Olympia 2024

„Olympia ist eines der letzten Lagerfeuer der Nation“

Hamburgs große Sportexperten Gerhard Delling, Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann hoffen auf ein Ja der Bürger zu Olympia 2024.

Foto: Marcelo Hernandez

Hamburg.  Dieses Gespräch ist für Hamburgs bekannteste Sportgesichter kein Pflichttermin. Nein, sie haben richtig Lust, über Hamburgs olympischen Traum von den Spielen 2024 zu reden.

Berliner Morgenpost: Meine Herren, gestatten Sie die indiskrete Frage. Haben Sie beim Olympia-Referendum, das Sonntag endet, schon abgestimmt? Und ggf. wie?

Johannes B. Kerner: Klar, per Briefwahl. Und natürlich habe ich den Olympia-Plänen zugestimmt.
Reinhold Beckmann
(lacht): Sonst hättest du wahrscheinlich ausziehen müssen (Kerners Frau Britta zählte zu den besten deutschen Hockey-Spielerinnen, gewann in Barcelona 1992 Silber, die Red.). Ich habe auch zugestimmt, keine Frage.
Gerhard Delling:
Ich habe per Briefwahl abgestimmt und bin ganz klar für Olympia, das ist eine einmalige Chance.

Was Ihnen allen die Chance nahm, nach den Attentaten von Paris Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Delling: Ich habe 1996 als Reporter das Attentat in Atlanta erlebt (zwei Menschen wurden getötet, 111 verletzt; d. Red.). Aber die Sorge vor Anschlägen darf nicht dazu führen, dass wir jetzt auf allen Ebenen handlungsunfähig werden.
Kerner: Ich möchte es noch schärfer formulieren: Es ist grob unfair, wenn jetzt Leute kommen und sagen, wir kombinieren das Thema Olympia mit den Mördern von Paris. Als wenn die Welt besser würde, wenn sich die Jugend der Welt nicht mehr zum friedlichen sportlichen Wettstreit treffen würde.

Wie haben Sie in den vergangenen Monaten die Diskussion um Olympia erlebt?

Delling: Sehr fruchtbar. Umso mehr hoffe ich auf eine hohe Wahlbeteiligung.
Kerner:
Die Diskussion zeigt, dass es richtig ist, in zentralen politischen Fragen auf Volksabstimmungen zu setzen. Das ist gelebte Demokratie.
Beckmann: Wobei die Olympia-Debatte in Hamburg auch an mancher Stelle wieder zeigt, dass die gesellschaftliche Mitte sich nicht eindeutig genug positioniert. Bei der Mitgliederversammlung des FC St. Pauli kamen zum Beispiel von 23.000 Mitgliedern nur 580. Den Olympia-Gegnern fiel es deshalb nicht schwer, für ihre ablehnende Haltung eine Mehrheit zu bekommen. Aber auch das ist Demokratie.

Kerner: „Sehe viele Plakate von Olympiagegnern“

Vertreter der NOlympics klagen über mangelnde Waffengleichheit …

Kerner: … in Zeiten des Terrors sollten Sie vielleicht andere Begriffe wählen.

Sie wissen, was wir meinen. Mäzene wie Alexander Otto haben die Pro-Olympia-Kampagne mit viel Geld unterstützt. Wäre es fairer gewesen, wenn der Senat beide Seiten mit einem identischen Budget ausgestattet hätte?

Delling: Das ist wieder eine Frage, bei der ich mittlerweile ungnädig reagiere. Auch da geht es doch um ein grundsätzliches Problem in unserer Demokratie. Politische Prozesse werden zum Teil entscheidend gesteuert von Menschen, die viel mehr zahlen können als andere. Diese Probleme in unserem System werden Sie nicht damit lösen, dass der Senat beiden Seiten eine bestimmte Summe zur Verfügung stellt.
Kerner:
Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich schon viele Plakate von Olympiagegnern. So ganz mittellos können die also nicht sein. Zudem haben die Gegner viel mehr Erfahrung mit einer sehr guten digitalen Vernetzung. Mit einem entsprechenden Post können sie zum Beispiel Tausende Stimmen in Online-Umfragen aktivieren. Und bitte nicht vergessen: In unserer Bürgerschaft sind nur Die Linke und ein bisschen die AfD gegen Olympia. SPD, CDU, FDP und Grüne sind klar dafür. Und die Bürgerschaft repräsentiert demokratisch legitimiert den Willen der Bürger.
Beckmann:
Ich bin überzeugt, dass es eine Bewerbung in dieser Qualität noch nie gab. Das Wort Nachhaltigkeit wird fast schon überstrapaziert. Es entsteht ein neuer, barrierefreier Stadtteil. In dieser Bewerbung finde ich die Stadt wieder, in der ich gern lebe.
Delling:
Aber es geht jetzt auch darum, dieses Konzept gemeinsam weiterzuentwickeln, damit es noch besser wird. Die Diskussion hat schon jetzt so viele positive Veränderungen ausgelöst.


Taugt London, gefeiert nach den Spielen 2012, als Blaupause für Hamburg?

Beckmann: Nein. Olympia hat London für die Bürger noch teurer gemacht, als es ohnehin war. Viele fahren jeden Morgen mit der U-Bahn eine Stunde in die City und abends wieder eine Stunde raus, weil sie es sich nicht leisten können, in ihrer Stadt zu leben. Das darf uns in Hamburg nicht passieren.

Delling: Wir sollten uns ohnehin nicht mit London vergleichen. Sydney 2000 war ein sensationelles Fest, das auch budgetmäßig funktioniert hat. Übrigens auch nach finanziell schmerzlichen Erfahrungen beim Bau der mittlerweile weltberühmten Sydney Opera.

Nach dem Enthüllungen über Korruption bei der Fifa und schwarze Kassen beim DFB steht für viele Hamburger fest: Sportfunktionäre sind alle korrupt.

Delling: Eine Gesellschaft, die akzeptiert, dass im Hintergrund immer gemauschelt wird, ist schon am Ende. Mir zeigt das erneut, dass einfach zu viel Geld in der Welt ist. Wenn man Menschen die Chance gibt, mit wenig Aufwand unanständig viel zu kassieren, dann gibt es welche, die machen das.

Kerner: Ich finde die Gleichsetzung Fifa und IOC nicht richtig. Unter Thomas Bach hat das IOC vieles verändert. Es zeichnet sich ab, dass sich das IOC von dem Trend zu immer gigantischeren Spielen verabschieden könnte. Stattdessen sollen die sogenannten second cities, also die Städte, die keine absoluten Metropolen sind, größere Chancen bei einer Bewerbung erhalten. Das spielt Hamburg in die Karten.

Unter Bach sind auch die TV-Rechte neu vergeben worden, an den US-Konzern Discovery. Es könnte passieren, dass ARD und ZDF ausgerechnet bei Spielen in Hamburg nur noch in der zweiten Reihe wären.

Delling: Diese Nachricht hat mich geschockt. Ich finde jedoch schon, dass das Gemeinschaftserlebnis Olympia in Deutschland leiden wird. Olympia war immerhin eines der letzten Lagerfeuer der Fernsehnation. Und ich bezweifle, dass ein reiner Sportkanal zum Beispiel so hohe Quoten und damit auch viele nicht so sportinteressierte Zuschauer erreichen kann wie ARD und ZDF.
Kerner:
Da wird schon noch was passieren. ARD und ZDF werden um die Lizenzen kämpfen. Außerdem weiß doch keiner von uns, wie das Fernsehverhalten 2024 aussehen wird. Im Übrigen gibt es doch 2024 die einmalige Chance für Hamburger, die Spiele live zu erleben, wenn Olympia in unsere Stadt kommen sollte. Ich war 2012 als Fan mit der ganzen Familie in London, wir waren jeden Tag beim Schwimmen, bei der Leichtathletik, beim Beachvolleyball, beim Hockey. Absolut faszinierend.

Beckmann: Olympia ist nach wie vor mehr als nur eine Sportveranstaltung: ein Fest der Völkerverständigung und bestens dafür geeignet, Vorurteile gegenüber anderen Kulturen abzubauen. Und jedem, der fragt, ob man angesichts der vielen Flüchtlinge Olympia überhaupt noch machen darf, sage ich: jetzt erst recht. Eine freie Gesellschaft muss sich so etwas Verbindendes leisten können, gerade in diesen Zeiten. Und übrigens, ohne Mark Spitz und dessen sieben Goldmedaillen in München wäre ich niemals so oft ins Freibad gegangen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.
Delling: Nein, Reinhold, das gehört hier unbedingt rein. Olympia sorgt für Vorbilder. Und das ist so wichtig. Wir sitzen uns zu Tode, machen viel zu wenig Sport. Guckt euch nur an, wie stark die Zahl der Diabetesfälle gestiegen ist. In den Schulen gibt es viel zu wenig Sport- und Bewegungsangebote. Ich bin sicher, dass nach Spielen in Hamburg selbst jede Grundschule über Startblöcke verfügen wird. Weil alle gesehen haben, wie großartig so ein 100-Meter-Lauf ist. Die Kinder werden das dann verlangen.