Immer Hertha

Wie Kevin-Prince Boateng sich ständig selbst im Weg steht

Kevin-Prince Boateng glaubt offenbar, er kann alles. Doch erst verbockte er seine Karriere – und nun seine Autobiografie.

Man fragt sich natürlich, ob der Mann noch alle Gurken im Garten hat, wenn man die ersten Zeilen liest: „Dieses Buch widme ich dem kleinen Jungen, der am 6. März 1987 in Berlin-Wedding geboren wurde. Der durch mehr Tiefen als Höhen gegangen ist und trotzdem nie sein Lächeln verloren hat“, schreibt dort Kevin-Prince Boateng. „Dieser Junge heißt Kevin-Prince Boateng.“ Eine Selbstwidmung also.

Aber das ist dann auch wiederum ziemlich folgerichtig. „Ich, Prince Boateng“ ist nämlich gar nicht diese Skandal-Autobiografie eines Outlaws des Fußballs, als die sie von der Boulevardpresse in teuer erkauften Vorabdrucken angepriesen wird. Es ist eigentlich ein ziemlich trauriges Buch über einen Burschen, der riesige Talente besaß, aber scheiterte, weil er ein Kind geblieben ist, als es galt, schnell erwachsen zu werden. Einer, der sich selbst im Weg stand, der ohne die Anwesenheit des Vaters mehr Führung im Leben benötigt hätte, und der jetzt, da er in Deutschland zum zweiten Mal nach dem Ballack-Foul zur Persona non grata geworden ist, als er bei Schalke 04 rausflog, noch mal ein bisschen nachtreten will. „Mein Leben. Mein Spiel. Meine Abrechnung“, lautet der Untertitel. Boateng packt aus. Die Frage ist nur: Was?

Man sucht nach weiteren Gemeinheiten

Klar, dreckige Wäsche haben alle Fußballer nach einer gewissen Zeit ihrer Karriere dabei. Selbst der nette Philipp Lahm würzte einst seine Autobiografie „Der feine Unterschied“ mit kleinen Schmähungen von Ex-Trainern. Sonst verkauft sich das ja nicht. Und Boateng macht das jetzt eben auch: Nach dem Tritt gegen Michael Ballack, der den Nationalelf-Kapitän die WM 2010 gekostet hat, sollen sich Nationalspieler bei ihm bedankt haben, heißt es in der Autobiografie.

Junge, Junge. Da erzählt mal einer vielleicht, wie es wirklich war, denkt man sich und sucht nach weiteren Gemeinheiten. Das Buch – aufgezeichnet übrigens vom Autor Christian Schommers, der früher bei der „Bild“ war und schon mit Boris Becker ein ähnliches Werk hinlegt hat – macht es einem da einfach: Es bietet schön zitierfähige Häppchen. „Zecke Neuendorf“ zum Beispiel heißt eine Überschrift. Boatengs Mitspieler bei Hertha BSC habe mal einem anderen in den Spind geschissen. Ex-Trainer Falko Götz, der mal seine Mutter beleidigt hatte, habe Mundgeruch gehabt. Aber das war es dann auch schon.

„Über Technik brauchen wir nicht reden. Ich konnte alles“

Es gibt dann noch ein paar Stellen, bei denen man wieder an die fehlenden Gurken im Garten denkt. Zum Beispiel wenn Boateng erzählt, dass er im Bett früh schon eine richtige Granate gewesen sei: „Da habe ich mir ordentlich die Hörner abgestoßen. Da war ich der Chef“, schreibt er. Oder wenn er über sein fußballerisches Talent sagt: „Über Technik brauchen wir nicht reden. Ich konnte alles.“ Das ist dann aber nichts anderes als demonstrative Breitbeinigkeit. Da ist er der Schauspieler, der er immer war. Dass es Einzug in diesen Rückblick gefunden hat, zeichnet ein Bild von einem bis heute weiter Pubertierenden.

All das bedient den Voyeurismus, aber es ist oberflächlich. Interessant wird die Geschichte erst da, wo Boateng erkennt, welch Talent er hatte und wie wenig er daraus gemacht hat. „Ich habe nicht immer 100 Prozent gegeben. Ich hätte mehr erreichen können“, heißt es. Natürlich bleibt das aber nicht ohne Widerspruch: „Ich habe ja Karriere gemacht – trotz meines schwierigen Charakters, trotz der fehlenden Führung, trotz meiner Stunts, die ich mir geleistet habe“, schreibt er. Die Selbsterörterung ist noch nicht abgeschlossen.

Boateng hatte das Potenzial, einer der besten Fußballer seiner Generation in Deutschland zu werden. Aber er hat es verbockt. Und so ist das jetzt auch mit diesem Buch: In Boatengs Geschichte steckt der Stoff für ein großes Lehrstück über Aufstieg und Fall. Doch seine Autobiografie beschränkt sich zumeist auf Belanglosigkeiten und ein paar Pöbelein. Aber wie heißt es an einer Stelle dort noch? „Und am Ende des Tages gilt für mich: Ich habe so viel aus meinen Fehlern gelernt – ich denke darüber nach, noch mehr zu machen.“