Paul Schomann macht sich nichts vor. „Wir stehen noch am Anfang“, sagt der Futsal-Beauftragte im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Futsal – das ist die vom Weltlverband Fifa anerkannte Variante des Hallenfußballs, ohne Banden, mit sprungreduziertem Ball und einigen Sonderregeln, die das Spiel schnell und attraktiv machen. In Südamerika, Spanien und Osteuropa gibt es seit Jahren Profiligen, doch in Deutschland steht der Futsal ganz am Anfang. „Wir müssen professionelle Strukturen aufbauen“, meint Schomann.
Bei der EM sind die Deutschen nur Zuschauer
Bei der aktuell laufenden Europameisterschaft in Serbien sind die Deutschen nur Zuschauer, bislang gibt es nicht mal eine Nationalmannschaft. Doch das soll sich ändern: Derzeit sichtet der DFB Kandidaten für ein Auswahlteam, das im Herbst 2016 zu zwei Länderspielen antreten soll.
Rund 220 Futsal-Mannschaften gibt es momentan in Deutschland, allein in Berlin sind es 25. „Das Niveau hat in den letzten Jahren zugenommen“, berichtet Philip Andersen, Torwart des Berliner Meisters FC Liria. Von Liria wurden vier Spieler für den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft nominiert; hinzu kommen zwei weitere Berliner, darunter Ex-Hertha-Profi Lennart Hartmann.
Ex-Herthaprofi Hartmann hat beides versucht
„Futsal ist Hallenfußball, wie er gespielt werden sollte“, sagt Marlon Wendt, Referent für den Futsal-Spielbetrieb im Berliner Verband (BFV), allerdings hätten das noch nicht alle Klubs erkannt. „Während manche Vereine schon seit Jahren ein Futsalteam im Spielbetrieb gemeldet haben, zum Beispiel Hertha BSC, haben sich andere noch nie daran gewagt“, so Wendt. Auch die Akzeptanz seitens der Fußballtrainer sei sehr unterschiedlich: „Manche Trainer erlauben Spielern, nebenbei Futsal zu spielen, bei anderen herrscht striktes Futsalverbot.“
Dabei spricht laut Wendt vieles dafür, dass Futsal eine durchaus sinnvolle Ergänzung für einen Fußballspieler darstellt. „Futsal ist ein schnelles Spiel auf engem Raum, das Gedanken- und Handlungsschnelligkeit fördert und die Kreativität am Ball.“
Futsal ist für die meisten nur Hobby nebenbei
Beim Futsal habe jeder Spieler im Verhältnis zur Spielzeit mehr Ballaktionen als auf dem Feld, „das schult die technischen Fähigkeiten“, sagt er. Weltstars wie Lionel Messi (Brasilien) oder Cristiano Ronaldo (Portugal) haben früher Futsal gespielt, in Deutschland unter anderem der Schalker Max Meyer.
Allerdings gibt es hierzulande fast niemanden, der ausschließlich Futsal spielt. Selbst die Spieler des dreimaligen Deutschen Meisters Hamburg Panthers verdienen ihr Geld mit Fußball, während Futsal nur Hobby nebenbei ist. „Ich bin aber überzeugt, dass viele von uns ganz auf Futsal setzen würden, wenn es dort auch etwas zu verdienen gäbe“, sagt Manager Onur Ulusoy.
Am 30. Oktober soll es das erste Länderspiel geben
Das Problem ist, dass es bislang in vielen Regionen Deutschlands keinen durchgehenden Spielbetrieb gibt – am ehesten noch in der Regionalliga West mit zehn Klubs und einer Saison von September bis Anfang März. Erklärtes Ziel des DFB ist es deshalb, in einigen Jahren eine Futsal-Bundesliga zu etablieren. „Die muss meines Erachtens kommen“, meint Schomann.
Nur so würde man Nationalspielern regelmäßige Wettkampfpraxis auf hohem Niveau und eine Perspektive für die Spezialisierung bieten. Auch ließe sie sich besser vermarkten.
Die Bundesliga steht schon in den Startlöchern
Aus Sicht von Bernd Barutta, dem für Futsal zuständigen Abteilungsleiter Amateurfußball beim DFB, könnte der Verband eine Bundesliga recht schnell realisieren. „Die Frage ist, ob die Vereine in ihrer Entwicklung schon so weit sind, dass sie eine solche Liga auch tragen können“, sagt er.
Barutta würde es begrüßen, wenn sich zu den bislang acht Erst- und Zweitligisten, die auch ein Futsal-Team gemeldet haben, noch weitere Bundesligaklubs gesellen. „Ein paar Leuchttürme würden dem Futsal gut tun“, sagt er. Marlon Wendt vom BFV meint: „Ein Derby Hertha gegen Union könnte im Futsal sicher genauso begeistern wie im Fußball.“
Anschluss an die Spitze kostet eine Generation
Der DFB-Beauftragte Schomann bremst jedoch die Erwartungen. „Eine Generation wird es dauern, bis wir Anschluss an die internationale Spitze gefunden haben“, sagt er. Bei den Länderspielen am 30. Oktober und 1. November wird Deutschland deshalb nicht gleich gegen ein Topteam antreten, sondern sich mit einem Gegner messen, „gegen den wir bestehen können“, so Schomann. „Alles andere wäre nicht förderlich.“ 2017 will man dann aber in der EM-Qualifikation starten.
Nach DFB-Angaben hat der Sender Sport1 für beide Länderspiele eine Live-Übertragung in Aussicht gestellt. In welcher Halle die Spiele stattfinden, steht noch nicht fest – es wird aber wohl keine der großen Arenen sein. Auch die Spielkleidung zeugt von Bescheidenheit: „Wir werden ohne die vier Sterne auf der Brust antreten, weil wir im Futsal ja noch nicht vier Mal Weltmeister geworden sind“, sagt Barutta. „Wir werden sicher nicht gleich so tun, als wären wir die Superstars.“




