Tennis

Boris Becker: „Es gibt nur Triumph oder Tragödie“

Der Trainer über die großen Erfolge mit seinem Schützling Novak Djokovic und warum er in seinem turbulenten Leben nichts bereut.

Novak Djokovic (l.) und sein Trainer Boris Becker

Novak Djokovic (l.) und sein Trainer Boris Becker

Foto: Filip Singer / dpa

Melbourne.  Boris Becker (48) ist der erfolgreichste deutsche Tennisspieler. Er gewann sechs Grand-Slam-Titel und insgesamt 49 Turnierpokale. Vor 25 Jahren, nach dem ersten seiner beiden Australian-Open-Siege, wurde er die Nummer eins der Welt. Seit Dezember 2013 ist Becker Chefcoach beim Weltranglistenersten Novak Djokovic. In die Zeit Becker/Djokovic fallen fünf der zehn Major-Titel des Serben. Auch bei den Australian Open (ab Montag) ist Djokovic wieder Favorit.

Berliner Morgenpost: Herr Becker, Novak Djokovic gewann 2015 fast alles, was es zu gewinnen gibt im Welttennis. Er war am Ende die klarste Nummer eins aller Zeiten. Was tut man, um das wiederholen zu können?

Boris Becker: Entscheidend ist, eine echte, wirkliche Pause zu nehmen. ­Total abzuschalten. Nicht bei irgend­einem Schauturnier anzutreten. Er hat im letzten Jahr 80 Matches auf höchstem Niveau gespielt, das war gigantisch. Aber auch verschleißend. Deshalb galt: Ruhe, Entspannung, eine Auszeit von der Tour. Und, ganz ­wichtig: Sich selbst freuen über das, was du geschafft hast. Das kommt im Alltagsstress zu kurz.

Wenn Sie auf den Start als Djokovic-Trainer zurückblicken vor zwei Jahren, was ist von Ihren Erwartungen eingetroffen?

Ganz ehrlich: Weder Novak noch ich selbst hätten uns das erträumt. Da habe ich mich manchmal gefragt: Passiert das hier wirklich? Wir wollten auf Platz eins zurück, Grand-Slam-Turniere gewinnen. Aber diese Dominanz in den letzten 18 Monaten, die war ebenso ungewöhnlich wie bemerkenswert. Viel besser als Novak zuletzt kannst du eine Saison kaum spielen, in dieser Qualität und Ausdauer. Es ist eine wunderbare Reise mit ihm. Ich erlebe ungeahnte Glücksmomente.

Hat Djokovic nie Motivationsprobleme?

Es geht ihm wie allen Großen im Sport: Wenn du diesen Lauf hast, wenn du gewinnst, willst du mehr. Immer mehr. Er hat eine fabelhafte Einstellung, ordnet fast alles dem Tennis unter. Er weiß, was er mit wem und wie zu tun hat, um erfolgreich zu sein. Im Spitzentennis geht es darum, in den letzten Detailfragen besser zu sein als die anderen Guten und sehr Guten. Und darin ist er ein Meister. Er kitzelt die letzten paar Prozente stets heraus.

Viele Fragen sich: Wie macht Becker einen Djokovic noch besser?

Ich habe nie gern über mich und meinen Erfolgsanteil bei Djokovic geredet. Fakt ist: Ich hatte eine gute Tennis­karriere, kann Erfahrungen weitergeben. Novak ist jemand, der daraus Erkenntnisse schöpft. Er will immer lernen, Tag für Tag. So sind Champions.

Was haben Sie aus den Jahren mit Ihren Trainern mit in diese Arbeit genommen?

Ich hatte wunderbare Trainer und Lehrmeister. Ion Tiriac, Günther Bosch, Bob Brett, Nick Bollettieri oder Niki Pilic – alle sehr verschiedene Charaktere mit eigenen Fähigkeiten. Davon profitiere ich heute ungemein. Alles, was ich gelernt habe von diesen tollen Coaches, fließt heute in meine Arbeit ein. Saisonplanung, Taktik, Gegner­beobachtung, das psychologische Spiel.

Haben Sie als ehemalige Nummer eins, als Majorsieger, mehr Überzeugungs- und Argumentationskraft.

Es ist so, dass man als mehrfacher Grand-Slam-Gewinner einen anderen Zugang hat. Man hat alles selbst erlebt, die Höhen und Tiefen, die Comebacks, die verrückten Match­situationen, die Regenpausen in Wimbledon oder anderswo. Für Novak ist es wichtig, mit jemandem sprechen zu können, der eine Lebenserfahrung dazu einbringen kann, eine Autorität aus eigenem ­Erleben. Das stützt ihn. Und hilft, eine Krise wie nach Paris zu überwinden.

Sie haben wiederholt beklagt, dass Djokovics Erfolge in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt worden seinen. Hat das Jahr 2015 da etwas verändert?

Eindeutig, ja. Und zwar vor allem, wie er nicht nur mit den Siegen umgegangen ist. Sondern auch mit dieser ­einzigen schmerzhaften Niederlage in Paris. Seine Ansprache damals, diese Emotionen, die Tränen, das gehörte zu den bewegendsten Momenten, die ich je im Tennis erlebt habe. Ich glaube, die Menschen kriegen mit, was für ein großartiger Champion er ist. Bescheiden im Erfolg, keiner, der Siege arrogant vor sich her trägt. Einer, der dem Tennis als Führungsfigur einfach gut tut.

Andererseits haben Sie als TV-Kommentator einst angemerkt, es gehe Ihnen an der Spitze zu kuschelig zu. Djokovic steht nicht gerade für Konfrontation, für Konflikt.

Auf dem Centre Court kann er ein Krieger sein. Ein Straßenkämpfer. Denken wir mal an das US-Open-Finale, ein paar hundert Serben auf der Tribüne, aber 24.000 Amis frontal gegen Djokovic und für Federer: Wenn du so eine Prüfung bestehst, bist du ein Großer. Das schaffst du nur, wenn du Rückgrat hast, nicht ängstlich bist und eine klare ­Position zeigst. Für mich war es das Spiel des Jahres von ihm.

Die Rivalität zwischen Djokovic und ­Federer ist ja auch das prägendste Merkmal im Männertennis.

Es sind zwei verschiedene Charaktere, die da aufeinander treffen. Das macht den Reiz aus, die Spannung, den Thrill. Es ist Schwarz gegen Weiß, aber nicht Gut gegen Böse. Ich habe oft Prügel bekommen, weil ich angeblich etwas gegen Roger gesagt habe. Dabei habe ich in Wahrheit nur Position pro Novak ­bezogen. Es ist verrückt, dass die Leute das nicht begreifen: Ich bin Team ­Djokovic, ich habe mich um seine ­Erfolge zu kümmern.

Vermutlich hat Federer das selbst am besten verstanden.

Absolut. Es gibt auch gar keine Probleme mit Roger. Wir sehen uns jede ­Woche in der Umkleidekabine, geben uns die Hand. Meine Familie und ich ­habe Riesenrespekt vor seiner Lebensleistung. Aber ich habe einen Job, in dem es um die Frage geht: Wie kann ich ihn schlagen?

Sind Sie heute, als erfolgreicher Trainer, glücklicher als vor zwei Jahren?

Nein, ich war damals auch glücklich. Ich mache Glück nicht abhängig von beruflichen Erfolgen. Bei mir geht die Gleichung eher andersrum: Bin ich privat und mit meiner Familie im reinen, kann ich gut arbeiten. Und das war 2013 nicht anders als 2016.

Die gängigste These zum Trainer Becker lautet: Er ist wieder bei sich angekommen. Im Tennis, wo er sich am besten auskennt.

Die wenigsten wissen doch, was in meinem Leben passiert, heute wie vor 30 Jahren. Deshalb gibt es auch immer wieder die unmöglichsten Theorien zu Boris Becker – was er warum tut. Zum Thema Becker wird nur in Extremen gedacht, es gibt keine Grauzone. Wieder im Tennis angekommen? Nein, ich war ja nie weg. Ich habe halt nur aufgehört, Tennisspieler zu sein. Ich habe als ­Experte und Kommentator gearbeitet.

Füllt Sie das, was Sie im Tennis tun, mehr aus als andere berufliche Projekte?

Mein Leben wäre ärmer gewesen, wenn ich nicht andere Herausforderungen angenommen hätte. Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so? Nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Wie gesagt: Es gibt nur Triumph oder Tragödie. Aber ich bereue nichts. Denn was wäre die Alternative gewesen: Ab 32 ­Jahren und dem Karriereende nur noch die Legende sein. Ich bin nicht zum Grüßaugust geboren.

Was kann als Tennis-Trainer noch kommen, wenn man die Nummer eins trainiert hat – einen so überragenden Frontmann wie Djokovic?

Tennis ist ein Geschäft des Gewinnens. Wir, Novak, das Team und ich, waren da sehr erfolgreich. Deshalb wollen wir alle noch gern weitermachen, denke ich.

Wird es den Trainer Becker nach dem Job bei Djokovic noch geben?

Ich hatte andere Anfragen vor Djokovic. Aber ich habe das abgelehnt. Weil Tennis ein sehr reisenintensiver Sport ist. Weil ich es selbst schon 20 Jahre gemacht habe. Bei der Nummer eins konnte ich nicht Nein sagen. Weil ich wusste, was er für ein Typ Spieler ist: Einer, der alles fürs ­Tennis gibt. Motivation, Leidenschaft, Intelligenz – er ist perfekt. Mit ihm lohnt sich jede Minute Arbeit. Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Partnerschaft noch einmal geben könnte. Ich werde ja auch nicht jünger, möchte mehr Zeit mit der Familie verbringen. Ich sehe meine Kinder und meine Frau schon jetzt zu wenig.