Kolumne

Warum wir den Fußball lieben, Rummenigge ihn aber gefährdet

Geschichten wie das Comeback der Bayern gegen Juve zeigen, dass der Fußball eine Parabel aufs Leben sein kann. Das ist schützenwert.

Jubel nach dem Wahnsinn: Die Bayern feiern den wundersamen Viertelfinaleinzug gegen Juventus Turin in der Champions League

Jubel nach dem Wahnsinn: Die Bayern feiern den wundersamen Viertelfinaleinzug gegen Juventus Turin in der Champions League

Foto: Andreas Gebert / dpa

Am Mittwochabend, so um Viertel vor Elf, haben mich unsere Nachbarn kennengelernt. Ich habe gebrüllt und auf den Dielenboden getrommelt. Kann sein, dass die beiden Nachbarssöhne, die hinter unserer Wohnzimmerwand schliefen, vor Schreck aus ihren Bettchen fielen. Wir sind erst vor ein paar Monaten eingezogen. Und so oft schreie ich im Haus nicht herum. Aber dieser Kleinkinder-Wachbrüller überkam mich einfach. Und das wegen der Bayern.

Meine Sympathien für Bayern München sind in etwa so ausgeprägt wie für Haarausfall mit Mitte 20. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn die gegen Juventus Turin aus der Champions League geflogen wären. Da bin ich gehässig.

Aber dann dieses Comeback: 0:2 hinten, eigentlich schon alles aus. Und plötzlich stemmen die sich dagegen wie ein Ertrinkender, der wütend zu paddeln beginnt, um zu überleben. 1:2. Hoffnung. Dann der allerletzte Angriff, Thomas Müllers Schädel, 2:2. Brüllen, Dielen-Trommeln. Fußball, du wunderschöne Gänsehautmaschine. Am Mittwochabend, so gegen Viertel vor Elf, fiel mir wieder ein, warum ich dich liebe.

Das Liebenswerte des Fußballs ist sein Möglichkeitsraum

Ich war nicht entzückt, weil die Bayern weiterkamen. Das war mir völlig egal. Ich war nur so verzaubert, weil sich wieder einmal etwas nahezu Ausgeschlossenes zu etwas Möglichem wandelte. Eigentlich ist es ja paradox, ausgerechnet bei einer Partie romantische Gefühle zu entwickeln, in welcher der Außenseiter Juve grandios aufspielt und trotzdem am Ende dramatisch gegen den Favoriten scheitert.

Aber lassen Sie es mich erklären: Das Liebenswerte am Fußball ist der Möglichkeitsraum, den er bereitstellt. Oder wie Thomas Müller es nach dem 4:2 nannte: „Im Fußball kann Gott sei dank alles passieren. Deshalb macht es ja so einen Spaß.“

Diesbezüglich zeigt sich der Fußball im Moment von seiner Schokoladenseite. Und das, obwohl sich die Machtverhältnisse durch die unterschiedliche Finanzkraft der Klubs immer stärker zu zementieren scheinen: Da ist die Hässliche-Entlein-Geschichte aus England, in der Leicester City noch vor etwas mehr als einem Jahr Tabellenletzter in der Premier League war und nun Woche für Woche von Platz eins auf die Geldklubs der Insel herunterlacht. Ein Team der Verlierer und Außenseiter mischt die Liga der Oligarchen auf und kann tatsächlich Meister werden.

Rummenigge will die Rolle des Schicksals begrenzen

Und dann ist da noch Hertha BSC: Eine fast genauso wundersame Geschichte der Möglichwerdung. Dem Abstieg vor einem Jahr nur haarscharf entkommen, liegt nun sogar die Teilnahme an der Champions League in Reichweite. Hier wird der Fußball zur Parabel aufs Leben – in einer zugegeben ziemlich kitschigen Weise: Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten kann man eine Menge schaffen, wenn man daran glaubt. Sogar Hertha.

Wir lieben solche Geschichten und den Fußball für sie, weil wir davon träumen, dass etwas geht, was bisher aussichtslos erschien: reich werden, doch keinen Haarausfall kriegen, Champions League in Berlin sehen. Wir lieben Comeback-Storys wie die am Mittwoch in München, weil die meisten von uns im Leben schon einmal 0:2 hinten lagen.

Aber dann kam zum Glück Karl-Heinz Rummenigge um die Ecke und erinnerte mich daran, warum es erstens nie eine Bayern-Sympathie bei mir geben kann und zweitens das Liebenswerte des Fußballs gefährdet ist: Der Bayern-Boss will zukünftig eine Setzliste in der Königsklasse, damit Teams wie das seine und Juve sich nicht schon im Achtelfinale rausschmeißen. „Das ist nicht mehr tragbar. Mir reicht es langsam mit dem Schicksal“, sagte Rummenigge.

Er will nichts anderes, als den Möglichkeitsraum im Fußball noch stärker zu verengen, als er ohnehin schon ist. Legt man fest, dass die großen Mannschaften erst spät im Wettbewerb aufeinandertreffen können, macht man Außenseiter-Triumphe unwahrscheinlicher. Das Schicksalhafte aber ist das, was uns am Fußball an unser eigenes Leben erinnert. Reduziert man das auf immer größere Berechenbarkeit, brüllt bald keiner mehr seine Nachbarskinder vor Freude aus den Bettchen.