Die Vorwürfe wiegen schwer. So schwer, dass der Mann im Zentrum der Kritik, Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sich gezwungen sah, am Sonnabend an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Interview auf der DFB-Internetseite dementierte der 64-Jährige die Korruptionsvorwürfe, die das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ am Freitag erhoben hatte. „Das kann ich absolut und kategorisch ausschließen. Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat“, sagte Niersbach.
OK-Chef Beckenbauer schweigt weiter zu der Vorwürfen
Ebenso widersprach er dem Vorwurf, es habe einen Stimmenkauf bei der WM-Vergabe an Deutschland im Juli 2000 gegeben: „Das kann ich allen Fußball-Fans versichern. Auch der ,Spiegel’ hat dafür keine Beweise genannt, sondern beruft sich auf ein angebliches, von einer anonymen Quelle kolportiertes Zitat von Günter Netzer, das der bereits im gleichen Artikel vehement bestritten hat. Noch mal: die WM war nicht gekauft“, so Niersbach.
Die meisten anderen Beteiligten aus dem damaligen WM-Organisationskomitee (OK), äußerten sich ähnlich. Fedor Radmann, damals Vizepräsident des OK und einer der engsten Berater von OK-Chef Franz Beckenbauer, sagte bei Sky: „Das Bewerbungskomitee hat niemals irgendjemanden bestochen. Ich bin bereit, dies zu beeiden. Wir haben keine Stimmen gekauft.“ Horst R. Schmidt, damals Vizepräsident des OK, sagte: „Mir war von einer schwarzen Kasse nichts bekannt. Die Stimmen sind nicht gekauft worden.“ Das Management von Beckenbauer aber hat bisher jede Stellungnahme verweigert.
Der DFB hat mit Christian Schertz aus Berlin einen Medienanwalt beauftragt, um „sämtlichen denkbaren presserechtlichen Ansprüche gegen die Veröffentlichung des ,Spiegels’ zu prüfen“. Die Vorwürfe wies er als „völlig haltlos“ zurück.
Die Verteidigungslinie beim DFB wird also so hoch wie möglich errichtet. Dennoch lassen sich erhebliche Lücken darin finden. Der „Spiegel“ selbst räumt zwar ein, keine Beweise, sondern nur Indizien dafür zu haben, dass das OK Stimmen für die WM 2006 gekauft habe. Gleichwohl hat das Magazin schlüssig argumentiert, dass es im November 2004 eine Überweisung von 6,7 Millionen Euro gegeben habe. Die Summe sei zum Schein auf ein Fifa-Konto in Genf transferiert worden. Ein handschriftliche Vermerk auf dem Papier, das der „Spiegel“ Niersbach zuordnet, laute: „das vereinbarte Honorar für RLD“.
Schuldschein mit Unterschrift
In einem zweiten Papier, das an den Überweisungsbeleg geheftet sei, werde der Empfänger aufgefordert, die Summe an ein zweites Konto weiterzuleiten, an „RLD“ – gemeint ist Robert Louis-Dreyfus, den einstigen Adidas-Chef. Der Franzose, der im Jahr 2009 an Leukämie verstarb, habe vom deutschen OK die 6,7 Millionen Euro zurückgefordert, was 10,3 Millionen Schweizer Franken entsprochen habe, die Louis-Dreyfus im Frühjahr 2000 dem OK geliehen habe. Beckenbauer habe einen Schuldschein dafür unterschrieben. Deshalb taucht auf dem Papier vom November 2004 eine Anmerkung von OK-Vize Schmidt auf: „Schuldschein zurück“.
Der DFB hat nicht bestritten, dass es die Zahlung von 10,3 Millionen Schweizer Franken an das OK gab. Auch zur Frage eines Schuldscheines zwischen Louis-Dreyfus und Beckenbauer gibt es bisher keine Auskunft. So kategorisch Niersbach bestimmte Dinge ausschließt, auf den handschriftlichen Vermerk angesprochen, drückt sich der DFB-Präsident auffällig defensiv aus: „Ich kann mich daran absolut nicht erinnern, zumal ich in meiner Eigenschaft als OK-Vizepräsident Marketing und Medien nur sehr bedingt in wirtschaftliche Transaktionen eingebunden war. Ich möchte daher die Redaktion des ,Spiegel’ bitten, uns dieses Papier zu überlassen, um nachvollziehen zu können, worum es sich handelt und ob es überhaupt meine Handschrift ist“, sagte der DFB-Präsident.
Niersbach bestreitet nicht, dass es die Überweisung von 6,7 Millionen Euro gegeben hat, widerspricht aber der „Spiegel“-Version, nach er damals schon davon gewusst habe. Niersbach sagte: „Ich habe diesen Sommer davon erfahren und eine interne Prüfung veranlasst. Zur Aufklärung haben wir verbandsintern den Kontrollausschuss eingeschaltet sowie die externe, internationale Wirtschaftskanzlei Freshfields-Bruckhaus-Deringer. Das Ergebnis der laufenden Prüfungen ist offen.“
Auch die Staatsanwaltschaft könnte Ermittlungen aufnehmen
Niersbach weiß, dass es ab sofort um sein Renommee und seine Position im Weltfußball geht. Es braucht überzeugende Beweise für seine Version der Geschehnisse. Ansonsten ist er nicht nur als möglicher Nachfolger des suspendierten Uefa-Präsidenten Michel Platini oder als Anwärter auf den Posten von Fifa-Präsident Sepp Blatter untragbar. Er wäre auch als DFB-Chef nicht zu halten.
Auch aus der Politik gibt es Druck: Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte, er könne dem DFB „nur raten, jetzt schnellstmöglich Untersuchungen einzuleiten und die Fragen zu klären“. Dagmar Freitag (SPD), die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestages, verlangte eine externe Untersuchung. Bei Inforadio warf sie dem DFB vor, zögerlich reagiert zu haben. Die SPD-Politikerin Freitag sprach noch eine andere Dimension der Geschichte an: „Ich vermute mal, dass sich auch die Staatsanwaltschaft für die Vorgänge interessieren könnte.“
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