Boxen in Las Vegas

Die größte Schlacht für Arthur Abraham

Arthur Abraham will Amerika von seiner Klasse im Boxring überzeugen. Damit wird ein Traum wahr für den Mann aus Armenien.

Zwei mit harter Faust und festem Willen: Boxer Arthur Abraham in Las Vegas mit Trainer Ulli Wegner

Zwei mit harter Faust und festem Willen: Boxer Arthur Abraham in Las Vegas mit Trainer Ulli Wegner

Foto: Jim Laurie

Las Vegas.  Gerade noch hatte er über die Musikauswahl geklagt, die der Fahrer auf dem Weg zum Nachmittagstraining getroffen hat, als ein Blick aus dem Autofenster Arthur Abrahams Laune schlagartig hebt. Im Wagen nebenan sitzt ein Mann am Steuer, der sich als Clown kostümiert hat und anlässlich der Spendensammelaktion „Red Nose Day“ eine überdimensionierte rote Plastiknase trägt. „Guck mal, Marco Huck“, sagt Abraham. Alle lachen. Volltreffer. Wieder einmal.

Boxer sind vor einem wichtigen Kampf, und ein solcher ist die Pflichtverteidigung seines WBO-WM-Titels im Super-Mittelgewicht gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez in der Nacht zum Sonntag (2 Uhr/Sky und ranfighting.de live) in der MGM Grand Arena in Las Vegas für Abraham allemal, oftmals schwer zu ertragen. Aber Arthur Abraham hat in den vergangenen Tagen versucht, sich seine Lockerheit zu bewahren, und das ist gut so. Denn eigentlich ist das, was vor ihm liegt, mehr als das, was er sich erträumt hat damals, als er 1995 mit seinen Eltern und seinem Bruder Alexander (34) aus Armenien nach Deutschland kam.

13 Jahre bis Las Vegas

Ein breites Lächeln legt sich auf das Gesicht des 36-Jährigen, wenn er sich bewusst macht, wie lang der Weg war, an dessen Ende er nun vor der Chance steht, Geschichte zu schreiben. „Ich bin stolz und glücklich, dass ich die Möglichkeit habe, als erster deutscher Boxer einen WM-Kampf in Las Vegas zu gewinnen“, sagt er. Noch könne er den Stellenwert dessen, was er erreicht hat, nicht einordnen. „Aber wenn ich irgendwann zurückschaue auf meine Karriere, dann wird mir das sicherlich bewusst werden“, sagt er.

Ulli Wegner ist in der Einordnung schon weiter. „Arthur kann sich unsterblich machen“, sagt der Cheftrainer, der vor 13 Jahren, als Abraham vom Berliner Sauerland-Stall zum Sparring mit Sven Ottke verpflichtet wurde, dessen Begabung erkannte. Seitdem arbeiten sie zusammen. Natürlich klagt er oft über seinen „Diktator“, wie er Wegner nennt. Aber er weiß, welchen Anteil der am Erfolg hat.

Doppelter Kieferbruch 2006

Der Coach erinnert sich dieser Tage gern an den Abend, der Abraham berühmt machte. An den 23. September 2006 in Wetzlar, als er seinen IBF-Titel im Mittelgewicht gegen Edison Miranda trotz eines doppelten Kieferbruchs erfolgreich verteidigte. „Ich habe Arthur damals verspottet, weil er über Schmerzen klagte. Dem Ringrichter habe ich erzählt, er hätte sich auf die Lippe gebissen und würde deshalb aus dem Mund bluten.

Aber natürlich wusste ich, was los war. Wenn meine Mutter noch gelebt hätte, hätte sie sich für mich geschämt. Aber dass Arthur sich durchgebissen hat, war der Beweis für seine Willensstärke“, sagt Wegner. Abraham glaubt, dass ihn die Angst vor dem Trainer zum Durchhalten trieb: „Wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte ich statt des doppelten Kieferbruchs einen vierfachen gehabt.“

In Deutschland ist Avetik Abrahamyan, der zu Beginn seiner Karriere in Anlehnung an Vater Abraham mit einer Schlumpfmütze zum Ring marschierte, einer der wenigen verbliebenen Topstars. Sat.1 als Exklusiv-TV-Partner seines Berliner Promoters Sauerland versucht nicht ohne Grund, mit dem anstehenden Kampf das Experiment Pay-per-view – eine Extragebühr von 17,99 Euro wird fällig, um das Duell live zu sehen – im deutschen Markt zu wagen.

Anerkennung in den USA

Dass Abraham auf dem noch immer wichtigsten Boxmarkt der Welt in den USA kein Unbekannter ist, konnte man in den vergangenen Tagen besichtigen. Plakate mit seinem Konterfei waren in der Zockermetropole in der Wüste Nevadas zwar nicht zu sehen. Dennoch gibt es aufmunternden Applaus von 500 Fans, als der Berliner am Mittwochnachmittag zur Autogrammstunde im riesigen Lobbybereich des MGM erscheint. „Ich werde hier oft erkannt. Natürlich nicht so oft wie in Deutschland, aber die Boxfans wissen, wer ich bin.“ Sein Eindruck täuscht nicht.

„Die Leute wissen, dass Abraham ein sehr anerkannter Champion ist. Allerdings hat er hier durch seine furchtbaren Auftritte im Super-Six-Turnier nicht den besten Eindruck hinterlassen“, sagt Dan Rafael, einer der renommiertesten Boxreporter Amerikas, der für den Medienkonzern ESPN arbeitet. 2008, bei seinem ersten Auftritt in den USA, besiegte Abraham in Hollywood (Florida) „Kieferbrecher“ Miranda im Rückkampf durch technischen K.o. in Runde vier.

Dann folgten jedoch nach dem Wechsel der Gewichtsklasse die Niederlagen im Super-Six-Turnier: im März 2010 in Detroit durch Disqualifi-kation gegen Andre Dirrell, 14 Monate später in Carson deutlich nach Punkten gegen Andre Ward.

Promoter Arum hält nichts von Trump

Das in den USA nötige Showtalent, um seinen Auftritt anzuheizen, hat er im Blut. Auf der Pressekonferenz im Medienzentrum des MGM sitzen am Donnerstagmittag die sechs Protagonisten der drei wichtigsten Vorkämpfe zum Spektakel zwischen Superstar Manny Pacquiao und WBO-Weltergewichtschampion Tim Bradley auf dem Podium.

Vier von ihnen sind Latinos. Das Motto des Abends lautet „No Trump“, weil Promoter Bob Arum im tobenden Wahlkampf um das US-Präsidentenamt als demokratischer Anhänger von Hillary Clinton ein Zeichen gegen den republikanischen Haudrauf Donald Trump setzen will. Dieser hatte mit rassistischen Ausfällen gegen Mexikaner Arum verärgert.

Der 84-Jährige, als ehemaliger Steuerfahnder im US-Justizministerium politisch bewandert, spannt den Bogen von Trump zum türkischen Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren. Abraham hört aufmerksam zu, dann geht er ans Rednerpult und sagt martialisch: „Die Fans dürfen eine Schlacht erwarten, wie es sie seit Jahren nicht gegeben hat.“ Mit Trump habe er nichts am Hut, „aber dass Arum sich dagegen engagiert und dass er den Genozid erwähnt hat, finde ich toll. Es ist wichtig, dass solche Dinge angesprochen werden.“ Er selbst jedoch will sich nur auf das konzentrieren, was für ihn wichtig ist. Ein Sieg gegen Ramirez.

Keine Ablenkung

Arthur Abraham weiß, dass der Kampf gegen den 1,89 Meter großen und damit 14 Zentimeter größeren, zwölf Jahre jüngeren und in 33 Kämpfen unbesiegten Rechtsausleger seine letzte Chance ist, die Amerikaner von seinem Können zu überzeugen. Dafür hat er alles, was ablenken könnte, zu verdrängen versucht.

Den in seiner armenischen Heimat aufgeflammten Krieg mit Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach versucht er aus dem Kopf zu verbannen, „auch wenn es mir sehr schwer fällt und ich nur alle aufrufen kann, diesen Wahnsinn sofort zu beenden“. Selbst die Bestimmung des Geschlechts seines ersten Kindes, das seine in Erewan gebliebene Ehefrau Mary erwartet, hat er in die Zeit nach seiner Rückkehr verschoben.

Treffen mit Mike Tyson

Inspiration holte sich „König Arthur“ bei dem Mann, der ihn einst zum Boxen verleitete. Mike Tyson, der Knock-out-Gigant vergangener Tage im Schwergewicht, tritt in Las Vegas mit seiner Show „Undisputed Truth“ (Unbestrittene Wahrheit) auf.

Für 282 Dollar können Fans sich das Recht auf ein Foto und ein kurzes Gespräch mit dem „Eisernen Mike“ erkaufen. Abraham nutzte das. Er stieg zu Tyson aufs Podium, stellte sich brav vor und erklärte seinem Idol, dass er ihm die Eingebung fürs Boxen zu verdanken habe. Tyson riet ihm, sich gegen Ramirez nicht auf die Punktrichter zu verlassen. „Knock-out“ rief er dreimal.

Arthur Abraham hat sich vorgenommen, den Rat zu befolgen.