„SZ“-Interview

Beckenbauer: „Dann wird es schon so gewesen sein“

Franz Beckenbauer äußert sich erstmals zur WM-Affäre 2006 - mit erstaunlichen Bekenntnissen.

Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer

Foto: Peter Kneffel / dpa

Franz Beckenbauer hat in der Affäre um die Vergabe der Fußball-WM 2006 erstmals öffentlich Stellung bezogen. In einem Interview in der „Süddeutschen“ berief sich Beckenbauer bei kritischen Fragen allerdings entweder darauf, dass er als Präsident des WM-Organisationskomitees zig Dokumente unterschrieben habe, ohne sie je zu lesen. Oder dass er sich mit seinen mittlerweile 70 Jahren an vieles nicht mehr erinnern könne.

Zu dem Vertrag vom 2. Juli 2000, den die Kanzlei Freshfields jüngst beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) entdeckte, versehen mit den Unterschriften von Jack Warner und ihm selbst, sagte Beckenbauer: „Wissen Sie, was ich damals alles unterschrieben habe? Tausende von Briefen, Tausende von Erklärungen, Tausende von Vereinbarungen. Ich habe immer alles unterschrieben, sogar blanko.“

Außerdem könne er sich nicht an diesen Vertragsentwurf erinnern. „Ich kenne das Papier erst seit ein paar Stunden und musste es erstmal übersetzen lassen.“ Immerhin räumte er ein, „einiges würde man heute auch nicht mehr so machen. Aber damals war es einfach gut gemeint“.

„Das stimmt ja nicht“

Beckenbauer kritisierte den zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Er habe dem langjährigen Freund helfen wollen. Der habe ihm ein Papier zur Unterschrift hingelegt, dass Niersbach nichts mit den Finanzen zu tun gehabt habe, sondern nur für die Medien zuständig war. Für den Rest sei Beckenbauer verantwortlich gewesen. So sei es aber nicht gewesen. Vor allem sei die Niersbach-Erzählung falsch, Beckenbauer habe mit Fifa-Präsident Josef Blatter im Jahr 2001 den Deal abgeschlossen, dass der DFB 250 Millionen Schweizer Franken erhalte, wenn die Deutschen vorab zehn Millionen Franken zahlen würden. Beckenbauer: „Das stimmt ja nicht.“ Blatter habe nur gesagt: Die deutschen WM-Macher sollten sich mit dem Fifa-Finanzkomitee einigen.

Schwer zu glauben wird Beckenbauers Version, wenn er über den Schuldschein spricht, den er persönlich dem damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus unterschrieben haben soll. „Ich Trottel war bereit, das selbst zu bezahlen. Ich hätte alles gemacht“, sagt er dazu. Aber sein väterlicher Freund Robert Schwan, 2002 verstorben, habe es ihm verboten. Beckenbauer: „Ich weiß bis heute nicht, dass ich einen Schuldschein unterschrieben habe. Aber wenn die behaupten, dass ein Schuldschein da war, dann wird es schon so gewesen sein.“

Manager Schwan habe ihm im Leben stets alle unangenehmen Sachen abgenommen. Beckenbauer: „Kann sein, dass er mir so ein Papier hingelegt hat. Ich habe ihm blind vertraut.“ In gewisser Weise sei er erst nach dem Tode von Schwan erwachsen geworden (also mit über 50!) und habe Verantwortung für sein Leben übernommen.

Er sagt, es könnten noch mehr Papiere auftauchen

Beckenbauer schloss in dem Interview ausdrücklich nicht aus, dass noch mehr Verträge oder Papiere mit seiner Unterschrift auftauchen könnten. Mit Blick auf die vielen Erinnerungslücken und das Nicht-Wissen-wollen vieler Zusammenhänge erstaunt die Lesart von Beckenbauer: „Ich habe ein reines Gewissen. Wir haben weder bestochen, noch haben wir schwarze Kasse gehabt. Warum glaubt der Mensch immer nur das Schlechte?“

So ausführlich das Gespräch ist, so sehr dribbelt Beckenbauer um alle entscheidenden Fragen herum. Er weiß nicht, ob er einen Schuldschein unterschrieben hat. Er weiß nicht, wohin die zehn Millionen Schweizer Franken geflossen sind. Das habe vielleicht mit Mohamed bin Hammam aus Katar („Ein Milliardär, kein Grund etwas anzuzweifeln“) zu tun, dem damaligen Finanzchef der Fifa, aber er wisse es nicht genau. Jack Dempsey, der Neuseeländer, habe es vor der WM-Vergabe im Juli 2000 dem DFB schriftlich gegeben, für den DFB zu stimmen, falls England nicht mehr im Rennen sein sollte.

„Keine Ahnung“

Warum Dempsey die Abstimmung kurzfristig verlassen hat – Beckenbauer weiß es nicht. Was im Jahr 2012 am Flughafen Frankfurt gesprochen wurde, beim Treffen der ehemaligen OK-Mitglieder, das auf Drängen von Theo Zwanziger stattfand – Beckenbauer: „Keine Ahnung.“

Beckenbauer ist verstimmt über die amtierende DFB-Führung mit Reinhard Rauball und Rainer Koch. Er habe ihnen ein Gesprächsangebot unterbreitet, aber keine Reaktion erhalten. Rauball hat das dementiert. Er habe sofort an das Beckenbauer-Management geschrieben. Beckenbauer hat einmal mit Vertretern der vom DFB beauftragten Kanzlei Freshfields gesprochen. Auf die Frage, ob er für ein weiteres Gespräch zur Verfügung stehe, antwortete Beckenbauer: „Das entscheide ich in Ruhe nach Absprache mit meinen Anwälten. Ich habe ja jetzt Ihnen Rede und Antwort gestanden.“