Angelique Kerber legte sich nach ihrem bitteren Auftakt-K.o. ein Handtuch über die Schultern und verließ mit hängendem Kopf den Centre Court im paradiesischen Indian Wells Tennis Garden.

42 Tage nach ihrer Sternstunde bei den Australian Open ist die Weltranglistenzweite endgültig unsanft im Tour-Alltag gelandet - und wird nun wohl die Hilfe ihres „Edel-Fans“ Steffi Graf in Anspruch nehmen.

Denn das 5:7, 5:7 gegen Denisa Allertowa war schon die dritte Niederlage im vierten Match seit dem Triumph von Melbourne und dem Sprung auf Wolke sieben, dabei ist die Tschechien nur Nummer 64 der Weltrangliste.

Die Geister des Grand-Slam-Coups

„Es ist eine komplett neue Situation für mich. Jede gibt alles, um zu gewinnen,“ meinte die Kielerin nach der Ernüchterung beim Millionenturnier in der kalifornischen Wüste: „Und niemand hat gegen mich mehr etwas zu verlieren.“ Es sind die Geister, die Kerber durch ihren Grand-Slam-Coup rief.

„Von so einer Situation träumst du doch dein Leben lang“, sagte Kerber. Wohlwissend, um die Kehrseite der Medaille: „Natürlich spüre ich den Druck. Und ich weiß, dass ich noch eine Menge Arbeit vor mir habe.“

Körperlich und mental ist die 28-Jährige nach den zahreichen TV-Auftritten und Interview-Marathons noch nicht wieder bei 100 Prozent. Derzeit findet die Linkshänderin einfach keinen Zugriff auf ihre eigentliche Stärke: Den unbedingten Willen und die Fähigkeit, sich in ein Match hineinzubeißen. Die Krux: Mit jeder Niederlage geht ein bisschen Selbstvertrauen flöten.

Boris Becker kennt die Situation

Einer kann diese Entwicklung bestens nachvollziehen: Boris Becker. „Wenn du gerade auf dem Mount Everest warst, musst du dich erst mal wieder in der Normalität zurechtfinden“, sagte der Trainer von Novak Djokovic unlängst.

Und wusste nur zu gut, wovon er sprach – er hatte es schließlich selbst erlebt, vor mehr als 30 Jahren, nach seinem ersten Grand-Slam-Triumph auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon. „Wenn du so auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitest, wenn du alle Kräfte, alle Leidenschaft und Energie darauf verwendest“, so Becker, „ist es schwer, den Alltag danach wieder anzunehmen und zu meistern. Das braucht Zeit, das ist ein Lernprozess.“

Gut möglich deshalb, dass Kerber die Zeit bis zum Beginn des nächsten Hartplatz-Turniers in Miami (ab 22. März) nutzt, um einen Abstecher nach Las Vegas zu Steffi Graf zu machen. Schon einmal hatte ihr die Ikone aus einer schwierigen Situation geholfen - und ihre Unterstützung in Notfällen zugesagt.

Der Pokal von Melbourne steht mitten in ihrem Wohnzimmer

Exakt vor einem Jahr nämlich trainierte die damals tief in einer Krise steckende Kerber nach ihrem frühen Indian-Wells-Aus mit Graf. „Steffi hat mir damals gesagt, dass ich an mich glauben soll und auf dem richtigen Weg sei“, erzählte die deutsche Nummer eins später. Die „Gräfin“, die die ebenfalls eher introvertierte Kerber sehr schätzt, fand offenbar den richtigen Ton. Kurz darauf gewann „Angie“ dann das Turnier in Charleston.

Für die bodenständige Kerber wird es auch wichtig sein, die Balance zwischen harter Arbeit auf dem Court, notwendiger Abschottung und der Befriedigung der medialen Bedürfnisse zu finden. „Es ist immer noch alles neu, weil ich so viele Sachen abseits des Spiels zu machen habe wie nie“, erzählte die Siegerin des „Happy Slams“: „Ich werde jetzt weniger machen.“ Ein neuer Fitnesscoach geht auch bereits zum mitreisenden Team.

Als Motivation für die nächsten Wochen könnte eine Postsendung dienen, die Kerber einen Tag vor ihrer Abreise nach Indian Wells erreichte. Der Siegerpokal von Melbourne kam mit fünfwöchiger Verspätung an. „Er steht bei mir im Wohnzimmer - mitten im Raum“, verriet Kerber nach ihrem Ausscheiden mit leuchtenden Augen. Und plötzlich schien Wolke sieben wieder ganz nah.

Allerdings nur für sie allein, denn nach dem Aus von Annika Beck und Anna-Lena Friedsam sind bereits alle neun Deutschen bei der mit 6,8 Millionen dotierten Hartplatzveranstaltung gescheitert. Die Berlinerin Sabine Lisicki, die Nummer 31 der Weltrangliste, kassierte im neunten Match des Jahres die fünfte Niederlage. Vor zwölf Monaten hatte sie in Indian Wells noch das Halbfinale erreicht.