EM-Kolumne

Bob Hanning: Es gibt keine Alibis mehr

Der Berliner Bob Hanning fordert von der deutschen Mannschaft eine Steigerung, um bei der Handball-EM den Traum vom Halbfinale zu leben.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning (r.) und Bundestrainer Christian Prokop

DHB-Vizepräsident Bob Hanning (r.) und Bundestrainer Christian Prokop

Foto: picture alliance

Eins war bei der Handball-Europameisterschaft in Kroatien von vornherein klar. Die Unbeschwertheit und Leichtigkeit, die wir bei den Titelkämpfen 2016 aufs Parkett gezaubert haben, würden wir diesmal nicht haben. Damals in Polen hatten wir nichts zu verlieren und wurden dann völlig überraschend Euromeister, jetzt gehören wir zu den Gejagten. Diese Leichtigkeit findest du als Titelverteidiger nicht mehr. Die wird auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland nicht finden. Der Druck von außen ist immens gewachsen, und ich habe bei den Bewertungen immer das Gefühl, dass das Glas halbleer statt halbvoll ist.

In der Tat gab es in der Vorrunde Licht und Schatten bei der deutschen Mannschaft. Im Angriff haben bislang die letzte Konsequenz und der Drang zum Tor gefehlt. Gegen Slowenien und Mazedonien haben wir uns mitunter den Schneid abkaufen lassen. Folgerichtig gehen wir nur mit zwei Punkten in die Zwischenrunde. Wir haben nicht die optimale Punktausbeute, die wir uns erhofft haben. Aber ergebnistechnisch ist alles noch im grünen Bereich. Immerhin haben wir in der Vorrunde auch drei gefühlte Auswärtsspiele ordentlich überstanden. Und mit Finn Lemke hat die Abwehr wieder ihre Stabilität zurückgefunden. Es war die richtige Entscheidung von Bundestrainer Christian Prokop, ihn nach dem zweiten Vorrundenspiel nachzuholen. Lemke ist unser emotionaler Leader in der Defensive.

In der Hauptrunde dürfen wir uns jetzt keinen Ausrutscher mehr erlauben, wenn wir den Traum vom Erreichen des Halbfinals aufrecht erhalten wollen. Wir sind am Freitag gegen Tschechien (18.15 Uhr, ZDF) klarer Favorit und zum Siegen verdammt. Es gibt keine Alibis mehr. Fakt ist, wir müssen jetzt liefern, ohne Diskussion. Die Wahrheit liegt in diesen 60 Minuten. Dafür müssen wir das Selbstbewusstsein und unsere innere Stärke wiederfinden.

Daran mangelt es derzeit noch bei zu vielen Spielern. Vor allem im Rückraum müssen Steffen Fäth, Julius Kühn und Philipp Weber mehr Verantwortung übernehmen und ihre Leistungen abrufen. Die drei Spieler können viel mehr, da ist noch Luft nach oben. Unser Füchse-Spieler Paul Drux hat mich gegen Slowenien völlig überzeugt, gegen Mazedonien hatte er auch nicht seinen besten Tag. Wir müssen wieder lockerer spielen. Die PS, die die Truppe hat, müssen auf die Straße.

Tschechien nimmt bislang die Rolle ein, die wir 2016 innehatten. Sie rocken als Überraschungsteam das Turnier, haben sogar Olympiasieger Dänemark geschlagen. Das macht sie gefährlich. Dennoch müssen wir sie besiegen. Das sind wir auch den Fans schuldig, die in der Heimat vor dem Fernseher mitfiebern. Für unsere Spiele wurde sogar in der ARD die Tagesschau verschoben. Das ist außergewöhnlich und zeigt den Respekt vor unserer Sportart - und dass der Druck und die Erwartungshaltung gestiegen sind.