Zweite Liga

Union sorgt für den großen Knall von Köpenick

Unions überraschende Trennung von Trainer Keller offenbart die Sorge, den Aufstieg erneut zu verpassen. André Hofschneider übernimmt

Jens Keller ist seit Montag nicht mehr Trainer des 1. FC Union

Jens Keller ist seit Montag nicht mehr Trainer des 1. FC Union

Foto: Matthias Koch / imago/Matthias Koch

Berlin.  Lutz Munack eilte über den Parkplatz, der zwischen der Haupttribüne des Stadions und der Geschäftsstelle in der Alten Försterei liegt. Jeder Versuch, dem Geschäftsführer Sport des 1. FC Union ein Statement zu entlocken, wurde abgeblockt. Es sollte der Auftakt eines Montags beim Berliner Fußball-Zweitligisten werden, der vor allem durch die Geschehnisse in die Klubhistorie eingehen wird.

Die Nachricht, dass die Köpenicker keine drei Wochen vor Weihnachten Trainer Jens Keller und seinen Assistenten Henrik Pedersen entlassen haben, ist ohne Zweifel eine Überraschung. Neuer Chefcoach ist André Hofschneider, der seit Saisonbeginn für Unions A-Junioren verantwortlich war, in 14 Bundesligaspielen aber nur zwei Siege einfahren konnte und Vorletzter ist.

Erst später bezog Munack als Hauptverantwortlicher für den sportlichen Bereich bei Union per Pressemitteilung Stellung zu der Personalie. „Es ist ein harter Schnitt, den wir vollziehen, weil wir ihn für notwendig halten. Mit unserer Spielweise und den Ergebnissen der letzten Wochen werden wir nicht den Ansprüchen gerecht, die wir klar formuliert und mit der Gestaltung des Kaders im Sommer deutlich untermauert haben“, wird Munack zitiert. Mit anderen Worten: Union sieht den erhofften Aufstieg in die Bundesliga hochgradig gefährdet.

Spieler sind von Trainer-Entlassung überrascht

Die Reaktion der Mannschaft zeigt, dass auch sie von Kellers Entlassung überrascht wurde. Beim Spielersatztraining der Reservisten, geleitet von Co-Trainer Sebastian Bönig, am Tag nach dem 1:2 in Bochum ging es ungewöhnlich still zu. Auch die Auswechselspieler vom Sonntag trabten mehr oder weniger ratlos über den Rasen.

Die Stammspieler wagten sich nur vereinzelt ans Licht. Grischa Prömel, Marc Torrejón und Toni Leistner schauten nach dem Auslaufen nochmal am Trainingsplatz vorbei. Während sich Abwehrchef Leistner nach kurzem Moment wortlos auf den direkten Weg ins Warme machte, standen die anderen beiden noch lange am Geländer und schauten ihren Teamkollegen beim Torschuss zu. Die Blicke verunsichert, ja fassungslos. Reden wollte niemand. Durfte offenbar auch niemand. Wie aus Kreisen der Mannschaft zu vernehmen war, herrschte am Montag Redeverbot.

Wie groß die Sorgen in der Klubführung sind, dokumentiert der Zeitpunkt der Entscheidung: zwei Spiele vor der Winterpause. „Unser Vertrauen darin, in der bestehenden Konstellation Konstanz in unsere sportlichen Leistungen zu bekommen, ist nicht mehr gegeben. Wir haben uns deshalb entschieden, unverzüglich zu handeln. Vor uns liegen zwei enorm wichtige Spiele, die wir erfolgreich bestreiten wollen“, erklärte Munack.

Gegen Dresden und Ingolstadt müssen sechs Punkte her

Ohne Zweifel sind in den beiden Heimspielen am Sonnabend gegen Dynamo Dresden (13 Uhr) und sechs Tage später zum Rückrundenstart gegen den FC Ingolstadt (15.12., 18.30 Uhr, beide Alte Försterei) Siege Pflicht, wenn der Abstand zur Aufstiegsregion von derzeit fünf Punkten nicht weiter wachsen soll. Daran ändert auch der Dämpfer für Bundesliga-Absteiger Ingolstadt nichts, der bei seiner Aufholjagd nach schwachem Saisonstart am Montagabend gegen Braunschweig mit 0:2 (0:0) verlor. Keine Frage, auf Union wartet eine heiße Vorweihnachtszeit.

Keller selbst reagierte bei ran.de schockiert auf seine Demission: „Ich kann es nicht verstehen. Wir waren in der vergangenen Woche noch in guten Gesprächen über einen neuen Vertrag.“ Gute Gespräche, die auch Unions Präsident Dirk Zingler noch vor knapp zwei Wochen im Rahmen der Mitgliederversammlung bestätigt hatte. Auch dass er für Kontinuität auf der Trainerposition ist. Doch das glückliche 3:3 gegen Darmstadt und nun die Pleite in Bochum haben Zingler und Munack umdenken lassen.

Die Reaktionen der Fans reicht von Fassungslosigkeit bis Wut. „Einen besseren Mann als Keller wird Union nicht bekommen. Sehr schade und unverständlich“, hieß es auf Twitter. Oder auch: „Das wars dann mit dieser Saison. Vielen lieben Dank an unsere größenwahnsinnige Vereinsführung.“

Dem Kader fehlt es an Führungsspielern

Fakt ist: Unter Keller nahm Union einen sportlichen Aufschwung wie unter kaum einem anderen Trainer seit 2009. Unter ihm wurde Union zu einer Zweitliga-Spitzenmannschaft, die endlich ernsthaft um den Bundesliga-Aufstieg mitspielen kann. Fakt ist aber auch, dass Union unter Keller derzeit die dritte sportliche Delle erlebt. Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison, als Union sich Ende März zum Klassenprimus aufschwang, hatte das Team in den entscheidenden Spielen nichts mehr zuzusetzen. Der Start dieser Saison war durch die fünf Spiele ohne Sieg geprägt, die Union zunächst wieder zum Verfolger werden ließen.

Zuletzt schien es so, als hätte die Konkurrenz den Keller-Code geknackt. Kellers Kritiker werden ihm Eindimensionalität in der taktischen Ausrichtung seines Teams vorwerfen. Auch dass er mit den permanenten Auswechslungen von Kapitän Felix Kroos und der Verbannung von Steven Skrzybski auf die Bank zwei Säulen des erfolgreichen Teams der Vorsaison brüskierte. Skrzybski ließ seinem Unmut darüber sogar öffentlich Wechselgedanken folgen. Doch Union muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob die Qualität des Kaders nach den Erfahrungen des Frühjahres wirklich ausreicht für das nervenaufreibendste Aufstiegsrennen seit Jahren. Eine wirkliche Führungsfigur – abgesehen von Stürmer Sebastian Polter – sucht man bei Union momentan vergeblich.

„Wir haben jetzt im Spiel öfter unsere Linie verloren. Es gilt, relativ schnell intern zu klären, woran das liegt“, hatte Polter noch nach der Bochum-Pleite am Sonntag gesagt. Unions Verantwortliche haben eine Begründung sehr schnell präsentiert.