der Fahrer- und Hersteller-WM gewonnen. In China waren die Silberpfeile in den vergangenen vier Jahren besonders stark und immer vorn, nun spricht plötzlich alles klar für Vettel. Für Hill sind die aktuellen Ergebnisse auch relevant mit Blick auf Hamiltons noch ausstehende Vertragsverlängerung bei Mercedes. „Wenn dies der Beginn einer neuen Ära ist, dann sollte Hamilton sich gut überlegen, ob er einen langfristigen Kontrakt unterschreibt“, sagte der 57-Jährige. Die Vertragsverlängerung wird seit einer Weile erwartet, bislang hat Mercedes aber noch nichts verkündet. „In diesem Titelkampf gibt es absolut keinen Spielraum für Fehler“, hat Teamchef Wolff längst festgestellt im Wissen, dass er mehr verlieren kann als Titel.

Schon zweimal haben seine Strategen im Rennen entweder falsch oder zu spät reagiert, Hamilton ist der Fernsteuerung bereits überdrüssig. Das schafft Unruhe, im Cockpit wie am Kommandostand – es ist das Ferrari-Syndrom aus dem letzten Jahr. Die Champions, die in der Konstrukteurs-WM zurückliegen, müssen jetzt auf ihre ganze Routine setzen. Denn auch der PS-Vorteil vergangener Jahre scheint jedenfalls nicht mehr zu bestehen, Ferrari ist auf den Geraden an Mercedes dran, auch der sogenannte Party-Modus mit der Extra-Power für die Qualifikation scheint nicht mehr zu helfen.

„Deren Motor ist definitiv nicht schwächer als unserer. Sie machen einen sehr starken Eindruck. Mal sehen, wie es um die Zuverlässigkeit steht, aber rein vom Auto her sind sie auf Augenhöhe mit uns“, hatte Hamilton schon vor den ersten Runden in China zugegeben. Die entscheidende Zeit wird in den Kurven gutgemacht, wo die Balance von Vettels „Loria“ endlich stimmt. „Das Auto ist berechenbarer, fühlt sich gesünder an“, lobte Vettel die Arbeit der Ingenieure und Mechaniker. Zuletzt hatte der Deutsche 2009 in China gewonnen, damals noch im Red Bull.

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