42 Minuten brauchte Neymar Júnior, um eine Ära zu beenden. Die eines gloriosen Dreizack, des vielleicht besten Sturmtrios aller Zeiten, das in einer einzigen Saison mal 131 gemeinsame Tore schoss. Die staunenswerter Dribblings und nonchalanter Demütigungen auch der grimmigsten Verteidiger. Eine Ära aber auch mit jeder Menge Ärger. Schon sein Weg nach Barcelona war von so dubiosen Manövern gepflastert, das er einen Klubpräsidenten das Amt und den Verein Strafzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe kostete. Er beschäftigt immer noch die spanische Justiz.

Ob es sich mit seinem Abgang vier Jahre später genauso verhalten wird, war im Verlauf des Mittwochs noch nicht abzusehen. Fest stand, dass er 42 Minuten nach seiner morgendlichen Ankunft an Barcas Übungsgelände wieder abfuhr und sich in dieser Zeit von Trainer und Teamkollegen verabschiedet hatte. Rund eine Stunde später wiederholte sich das Prozedere auf der Geschäftsstelle mit Präsident und Vorständen. Der Klub teilte mit, dass der 25-jährige Brasilianer ihn verlassen wolle und vom Training freigestellt sei, um seine Zukunft zu klären. Man habe ihn jedoch daran erinnert, dass für eine dauerhafte Aufhebung seiner Vertragspflichten die Zahlung der Ausstiegsklausel „in ihrer Gänze“ erforderlich sei: 222 Millionen Euro.

Als Nachfolger ist Dortmunds Dembélé im Gespräch

Diese Summe macht den Fußball kirre, seit Neymars Sehnsucht nach Veränderung publik wurde. Sie übertrifft den bisherigen Rekordtransfer (Paul Pogba, Juventus Turin zu Manchester United, 105 Millionen) um mehr als das Doppelte. Neymar zieht es nach Frankreich. Bei dem aus Katar alimentierten Paris St. Germain kann er aus dem Schatten des übermächtigen Lionel Messi treten, sich für Ehren wie den Weltfußballer empfehlen und außerdem noch mehr Geld verdienen.

Während sich der Spieler zum „Abschalten“ nach London verabschiedete, erklärte der mit seinen Angelegenheiten co-beauftragte Spieleragent Wagner Ribeiro: „Der PSG wird die Klausel bezahlen und den Spieler gegen Ende der Woche präsentieren.“ Bereits am Sonnabend starten die Franzosen mit einem Heimspiel gegen Amiens in die Ligasaison, da würde man das neue Luxusexponat gern ausstellen. Doch jetzt, da die Katalanen den Spieler offiziell verloren geben, haben auch sie einen gewissen Zeitdruck. Sie brauchen ja Ersatz, wobei nicht zuletzt Dortmunds Ousmane Dembélé interessiert.

Schenken, so viel ist klar, werden sich Barcelona und Paris nichts. Das Verhältnis beider Vereine gilt als miserabel, wobei das denkwürdige 6:1 in der Champions League vorigen März (mit einem überragenden Neymar) nicht mal die Hauptrolle spielt. Vielmehr ärgerte sich Barca wiederholt über die apodiktische Weigerung von PSG-Klubchef Nasser Al-Khelaifi, über den Verkauf von Profis wie Verteidiger Marquinhos oder Mittelfeldmann Verratti zu verhandeln. Nun haben sich die Vorzeichen umgekehrt: Paris ist auf ein Entgegenkommen Barcas angewiesen.

Messi verabschiedet sich mit einem Video von Neymar

Bei Zahlung einer der in Spanien üblichen Ausstiegsklauseln muss das Geld den Statuten nach vom Spieler beim Ligaverband LFP hinterlegt werden. Üblicherweise einigen sich die Vereine darauf, diesen bürokratischen Umweg zu vermeiden und den Vorgang zum Transfer zu erklären. Paris hat daran gesteigertes Interesse, weil das französische Finanzamt die Erstattung der Ausstiegsklausel an Neymar als Prämienzahlung werten und dafür Steuern verlangen könnte, die das Gesamtvolumen des Geschäfts auf rund 300 Millionen Euro erhöhen würden. Und weil LFP-Chef Javier Tebas zuletzt gesagt hat, er würde die Zahlung der Ausstiegsklausel nicht annehmen, da es sich beim PSG um einen „Staatsklub“ handele, der mit unlauterem „Finanzdoping“ aus Katar seine eigentlich defizitären Konten schönrechne.

Während Barca zudem erklärte, eine ursprünglich für den 31. Juli fällige Prämie an Neymars Vater fürs erste eingefroren zu haben, scheint dem Abtrünnigen wenigstens sein bisheriger Lehrmeister nicht böse. „Es war ein enormes Vergnügen, all diese Jahre mit dir geteilt zu haben, mein Freund“, schrieb Messi zu einem eigens angefertigten Abschiedsvideo. „Ich wünsche dir viel Glück auf deiner neuen Lebensetappe. TKM.“ Das Akronym steht für Te Quiero Mucho – „Ich liebe dich sehr“. Neymar antwortete: „Danke, Bruder. Ich werde dich vermissen, Kumpel.“ Fürs erste scheint es, dass er Barca mehr fehlen wird als umgekehrt.

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