Tennis

Für Sabine Lisicki ist es an der Zeit, dass sich was dreht

Bei den Australian Open beginnt für die Berlinerin Sabine Lisicki eine Saison, in der es noch einmal richtig vorwärts gehen soll.

Vor Sabine Lisicki liegt eine wichtige Saison

Vor Sabine Lisicki liegt eine wichtige Saison

Foto: Tony Mcdonough / dpa

Melbourne.  Natürlich haben Spottdrosseln bei einer polarisierenden Person wie Sabine Lisicki immer irgendwie Hochkonjunktur. Und so war auch in den ersten Tagen dieses neuen Tennisjahres im Internet beispielsweise zu lesen, die Tennisspielerin habe wohl ihren glücklichsten Moment gehabt, als sie auf der Reise nach Australien für den Flugabschnitt von Düsseldorf nach Abu Dhabi ein Upgrade bekommen habe. Andere Zyniker sprachen davon, Lisicki sei nach der ersten Niederlagenserie nicht reif für die kommenden Herausforderungen, sondern eher „für die Frührente“. Oder es hieß, Lisicki müsse nun bis zum Wimbledonturnier durch die Tourserie geschleppt werden, bis zu den zwei Wochen im Sommer, in denen sie noch „am ehesten irgendwas reißen“ werde.

Lisicki braucht nach ihrer Verletztungspause Zeit

So ist das mit Lisicki und ihren Expeditionen durch die Tenniswelt. Wenn eine aus dem Trupp der deutschen Frauen argwöhnisch beäugt wird, aus jener Gruppe, die mal ein „Fräuleinwunder“ versprach, dann ist die Berlinerin die unter ständigem Misstrauen stehende Figur. Auch jetzt, zum Auftakt des Jahres 2016, kann sie es wieder niemandem recht machen, in einem Moment, da sie nach einer mehrmonatigen Verletzungspause auf die Centrecourts zurückkehrt.

Lisicki hatte, ziemlich nachvollziehbar, vor den ersten Auftritten beim Hopman Cup in Australien erklärt, sie werde einige Zeit brauchen, um sich wieder im Profitennis zu akklimatisieren. Was bei anderen als vernünftige Selbsteinschätzung durchgegangen wäre, auch als realistische Betrachtung der (noch) limitierten eigenen Möglichkeiten, wurde bei der Frau mit dem Spitznamen „Bum Bum Bine“ gleich als vorauseilende Entschuldigung für Pleiten interpretiert. Als Generalabsolution für alles, was Down under kommen möge.

Berlinerin ist die Reizfigur im deutschen Tennis

Lisicki ist eine Reizfigur im deutschen Tennis. Eine, bei der es keine Zwischentöne in der Bewertung gibt, sondern nur Gut oder Böse. Und das hat sich, auch hier kein Zweifel, noch verstärkt, seit sie an der Seite von Comedian Oliver Pocher durchs Leben und über manche rote Teppiche schreitet. Einige Male hat man das Pärchen im letzten Herbst durch Fernsehstudios rotieren sehen, weswegen Lisicki gleich wieder nachgesagt wurde, sie lasse das Training zu kurz kommen. „Wenn ich ein paar Mal im Jahr ausgehe oder im Fernsehen auftrete, wird ein Riesentheater drum gemacht. Das ist irre“, sagt Lisicki selbst, „die Arbeit, die ich mache, sieht doch sowieso keiner. Wer soll das beurteilen?“

Allerdings ist auch klar, dass Lisicki in diesem Jahr ihrer Karriere langsam, aber sicher wieder einen entscheidenden Dreh nach oben geben muss – Verletzungsvorgeschichte 2015 hin und her. Gerade in dieser Saison mit olympischem Extra steht viel, sehr viel auf dem Spiel für die 26-jährige Berlinerin. Es geht um den Anschluss an die zwischenzeitlich weit enteilte Weltspitze, auch um den ersten Vorstoß vielleicht in die Top Ten.

Eine olympische Medaille gehört zu den Zielen

Es geht um einen Platz, um Auftritte im deutschen Fed-Cup-Team. Es geht um Medaillen in Rio, bei den Spielen unterm Zuckerhut. Es geht um vorzeigbare Grand-Slam-Resultate, natürlich ganz besonders in Wimbledon, an dem Ort, an dem sie 2013 für einen Überraschungscoup mit dem Einzug ins Endspiel gesorgt hatte.

Und es geht auch um Erfolgserlebnisse in der Partnerschaft mit Trainer Christopher Kas, um eine Arbeitsbilanz, die diese Allianz auch faktisch als Erfolgsmodell erscheinen lässt. „Wir haben uns gut aufeinander eingestellt. Die Arbeit macht großen Spaß“, sagt Kas, für den der Job bei Lisicki der erste Trainerjob war – in der Zeit nach der aktiven Karriere. Noch 2012 hatten Kas und Lisicki gemeinsam in London bei den Olympischen Spielen auf dem Platz gestanden und damals knapp die Bronzemedaille im Mixed verpasst.

In Melbourne zum Auftakt gegen die Tschechin Cetkovska

Vieles ist beim Blick in die Zukunft unklar bei Lisicki. Und für Lisicki. Zum Beispiel die Frage, mit wem sie, wenn, in Rio im Doppel an den Start geht. Sollten sich die Freundinnen Petkovic und Kerber verabreden, würde es schwierig. Lisicki könnte eventuell mit Anna-Lena Grönefeld antreten zur Medaillenjagd. Nach den vier Niederlagen in den ersten fünf Einzelspielen muss Lisicki nun erst mal bei den Australian Open in Schwung kommen, für ein passables Ergebnis dort, aber auch mit Blick auf das direkt folgende Fed-Cup-Duell mit der Schweiz in Leipzig.

Kerber und Petkovic dürften dort im Einzel gesetzt sein, Lisicki käme wohl allenfalls als Doppelspielerin in Betracht. Doch dazu braucht sie sportlichen Rückenwind aus Melbourne als Argumentationshilfe, also zunächst in der ersten Runde einen Sieg über die Tschechin Petra Cetkovska, um von Bundestrainerin Barbara Rittner aufgestellt zu werden. Die hat beim Blick auf Lisicki ja noch nicht die Schmach von Sotschi vergessen, die im letztjährigen Halbfinale gegen Russland sehr unglücklichen Auftritte der Berlinerin.

Einst wollte sie die Nummer eins der Welt werden

Melbourne Park nun also. Und damit der Ort, an dem Lisicki einst, ganz früh in ihrer Karriere, einmal nassforsch angekündigt hatte, ihr Ziel sei Platz 1 in der Weltrangliste. Im Moment belegt sie Platz 32 der Charts der Womens Tennis Association. Das reicht gerade noch, um für das Grand-Slam-Spektakel gesetzt zu sein. Aber für eine mit dem Potenzial Lisickis ist es zu wenig. Das weiß sie selbst. Zeit, dass sich was dreht. Jetzt, 2016.