Hamburger SV

HSV-Coach Markus Gisdol – „Wir gehören zum unteren Drittel“

HSV-Trainer Markus Gisdol über die Situation die Ziele mit dem, Streikprofi Walace und eine einsame Silvesternacht auf der Autobahn.

HSV-Trainer Markus Gisdol (3.v.l.) und sein Team bereiten sich in Spanien auf den Rückrundenstart gegen Augsburg in einer Woche vor

HSV-Trainer Markus Gisdol (3.v.l.) und sein Team bereiten sich in Spanien auf den Rückrundenstart gegen Augsburg in einer Woche vor

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Jerez de la Frontera.  Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zeigt sich Markus Gisdol (48) pragmatisch. Weil der Barmann im Teamhotel Barcelo Montecastillo den Fernseher nicht leise stellen will, deutet der HSV-Trainer auf eine Sitzecke im Durchgang. „Dann gehen wir doch da hin“, sagt Gisdol, der zum Gespräch lediglich ein stilles Wasser bestellt. Aber Vorsicht: Stille Wasser sind tief.

Herr Gisdol, viele Menschen überlegen sich zum Jahreswechsel einen guten Vorsatz. Haben Sie ein besonderes Ziel für 2018?

Markus Gisdol: Nein, das mache ich eigentlich nie. Und hätte ich ein besonderes Ziel ausgesprochen, hätte es auch keiner gehört.

Warum das? Wie und wo haben Sie denn Silvester gefeiert?

Alleine. Auf der Autobahn.

Im Ernst?

Ganz im Ernst. Aber das hatte eher praktische Gründe. Wir hatten die Wahl der Qual: Entweder einen Tag länger mit der ganzen Familie in Süddeutschland verbringen oder gemeinsam früher aus dem Urlaub abreisen und ein halbes Silvester zusammen in Hamburg feiern. Wir haben uns für den zusätzlichen Urlaubstag in Süddeutschland entschieden. Und die Familie ist auch noch ein wenig länger geblieben, weil die erste Januarwoche ja noch Schulferien sind.

Und wie war es um Mitternacht auf der Autobahn?

Ziemlich leer (lacht). Ich bin wahrscheinlich noch nie so gut durchgekommen wie am Silvesterabend. Um Mitternacht war ich eine halbe Stunde vor Hamburg. Irgendwie war es ein komisches Gefühl, aber um Punkt zwölf Uhr habe ich dann natürlich mit meiner Familie telefoniert.

Unabhängig von Silvestervorsätzen würden wir gern ganz grundsätzlich mit Ihnen über Ziele sprechen. Ihr Ziel mit dem HSV in der Rückrunde …

… ist natürlich der Klassenerhalt. Dieses Ziel steht über allem. Unser kurzfristiges Ziel ist, dass wir deutlich effektiver als in der Vorrunde werden. Unser mittelfristiges Ziel ist, dass wir eine Mannschaft beisammen haben, die stabil ist und Schritt für Schritt nach oben klettern kann.

Dieses mittelfristige Ziel hatte manch einer schon im vergangenen Sommer ausgerufen. Da hieß es, dass man in diesem Jahr „eine ruhige Saison“ spielen wolle. Ohne Dauerabstiegskampf. Können Sie sich damit arrangieren, dass man die Zielsetzung nun korrigieren muss?

Intern war uns immer klar, dass es nicht leicht werden würde. Selbstverständlich hätten wir uns in der Hinrunde ein paar Punkte mehr gewünscht. Und diese Punkte hätten wir holen können. Haben wir aber nicht. Und deswegen sind wir nun leider wieder in dieser schwierigen und auch sehr gefährlichen Situation, wo es erst mal nur um das Ziel Klassenerhalt gehen kann.

Um fußballerische Defizite auszugleichen, haben Sie neben der Fitness auch große Stücke auf die mannschaftliche Geschlossenheit gehalten. Wie gehen Sie nun damit um, wenn der Spieler Walace persönliche Ziele vor die des Teams stellt und verspätet im Trainingslager erscheint?

Das Fehlverhalten von einem Spieler bringt glücklicherweise noch nicht die ganze Mannschaft aus dem Tritt. Aber Sie haben schon recht: Die Mannschaft steht immer über allem. Das muss jeder kapieren. Auch Walace.

Und wenn er es nicht kapiert?

Ich habe den Vorfall in der Kabine noch nicht großartig thematisiert. Denn so eine wichtige Rolle spielt ein Einzelner eben nicht. Man sollte das Fehlverhalten nicht überhöhen. Damit macht man es wichtiger als es für die Gruppe insgesamt ist.

Beim HSV kennt man seit sechs Jahren nichts anderes als die Zielsetzung Klassenerhalt. Wie lange kann sich ein Klub wie der HSV dieses Ziel leisten?

Wegen der Vergangenheit träumt man in Hamburg immer von anderen Zielen. Aber die aktuellen Gegebenheiten und Umstände muss man realistisch sehen und akzeptieren, dass man momentan zum unteren Drittel der Liga gehört. Das Ziel muss sein, möglichst gut in diesem unteren Drittel der Liga abzuschneiden. Diese Situation muss man annehmen. Wenn man die Situation nicht annimmt, dann steigt man schneller ab als man denkt.

Kennen Sie Bryan Tracy?

(überlegt) Müsste ich?

Der Buchautor gilt als einer der größten „Erfolgslehrer“ der Welt, der rund 70 Bücher über Ziele und Zielsetzungen geschrieben hat. Seine Kernthese ist, dass die meisten Menschen erreichbare Ziele nicht erreichen, weil sie sich aus Angst vor dem Scheitern gar nicht erst Ziele setzen. Hat er recht?

Jein. Ich bin schon ein Fan davon, dass man sich Ziele setzt. Sie dürfen ambitioniert, sollten aber gleichzeitig realistisch sein. Und dabei gilt es in kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele zu unterscheiden. In meiner Trainerlaufbahn habe ich mir immer hohe Ziele gesetzt.

Sie sind in der Kreisliga B als Trainer gestartet. War die Bundesliga Ihr Ziel?

Nein. Das wäre zu dem Zeitpunkt kein realistisches Ziel gewesen. Ich wollte immer das Maximale in der jeweiligen Situation rausholen. Egal ob damals bei der TSG Salach oder heute beim HSV. Mein Lebensziel war es nicht, Bundesligatrainer zu werden.

Haben Sie ein Lebensziel?

Ja. Das kennt meine Frau. Das kennen meine Kinder. Und sonst keiner.