Handball

Ein Wolff im Angriffsmodus

Nach überragender EM nimmt der deutsche Nationaltorwart Andreas Wolff Olympiagold und die Wahl zum Welthandballer ins Visier.

Andreas Wolff war mit seinen Paraden der Garant für den EM-Trimph der deutschen Handball-Nationalmannschaft

Andreas Wolff war mit seinen Paraden der Garant für den EM-Trimph der deutschen Handball-Nationalmannschaft

Foto: imago/Camera 4

Irgendwie wirkte es, als wären die deutschen Handballer noch immer in Krakau, als sie am Freitagabend in Leipzig gegen die Nationalmannschaft aus Katar antraten. Nicht einmal zwei Minuten dauerte es, bis Torhüter Andreas Wolff (25) den ersten Ball pariert hatte, nach 26 Minuten konnte er zwölf Paraden vorweisen und hatte damit großen Anteil am 32:17 (17:9)-Erfolg seines Teams gegen den Vize-Weltmeister. „Wir haben einfach da weitergemacht, wo wir gegen Spanien aufgehört haben“, sagte Wolff.

42 Tage ist es her, dass die deutschen Handballer Spanien im EM-Finale in Krakau 24:17 besiegten. Zwei Niederlagen aus drei Spielen musste Wolff seit diesem Tag mit der HSG Wetzlar in der Bundesliga hinnehmen. „In der Bundesliga denke ich nicht pausenlos an die EM. Da hat uns die Realität schon eingeholt“, sagte er.

Füchse verabschieden heute Sigurdsson bei Länderspiel

In der Nationalmannschaft kann er weiterträumen, das bewies der überragende Auftritt gegen den ratlosen Asienmeister. Die Bilanz der beiden Teams ist nach der 24:26-Niederlage im WM-Viertelfinale von 2015 nun ausgeglichen. An diesem Sonntag haben die selbsternannten „Bad Boys“ nun die Chance, den Vergleich vorerst zu ihren Gunsten zu entscheiden (15 Uhr, Max-Schmeling-Halle).

„Am Ende soll es 2:1 für uns stehen“, gab Bundestrainer Dagur Sigurdsson vor. Für ihn bedeutet die Partei gleichzeitig den Abschied aus seiner ehemaligen Heimhalle, in der er von 2009-2015 an der Seitenlinie der Füchse Berlin stand.

Nach der Demonstration von Freitag ist kaum ein anderes Ergebnis als ein Sieg seiner Auswahl vorstellbar, doch Wolff warnte: „Die Niederlage wird Katar sehr verärgert haben, ich gehe davon aus, dass sie komplett anders auftreten in Berlin.“ Deshalb hat die heutige Rückkehr in die Max-Schmeling-Halle für ihn auch nichts mit der Sause vom 1. Februar gemein, als die deutsche Auswahl nach dem EM-Sieg von 10.000 begeisterten Fans empfangen wurde – auch wenn ähnlich viele Zuschauer in der ausverkauften Halle zu erwarten sind. „Wir müssen den Fokus darauf richten, dass wir an unserer Leistung anknüpfen können“, sagte Wolff.

Heinevetter muss sich hinten anstellen

Das ist nicht nur für gesamte Mannschaft, sondern auch für jeden Einzelnen wichtig, denn das nächste große Turnier heißt Olympia, und nach Rio de Janeiro darf Sigurdsson im August nur 14 Spieler mitnehmen. Bei den Torhütern hat der Bundestrainer derzeit die Wahl zwischen Wolff, Carsten Lichtlein (Gummersbach) und Silvio Heinevetter von den Füchsen, der am Freitag in der zweiten Hälfte im Tor stand.

Nach der EM, die er verpasst hatte, weil Sigurdsson sich an seiner statt für Wolff entschieden hatte, zeigte der Berliner eine ordentliche Leistung, auch wenn er an die Darbietung von Wolff nicht heranreichte. Der 31-Jährige, der bis zur EM als das Gesicht des deutschen Handballs galt, gab sich entspannt: „Dass jeder nach Rio will, steht außer Frage. Aber es ist jetzt gerade einmal März, es ist noch eine Weile hin.“

Auch Sigurdsson mahnte zur Gelassenheit: „Das wird alles so dramatisiert. Die Jungs haben noch 20, 30 Spiele bis Olympia, wir werden einfach gucken, wer dann gut drauf ist.“ Wie schnell sich das ändern kann, zeigte mal wieder die Vorbereitung auf die beiden Länderspiele, bei der Steffen Weinhold, Christian Dissinger, Tobias Reichmann, Hendrik Pekeler, Jannick Kohlbacher und Steffen Fäth fehlten.

Henning Fritz wurde 2004 als erster Torhüter Welthandballer

Auch Erik Schmidt fiel während des Trainings in Berlin wegen einer Knieverletzung aus, Kai Häfner verletzte sich am Freitag im Spiel an der Hand, ihn ersetzt Michael Müller von der MT Melsungen. Wie schon bei der EM wurden die Lücken von anderen Spielern genutzt. Am Freitag spielte sich vor allem Simon Ernst in den Fokus.

Der 21-Jährige war bei der EM vor allem dadurch aufgefallen, dass er im Halbfinale gegen Norwegen zu früh auf das Feld gelaufen war, gegen Katar glänzte er mit vier Toren, und auch Evgeni Pevnov und Füchse-Rückraumspieler Paul Drux konnten auf sich aufmerksam machen. „Jeder sollte jetzt gucken, dass er sich in bester Form präsentiert bis Olympia“, sagte Wolff.

Er ist als EM-Held derzeit unangefochten. „Aber ich darf mich auf diesem Erfolg nicht ausruhen“, sagte er. Schließlich ist das Ziel des gelenkigen 1,98 Meter-Hünen nicht nur Olympiagold („Ich gehe davon aus, dass Gold keine Utopie ist“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“), sondern auch, der beste Handballer der Welt zu werden.

Vier Mal wurde die Auszeichnung zum Welthandballer des Jahres seit 1988 an Torhüter vergeben. Der erste Schlussmann, der sie erhielt, war Henning Fritz (2004). Seitdem hat kein Deutscher mehr diesen Preis gewonnen. „Es mag vielleicht eine Träumerei sein, aber so lange mir keiner das Gegenteil beweist, arbeite ich darauf hin“, sagte Wolff.