Handball-EM

Ein Berliner wird zum Gegner

Dänemarks Torjäger Lindberg unterschreibt vorm Duell gegen Deutschland bei den Füchsen. Mit dem Nationalteam zählt er zu den Favoriten.

Hans Lindberg im Trikot seines Ex-Vereins Hamburg

Hans Lindberg im Trikot seines Ex-Vereins Hamburg

Foto: Axel Heimken / dpa

Breslau.  Hans Lindberg hat den Blick auf sein Mobiltelefon geheftet, über dem rechten Arm hängt seine Jacke, die Finger seiner linken Hand huschen über das Display. Der dänische Handballspieler steht im Mannschaftshotel bei der Europameisterschaft in Breslau (Polen), blickt kurz auf und lächelt entschuldigend. „Wir können anfangen, ich muss nur kurz meiner Frau schreiben“, sagt der 34-Jährige.

Im Hause Lindberg gibt es derzeit viel zu kommunizieren, denn seit der HSV Handball Anfang Dezember Insolvenz anmeldete, ist der Rechtsaußen auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Am spielfreien Montag traf er sich mit DHB-Vizepräsident Bob Hanning auf einen Kaffee. Heute stehen sich die beiden im letzten Gruppenspiel der EM-Hauptrunde gegenüber (18.15 Uhr, ARD), in dem es darum geht, welches Team ins Halbfinale einzieht. Das hinderte sie aber nicht daran, sich vorab um Lindbergs Zukunft zu kümmern.

Vertrag in Berlin bis 2019

Hanning, gleichzeitig Geschäftsführer der Füchse Berlin, hatte dem aktuell zweitbesten Torschützen der Bundesliga (hinter dem Berliner Petar Nenadic) ja schon vor einer Woche einen Vertrag vorgelegt, am Montagabend unterschrieb Lindberg dann bis 2019. Zum Auftakt der Bundesliga-Rückrunde am 14. Februar wird er schon in Berlin sein. „Mit Hans Lindberg holen wir einen der besten Rechtsaußen der Welt. Mit ihm und Mattias Zachrisson sind wir dann sogar weltweit die Nummer eins“, jubilierte Hanning.

Trotz des Deals im EM-Umfeld bleibt die Rivalität beim Turnier natürlich bestehen. „Unsere offizielle Zielsetzung ist das EM-Halbfinale, weil wir wissen, da kann alles passieren“, betont Lindberg. Ulrik Wilbek, Sportchef des dänischen Handballverbandes, geht sogar noch weiter: „Wir wollen entweder den Titel holen oder hinter Frankreich Zweiter werden.“ Mit diesem Ergebnis wäre man direkt für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert.

Dänen spielen am Abend nur 28:28 gegen Schweden

Dänemark gehörte schon vor Turnierbeginn neben Frankreich, Spanien und Polen zu den Favoriten auf den EM-Titel, nach vier Siegen in Serie bezeichnete Bundestrainer Dagur Sigurdsson das Team seines Landsmannes Gudmundur Gudmundsson am Dienstag gar als „Turnierfavorit Nummer eins.“

Am Abend aber rang ausgerechnet sein neuer Füchse-Kollege Mattias Zachrisson Lindberg und den Dänen mit seinem Schlusstreffer ein Unentschieden ab. Das 28:28 (15:13) gegen Schweden ist der erste Punktverlust der Dänen bei dieser Europameisterschaft. Kurz zuvor siegte Spanien im Duell gegen Ungarn 31:29 (15:15).

Lindberg ist sich der Tragweite dieses Ergebnisses bewusst: „Wenn wir gegen Deutschland schlecht spielen, sind wir raus. Das ist ein großes Spiel.“ Dabei ärgert den flinken Rechtsaußen besonders der Spielplan in Polen. Nach der Vorrunde hatte seine Mannschaft drei Tage Pause, zwischen den Spielen gegen Schweden und Deutschland liegen nun aber nur knapp 20 Stunden.

„Ich verstehe nicht, warum wir als Gruppenerster so einen Nachteil haben. Die drei Tage nach drei Spielen in sechs Tagen waren völlig unnötig“, sagte Lindberg. Als „unlogisch“ bezeichnete Sportchef Wilbek den Modus. „Wir werden nach dem Turnier dem europäischen Verband schreiben“, sagt er. Gegenüber dem Gegner, der nun fast drei freie Tage hatte, gab er sich aber versöhnlich: „Ich habe ein bisschen Mitleid mit den Deutschen. Es sind doch sehr, sehr viele Spieler ausgefallen, und es wird schwerer und schwerer. Ich glaube, obwohl wir nur 20 Stunden nach dem Schwedenspiel haben, haben wir doch 16 fitte Spieler, also wird es leichter für uns.“

Viele Fans aus Dänemark

Zudem wird die Partie aller Voraussicht nach zu einem Heimspiel für die Dänen. 2000 Fans sahen ihre Partien in Breslau bislang an, in Danzig waren es sogar 6000. „Wir haben oft Heimspiele“, sagt Wilbek dazu.

Man dürfe die Deutschen nicht unterschätzen, warnt Lindberg. „Der Vorteil bei den Deutschen ist, dass sich immer wieder ein neuer Spieler durchsetzen kann. Das ist auch der Beweis für die gute Nachwuchsarbeit.“ Neun Jahre stand der Däne beim HSV unter Vertrag, die meisten deutschen Akteure kennt er aus der Bundesliga.

Mit dem HSV hat er Champions League, Pokal und Meisterschaft gewonnen. „Ich hätte nie gedacht, dass es so ausgeht wie jetzt“, sagte er. In Hamburg hatte er ein Haus gebaut, im August kam Sohn Aron zur Welt. Auch die Nähe zu Dänemark war für ihn und seine Frau Jeanette Nielsen ideal, die dort Jura studierte. „Ich habe viele tolle Sachen erlebt in Hamburg, aber jetzt geht es weiter in eine neue Zukunft“, sagt Lindberg. Hemmen wird ihn der Seitenwechsel im EM-Spiel gegen Deutschland jedenfalls nicht.