Als Novak Djokovic im Januar sein Viertelfinalmatch in Katars Hauptstadt Doha gegen den Aufschlagriesen Ivo Karlovic verlor, war die Tenniswelt verwundert über den Stolperer ihrer Nummer eins.

Karlovic, der 2,11-Meter-Hüne, erlebte danach eine starke Saison, machte seinem Namen als „Herr der Asse“ alle Ehre und überholte als neuer Weltrekordler den alten Heroen Goran Ivanisevic. Was jedoch Djokovic nach dem frühen Fauxpas am Golf auf die Spiel-Plätze rund um den Globus zauberte, war nichts weniger als die beste Saison, die je ein Profi in der modernen Tennisära zeigte.

Der unaufhaltsame Serbe zog bei jedem der folgenden Turniere ins Endspiel ein – 15 an der Zahl -, gewann elf Trophäen, darunter drei Grand-Slam- und sechs Masters-Pokale. Nun setzte er sich und seiner funkelnden Saison 2015 noch die letzte Krone auf, mit seinem 6:3, 6:4-WM-Sieg in London gegen Maestro Roger Federer.

„Ich hätte es mir nicht besser und schöner erträumen können“, sagte Djokovic in der Nacht, die sein stärkstes Tennisjahr als Berufsspieler würdig beschloss.

Zum vierten Mal in Folge Sieger beim Turnier der besten Acht

Knapp zwei Jahre nach dem Amtsantritt eines gewissen Boris Becker als Chefcoach grüßt Djokovic als einsamste Nummer eins seit Einführung des Computer-Weltranglistensystems – Andy Murray, Federer, Stan Wawrinka oder auch Rafael Nadal folgen dem 28-jährigen Frontmann mit massivem Abstand.

Der Schweizer Federer als Nummer drei hat nur etwa die Hälfte von Djokovics Punkten, Nadal als Nummer fünf weniger als ein Drittel. Kein Wunder: Djokovic schnappte ihnen allen beinahe alles weg, was Gewicht hat in der Tenniswelt, allem voran die Grand-Slam-Titel.

Nur den French-Open-Thron bestieg Djokovic nicht, es war der einzige Schönheitsfehler bei der wilden Pokaljagd kreuz und quer über Kontinente und Zeitzonen hinweg.

„Nahe dran an der Perfektion“

„Ich war nahe dran an der Perfektion“, sagte Djokovic, „Paris, der Titel dort, und eine olympische Goldmedaille, das sind jetzt die größten Ziele.“ Es sei eine „verrückte Saison“ gewesen für Djokovic, „absolut fantastisch“, gab auch Federer zu Protokoll. Der alte Meister konnte noch den meisten Widerstand gegen den Allesgewinner leisten, drei Mal schlug er Djokovic sogar. Aber die ganz großen Duelle gewann ausnahmslos der Weltranglistenerste.

Vier Weltmeisterschaften hat Djokovic hintereinander gewonnen – es ist eine neue Bestleistung unter vielen Bestwerten, die er inzwischen so selbstverständlich wie einst die Herren Federer und Nadal in die Geschichtsbücher seines Sports einträgt.

Doch seine Erfolge beim Championat der Besten weisen auch und gerade auf seine inzwischen eiserne Physis und Psyche hin, schließlich ist die WM am Ende langer, auszehrender Spielzeiten immer auch ein Charaktertest für die Stars. Ein Ausdruck dessen, was sie auszeichnet als Spitzenkraft – oder eben nicht. „Djokovic steht wie ein Fels in jeder Brandung da“, sagt der frühere englische Topmann Tim Henman, „bei ihm sind alle Puzzleteile zusammengefügt.“

Nadal: „Er gibt Dir keine Angriffsflächen“

Und tatsächlich: Djokovic, einst der Kränkelnde, ist heute so wehr- und standhaft, dass seine Kollegen an ihm verzweifeln. 82 Siege stehen in Djokovics Jahreszeugnis, darunter 31 Erfolge gegen Top-Ten-Spieler (bei fünf Niederlagen). „Er gibt dir keine Angriffsflächen“, sagte Matador Nadal in London und wünschte seinem Rivalen spaßig „ein nicht ganz so gutes Jahr 2016“.

© dpa | Andy Rain

Kurz nach seinem finalen Pokalcoup in Londons Tennistheater eilte Djokovic herüber zu seiner Entourage am Spielfeldrand. Die erste Umarmung galt dem Mann, der an diesem Tag seinen 48. Geburtstag feierte – Chefcoach Boris Becker.

Als vor knapp zwei Jahren die Verpflichtung des Deutschen bekannt wurde, waren Spott und Häme nicht weit, mehr noch nach ersten Enttäuschungen in der Allianz. Doch inzwischen lacht niemand mehr über „Beckovic“, über das Zusammenwirken des aktuell besten Spielers mit dem aufregendsten Spieler der 80er-Jahre.

In der Ära der „Supercoaches“ kann der Anweiser Becker auf eine bemerkenswerte Bilanz zurückblicken, Djokovic hat in der Liaison mit dem dreimaligen Wimbledon-Champion 148 Spiele gewonnen, nur 14 verloren. Und 18 Titel gewonnen, darunter vier Grand Slams.

In Wimbledon gelang ihm sogar das Kunststück, erstmals den wichtigsten aller Pokalsiege zu wiederholen – passenderweise in diesem Jahr, da sich Beckers erster Coup auf dem Heiligen Rasen zum 30. Mal jährte.

Coach Becker ein guter Ratgeber auch außerhalb des Sports

Ein Ende von Djokovics Alleinherrschaft ist noch nicht in Sicht. In keiner Beziehung, auch nicht durch eigene Motivationsprobleme. „Es ist die beste Zeit meines Lebens“, sagt Djokovic und spielt damit auch auf seine neue Vaterrolle an, auf sein Familienglück mit Frau Jelena und Sohn Stefan, „das hat mir noch einmal einen neuen Schub gegeben“.

Schon vor seinen Grand-Slam-Erfolgen im Sommer hatte Djokovic auf die Frage, ob einem Familienvater nicht der Ehrgeiz abhanden komme, den es für Topleistungen brauche, dies geantwortet: „Boris hatte, wie auch ich, gewisse Befürchtungen, wie es weitergehen würde als Papa.

Aber die Geburt seines ersten Sohnes war für ihn dann eine Quelle des Glücks, keine Störung, nichts Negatives. Und das hat er mir immer wieder vermittelt. Dass ich das als Inspiration nehmen soll.“ Gesagt. Getan.