Tennis

Die Machtdemonstration der neuen Königin

Angelique Kerber zeigt in Stuttgart, dass sie sich an der Tennisspitze festsetzen kann. Im Finale trifft sie auf Laura Siegemund.

Angelique Kerber trifft im Finale auf Laura Siegemund

Angelique Kerber trifft im Finale auf Laura Siegemund

Foto: imago sportfotodienst / imago/Pressefoto Baumann

Stuttgart.  Markus Günthardt, der erfahrene Stuttgarter Turniermanager, hatte es in den letzten Tagen immer wieder betont. Welchen Schub der Porsche Grand Prix durch den Australian-Open-Triumph von Angelique Kerber noch einmal erhalten habe – mit einer ausverkauften Arena an fast allen Tagen, schon weit vor Beginn des Wettbewerbs. Und mit größerer Nachfrage von Presse, TV-Anstalten und Sponsoren. „Es war noch einmal eine regelrechte Explosion für uns“, sagte Günthardt, „Angie ist ein Glücksfall.“

Doch Stuttgart ist auch ein Glücksfall für Kerber, ein Ort, mit dem die neue deutsche Tennis-Regentin besondere Gefühle und Emotionen verbindet. Ein Schauplatz, von dem sie vor den ersten Ballwechseln 2016 gerührt sagte: „Das ist wie ein Stück Heimat für mich, ein vertrauter Ort mit Menschen, die ich mag.“

Wimbledon-Siegerin Kvitova bezwungen

Und genau hier, in der Porsche Arena, wird Kerber sich an diesem Sonntag nun an einem neuen außergewöhnlichen Coup in ihrer Karriere versuchen, nämlich an der ersten geglückten Verteidigung eines Titels überhaupt (13.25 Uhr, SWR). „Es wäre ein Riesending für mich. Den Pokal wieder zu holen, dann noch zu Hause. Ein Traumszenario“, sagte Kerber nach dem schwer und leidenschaftlich erkämpften 6:4, 4:6, 6:2-Halbfinalsieg über die zweimalige Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova am Sonnabend, „es ist dieses Turnier, die Zuschauer, die Atmosphäre, die bei mir immer die letzten paar Extraprozent rausholen.“

In der Tat ist es ein emotionales Wechselspiel zwischen dem Publikum, das ja in dieser Woche auch neugierig und erwartungsfroh in die Arena strömt, um die erste deutsche Grand-Slam-Siegerin nach Steffi Graf zu bestaunen – und zu feiern. Und eben jener Kerber, die eine durchaus positive Energie aus der neuen Rolle im Rampenlicht zu ziehen vermag – nach den anfänglichen Schwierigkeiten, die das Königinnen-Dasein so mit sich brachte.

Siegemund macht erstes deutsches Finale perfekt

Stuttgart allerdings, jene Heimbasis des deutschen Frauentennis, nimmt seit jeher eine Sonderrolle im Spiel der Gefühle und der mentalen Power ein, das betonte Kerber wieder und wieder in diesen Tagen: „Wenn du das Jahr in der ganzen Welt unterwegs bist, wirkt Stuttgart auch wie ein Familientreffen. Da gehst du irgendwie noch ein Stück beseelter ans Werk. Diese Woche hier – das ist etwas Kostbares, Besonderes.“ Möglich schien so auch noch eine andere Besonderheit, nämlich das erste deutsche Turnierfinale in Stuttgart. Das ergab sich dann auch, denn nach Kerber qualifizierte sich noch die Metzingerin Laura Siegemund fürs Endspiel. Die 28 Jahre alte Qualifikantin gewann im Halbfinale gegen die topgesetzte Polin Agnieszka Radwanska überraschend mit 6:4, 6:2.

Die physische und psychische Mühsal des Klassenerhalts in der Champions League des Welttennis, bewerkstelligt letztes Wochenende in Rumänien, schien bei Kerber nur in der extrem harten Stuttgarter Auftaktrunde auf, im verbissenen Duell mit der tüchtigen Landsfrau Annika Beck, die ja aus deutscher Sicht auch zu den erfreulichen Erscheinungen der Saison gehört. In den Matches gegen die Spanierin Carla Suarez-Navarro und nun auch gegen Kvitova war Kerber allerdings ständig ganz sie selbst – eine große Kämpferin, eine hellwache Strategin, aber auch eine Aggressorin, die ihre neue Forschheit und Frechheit gewinnbringend einzusetzen verstand.

Kerber ragt heraus unter deutschen Frauen

Fünf Jahre nach dem ersten großen Tenniserfolg der sogenannten goldenen deutschen Generation in Stuttgart – damals durch Julia Görges – ragt Kerber unter all ihren Freundinnen und Weggefährtinnen heraus. Auch weil sie als erste von ihnen über die nötige Klarheit in der Karriereplanung verfügte, sich die richtige Assistenzcrew zusammensuchte und schließlich, am wichtigsten, die spielerische Konstanz auf den Platz brachte, die zwingend ist für den fortgesetzten Aufenthalt im Eliteklub der Top Ten. „Angie ist eben auch eine absolute Perfektionistin, die sich nicht mit Kompromissen zufrieden gibt“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner über ihre Führungsspielerin, „sie hat es auch geschafft, andere schon wieder mitzureißen und zu pushen.“

Die energischen, zupackenden Auftritte Kerbers in Stuttgart illustrierten auch, dass Kerber nun, in der heißen Saisonphase mit Höhepunkten auf der WTA-Tour und mit den Grand Slams in Paris und Wimbledon, ihre innere Balance und auch die körperliche Kraft nach einer vorübergehenden Schwächephase wiedergefunden hat. Die Qualitäten, die sie zum Triumph von Melbourne führten, braucht sie auch in den kommenden Wochen der dauernden harten Bewährungsproben, ob daheim in Stuttgart und demnächst in Nürnberg. Oder auf den allergrößten Bühnen ihres Sports. Kerber hat selbst gesagt, sie sei nun „fast immer die Gejagte“, die Spielerin, gegen die es sich für andere zu siegen lohnt. Aber sich in dieser Aufgabe zu bewähren und sie zu meistern, kann auch enormen Spaß bringen. Und Titel, die gefühlt noch werthaltiger sind.