Leichtathletik

So dreist gehen die Russen mit dem Thema Doping um

Ein gesperrter Trainer arbeitet weiter, und eine Insiderin verrät Testtermine an Sportler. Der Ruf nach einem Olympia-Bann wird lauter.

Doping ist ein großes Thema im russischen Sport

Doping ist ein großes Thema im russischen Sport

Foto: Bildagentur-online/Ohde / picture alliance / Bildagentur-o

Hamburg.  Neue Vorwürfe gegen Russlands Skandal-Leichtathleten, die Rufe nach einem Olympia-Ausschluss werden immer lauter: Nach der Veröffentlichung weiterer Details in der Doping- und Manipulationsaffäre wächst der Druck auf den Weltverband IAAF, eine abschreckende Botschaft zu senden.

"Offensichtlich hat sich die Situation, wie sie von der Wada-Kommission beanstandet worden ist, nicht substanziell geändert. Das kann nur bedeuten, dass die Voraussetzung für die Olympia-Teilnahme der russischen Leichtathleten nicht gegeben ist", sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, in der Dokumentation "Geheimsache Doping: Russlands Täuschungsmanöver".

Die WDR-Sendung "Sport Inside" am Sonntagabend lieferte neue Belege für Verstöße gegen die Anti-Doping-Richtlinien im russischen Leichtathletik-Verband Rusaf. Demnach betreut der eigentlich gesperrte Trainer Wladimir Mochnew in der zentralrussischen Stadt Gubkin offenbar weiter Athleten, und ein Juniorentrainer soll nebenher mit Dopingmitteln handeln.

Nada-Vorsitzende gegen Russland bei Olympia

Zudem soll die neue Chefin der derzeit suspendierten Anti-Doping-Agentur Rusada als einfache Mitarbeiterin einst Athleten den Zeitpunkt von Dopingkontrollen verraten haben. „Wenn ein Offizieller absichtlich Athleten vorab über Dopingtests informiert, um das Kontrollsystem zu unterlaufen, müssen disziplinarische Konsequenzen folgen“, sagte Joseph de Pencier, Vorsitzender der Internationalen Vereinigung der nationalen Anti-Doping-Organisationen (Inado). „Nach dem derzeitigen Kenntnisstand sollten die russischen Leichtathleten nicht zu den Olympischen Spielen zugelassen werden.“

Die aufgedeckten Sachverhalte in Russland seien "besorgniserregend. Es ist eine Tragödie für den Sport und für alle sauberen Athletinnen und Athleten", sagte Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping Agentur Deutschlands (Nada).

Auch sie plädiert dafür, dass die IAAF den Bann für Russland vor Rio nicht aufhebt: "Von dem, was wir aus den ARD-Berichten und dem Bericht der unabhängigen Kommission wissen, liegen die Voraussetzungen für einen Start jedenfalls nicht vor."

IAAF noch sehr zurückhaltend

Die IAAF hatte Russland Ende November aufgrund des Berichtes einer unabhängigen Kommission der Wada bis auf Weiteres gesperrt, russische Athleten dürfen derzeit nicht an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

Eine so genannte Task Force unter Vorsitz des Norwegers Rune Andersen untersucht die Doping-Vorwürfe und überwacht die eingeforderten Reformen zur Wiederaufnahme in die IAAF. Wenn sich das IAAF-Council am Donnerstag und Freitag in Monaco zu seiner Sitzung trifft, soll Andersen seinen Kollegen erste Ergebnisse seiner Arbeit präsentieren.

Während Andersen die neuen Vorwürfe als "gravierend" einstufte, äußerte sich die IAAF sehr zurückhaltend. "Die Task Force wird sich sorgfältig mit den neuesten in der Dokumentation aufgeworfenen Fragen beschäftigen, und sie mit den Vertretern der RUSAF diskutieren", hieß es in einer Stellungnahme.

Sportminister redet sich heraus

Russlands Sportminister Witali Mutko spielte die Rolle des Staates im offenbar systematisch organisierten Betrug herunter. Es sei "unmöglich zu sagen, dass der Staat für jeden Regelverstoß einer Einzelperson verantwortlich ist", sagte der Vertraute des Präsidenten Wladimir Putin: "Die Verhängung von Sanktionen gegen bestimmte Personen und die Kontrolle über ihre Einhaltung ist die Aufgabe der zuständigen Anti-Doping-Agenturen, nicht des Staates."

Laut Rusaf gebe es in Russland kein systematisches Doping-System. "Wir werden es einzelnen Menschen nicht erlauben, einen Schatten über die russische Leichtathletik zu werfen", hieß es in einer Stellungnahme, in der eine interne Untersuchung angekündigt wurde, um "alle in dem Film gezeigten Episoden zu analysieren und jeden Fall gründlich zu untersuchen".

So oder so ähnlich wird in Russland seit Bekanntwerden der Vorwürfe argumentiert, Aufklärung und Reformen werden versprochen. Doch die angebliche Läuterung verkommt immer mehr zur Farce. Auch Travis Tygart, Vorstandsvorsitzender der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada), plädiert für das russische Olympia-Aus.

"Doper werden bis zu vier Jahre gesperrt. Warum soll es bei einem staatlich unterstützten Doping-Programm nicht ähnliche Strafen geben?", sagte Tygart, der einst Lance Armtsrong überführte, der USA Today: "Wir stehen als Anti-Doping-Gemeinschaft an einem entscheidenden Punkt."

Betrogen wird allerdings nicht nur in Russland. Zwei weiteren Top-Athleten drohen Sperren: Im biologischen Pass der Türkin Gamze Bulut (Olympia-Silber über 1500 Meter in London 2012) sollen Unregelmäßigkeiten festgestellt worden sein. Und Tsegaye Mekonnen, äthiopischer Marathon-Star, soll positiv getestet worden sein.