Leichtathletik

Bei der fliegenden Holländerin läuft immer der Zweifel mit

200-Meter-Weltmeisterin Dafne Schippers gibt sich vor dem Hallen-Istaf sehr schweigsam. Dafür hat sie möglicherweise einen Grund.

Dafne Schippers (l.) gewann am vergangenen Wochenende in Karlsruhe die 60 Meter in 7,08 Sekunden. Rechts die Drittplatzierte Dina Asher-Smith aus Großbritannien

Dafne Schippers (l.) gewann am vergangenen Wochenende in Karlsruhe die 60 Meter in 7,08 Sekunden. Rechts die Drittplatzierte Dina Asher-Smith aus Großbritannien

Foto: Uli Deck / dpa

Berlin.  Etwas ist mit Dafne Schippers passiert, seit sie das letzte Mal in Berlin am Start war. Da hatte die junge Frau aus Utrecht beim Hallen-Istaf den 60-Meter-Lauf gewonnen und tags darauf beim Pressefrühstück fröhlich und offen alle Fragen beantwortet – über ihre Ziele im folgenden Sommer, ihren Wunsch, in die deutsche Hauptstadt zurückzukommen.

Jetzt ist sie wieder da, gibt ein paar karge Statements ab, lobt „die gute Mischung zwischen Show und Sport“, verabschiedet sich dann aber schnell, weil sie vor der Veranstaltung an diesem Sonnabend (Beginn 16 Uhr) in der Mercedes-Benz Arena noch dringend trainieren müsse. So können die Journalisten nicht nachfragen.

WM-Gold über 200 Meter in Peking

Sie weiß nämlich schon, was die Leute wissen wollen und dass manche Zuhörer ihren Antworten nicht glauben mögen. Denn genau genommen ist sehr viel passiert mit Dafne Schippers in den vergangenen zwölf Monaten.

Die immer noch erst 23-jährige Niederländerin ist jetzt die schnellste Frau der Welt über 200 Meter, sie gewann im vergangenen September WM-Gold in Peking in fabelhaften 21,63 Sekunden. Über 100 Meter wurde sie in 10,81 Sekunden WM-Zweite hinter der Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce.

Über die längere Sprintdistanz waren nur zwei Frauen jemals noch fixer unterwegs: Florence Griffith-Joyner (21,34) und Marion Jones (21,62). Die erste dieser beiden Amerikanerinnen starb schon mit 38 Jahren; nie wurde der Verdacht ausgeräumt, dass dies an den Spätfolgen von Dopingmissbrauch gelegen habe.

Jones wurde des Betrugs mit unerlaubten Mitteln sogar überführt und musste schließlich ins Gefängnis, weil sie unter Eid alles abgestritten und gelogen hatte.

„Ich habe alle Dopingproben bestanden“

Nun fragen sich bei Schippers viele, warum sie so schnell laufen kann, fast so schnell wie Jones, schneller als jede Europäerin vor ihr selbst in Zeiten, als auch in deutschen Landen kräftig mani-puliert wurde – nicht nur im Osten, auch im Westen.

Die kritische Verwunderung über die Leistungen der gut aussehenden Holländerin, die äußerlich wegen ihres blonden Haares und ihrer Größe an die ebenfalls des Dopings überführte, ehemalige Doppel-Welt- und Europameisterin Katrin Krabbe erinnert, nehmen quasi laufend zu.

Nach ihrem WM-Triumph hatte sie den unangenehmen Fragen nicht ausweichen können. „Ich bin sehr glücklich mit meiner Zeit“, antwortete sie in Peking, „was kann ich schon sagen? Ich habe hart gearbeitet und weiß, dass ich clean bin. Ich habe alle Dopingkontrollen bestanden.“

WM-Bronze 2013 in Moskau im Siebenkampf

Als jedoch selbst in ihrer niederländischen Heimat berichtet wurde, es gebe Verdachtsmomente gegen sie, reagierte Schippers empört: „Das ist eine riesige Beleidigung. Ich bin zu hundert Prozent sauber.“ Viele wollen ihr nicht abnehmen, dass sie einfach ein herausragendes Talent ist. So wie Usain Bolt. Dem glauben es ja auch viele nicht.

Begonnen hatte die Tochter einer Lehrerin und eines Physiotherapeuten mit dem Siebenkampf – in dem sie bei der WM 2013 in Moskau auch schon eine Bronzemedaille gewann. Dann entschied Schippers jedoch, sich mehr auf die Sprint-Disziplinen zu konzentrieren.

Bereits mit ihrem Doppelerfolg ein Jahr darauf bei der EM in Zürich über 100 und 200 Meter wurde sie bestätigt. Trotzdem hatte sie vor, in Peking erneut den Mehrkampf zu probieren.

Sie stellte mit 6,78 Metern im Weitsprung einen weiteren niederländischen Rekord auf. Doch dann hinderten sie Knieschmerzen. Nur sprinten konnte sie. Und wie.

Großes Ziel Olympische Spiele

Die Crux ist: Die Zweifel laufen immer mit. Was nicht überraschend, aber auch ungerecht ist. Schließlich gibt es keinen positiven Dopingtest, genau wie bei Bolt. Was bleibt ihr übrig, ihren Weg allen Verdächtigungen zum Trotz weiterzugehen?

Ein großes Jahr steht ihr bevor: Im Juli finden in Amsterdam die Europameisterschaften statt, wo sie sich feiern lassen möchte. „Die EM im eigenen Land ist mir besonders wichtig“, sagt sie, „aber noch wichtiger ist Rio.“

Die Olympischen Spiele in Brasilien – sie könnte dort im August Gold über 100 und 200 Meter gewinnen. „Ich werde alles geben, was ich habe“, sagt sie, „und hoffe, immer schneller zu lau-fen in jedem Wettkampf.“ Man mag sich kaum ausmalen, was mit Dafne Schippers passiert, wenn ihr das tatsächlich gelingt.