Seit 14 Jahren spielt der Niederländer Michael van Gerwen (26) Darts und ist seit zwei Jahren die Nummer eins beim Profiverband PDC und längst Millionär. Bei der alljährlich um die Jahreswende stattfindenden WM im Londoner Alexandra Palace will „Mighty Mike“ seinen zweiten Titel nach 2014 gewinnen.

Berliner Morgenpost: Herr van Gerwen, den Deutschen René Eidams haben Sie in der ersten WM-Runde nur 3:2 bezwungen. Wie stehen Ihre Chancen auf den Titel?

Michael van Gerwen: Ich denke, gut! Meine größten Konkurrenten sind Phil Taylor und Gary Anderson, den ich kürzlich in Belgien im EM-Finale geschlagen habe. Er geht zurzeit durch eine schwierige Phase, und genau das muss ich bei der WM ausnutzen.

Stimmt es, dass Sie einst klassisch mit Fußball als Sport begannen?

Das ist richtig, mit elf, zwölf kickte ich in einer Jugendmannschaft in meiner Heimat Brabant. Aufgrund meines Körperumfangs wurde ich als Abwehrspieler eingesetzt. Ich war grottenschlecht. Ich hätte 24 Stunden am Tag trainieren können, es hätte nichts gebracht. Ebenso erging es mir beim Judo, das ich im Anschluss einige Zeit betrieb.

Dann sind Sie aber beim Darts gelandet.

Das war nicht mal geplant! Als ich war zwölf war, bekam ich in der Schule eine Einladung zu einem Jugendturnier. Ich nahm sie an, obwohl ich zuvor nur zu Hause mit Vater und Bruder Pfeile geworfen hatte.

Wie verlief dieses erste Turnier?

Ich brachte einen Pokal mit nach Hause. Das war ein ganz neues Gefühl für mich. Zum ersten Mal bekam ich so etwas wie Anerkennung im Sport – das war für mich die beste Motivation.

Wie ging es dann weiter?

Ich verbrachte fortan jeden Samstag in der Kneipe „De Buur“ beim Jugenddarts. Ich wurde besser und wollte bald bei jedem Turnier dabei sein.

Wie haben Sie das alles finanziert?

Berechtigte Frage, ich komme aus bescheidenen Verhältnissen. Vater war Kraftfahrer und Mutter arbeitet in der Kantine einer Metallbaufirma. Viel Geld hatten wir nie. Trotzdem hat mein Vater mich an Wochenenden immer übers Land gefahren. Bald gewann ich jedes Jugendturnier in Holland. Da kamen die ersten Sponsoren, auf kleinem Niveau. Aber Darts ist ja kein kostspieliger Sport, du brauchst drei Pfeile und ein Trikot, nur die Fahrten zu den Turnieren gingen ins Geld.

Haben Sie auch selbst Geld dazu verdient?

Klar. Ich musste damals mein Taschengeld aufbessern, hatte aber keine Lust zum Zeitungaustragen oder Autowaschen. Also fragte ich meine Eltern, ob ich in der örtlichen Dartskneipe als Schreiber aushelfen dürfe. Ich verdiente pro Spiel fünf Euro. Am Ende ging ich mit über hundert Euro nach Hause.

Stimmt es, dass Sie in der Schule gemobbt wurden?

Ja, stimmt, weil ich dick war. Das hat mich schwer getroffen. Ich wusste mir damals nicht besser zu helfen, als zuzuschlagen und mir so vermeintlich Respekt zu verschaffen. Heute weiß ich natürlich, dass körperliche Gewalt keine Lösung ist. Aber damals ging es halt nicht anders.

Und die Erfolge stärkten dann sicher das Selbstbewusstsein.

So war es. Auch hier haben mich meine Kameraden anfangs belächelt und ihre Späßchen über Darts gemacht. Heute bin ich derjenige, der lacht!

Wie reagieren Sie auf Kritiker, die behaupten, Darts sei kein Sport?

Ich sage immer: Dann ist Golf auch kein Sport, die lassen sich sogar im Buggy über den Platz chauffieren. Aber Golf ist Sport, genau wie Darts. Es braucht spezielle Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein. Ich bin froh, dass Darts populärer wird, und zwar in aller Welt. In Deutschland wird dieses Jahr im Fernsehen über 90 Stunden von der WM berichtet, so viel wie nie.

Und Sie gehören zu den Frontmännern und Zuschauermagneten!

Ich weiß, dass ich im Fokus stehe und Verantwortung trage. Ich bin vielen Vorbild muss mich diszipliniert verhalten. Bis vier in die Disco und Unmengen Alkohol trinken, das ist nicht. Das ist für einen jungen Menschen nicht immer einfach, aber ich habe mich im Griff. Ich habe ein Talent für Darts geschenkt bekommen und das darf ich nicht vergeuden. Ich muss diese Chance mit beiden Händen packen!

Was ist für Sie die Faszination am Darts?

Neben dem Spiel die länderübergreifende Euphorie der Fans: Wenn ich bedenke, wie viele deutsche Fans ich als Holländer habe – das wäre im Fußball undenkbar! Ich habe die Häme der deutschen Fußballfans mitbekommen, als unsere Nationalelf die EM-Quali nicht schaffte. Aber beim Darts werde ich genau von diesen deutschen Fans angefeuert. Wunderbar!

Irgendwann kam für Sie dann das große Geld als Dartsprofi!

Ja. Mit 18 Jahren konnte ich dann schon mein erstes Auto, einen Golf GTI, bar bezahlen. Ein tolles Gefühl. Mein größter Gewinn waren 250.000 Pfund, als ich den WM-Titel holte. Insgesamt liege ich nun bei zwei Millionen Pfund Prämien, das ist doch was für einen gelernten Fliesenleger!. Und ich werde weltweit erkannt – aber das liegt vielleicht an meiner Glatze (lacht).

Erinnern Sie sich an einen ganz besonderen Moment Ihrer Karriere?

2014 wurde ich als jüngster Weltmeister aller Zeiten von Königin Maxima und König Willem Alexander zum Lunch in den Soestdijk Palast eingeladen. Ich trug Anzug und Krawatte, man will ja gut aussehen bei so einem Anlass. Ich habe mein Hemd komplett durchgeschwitzt, so nervös war ich. Aber es war eine tolle Begegnung, meine Eltern waren richtig stolz auf mich. Ich glaube, dass ich von unserem Königspaar empfangen wurde, hat ihnen mehr bedeutet als meine WM-Trophäe.

Sie wirken auf der Bühne sehr emotional und kraftvoll, dadurch polarisieren Sie aber auch…

Man kann nicht jedem gefallen. Vielleicht bin ich ein bisschen vergleichbar mit Zlatan Ibrahimovic. Er ist auch eine große Persönlichkeit und lässt auf dem Platz Emotionen raus. Wenn man Emotionen zeigt, bedeutet das, dass man liebt, was man tut. Aber jeder hat ein anderes Naturell, auch im Darts.

Sie sagten mal, ein ausgeglichenes Privatleben sei für einen Dartsspieler wichtig

Absolut. Zumal Darts ganz viel Kopfsache ist. Da muss das private Umfeld stimmen.

Worin unterscheiden sich Dartsprofis von Fußballprofis

In den Trainingsmethoden (lacht). Nein, Spaß beiseite, natürlich geht es da um höhere Summen! Außerdem hat ein Fußballprofi einen Vertrag beim Klub und bekommt auch Gehalt, wenn er verletzt ist. Wir Dartsspieler hingegen müssen immer spielen und gewinnen, sonst gibt’s keine Kohle.

Der 16-fache Weltmeister Phil „The Power“ Taylor ist jetzt 55 und spielt immer noch ganz vorne mit…

Phil ist mit Abstand der größte Dartsspieler aller Zeiten. Eine lebende Legende. Aber bis zu diesem Alter will ich nicht mehr spielen. Mit Mitte 40 soll bei mir Schluss sein. Dann will ich soviel verdient haben, dass ich sorglos leben kann. Ich werde dann nur noch zum Spaß bei Showturnieren antreten.