Formel Eins

Sebastian Vettel wird für Mercedes zur roten Bedrohung

Nico Rosberg hinter sich, Lewis Hamilton im Visier: Der Heppenheimer wird zum ernsthaften Konkurrenten für die Silberpfeile.

Mit Pelzmütze feierte Sebastian Vettel seinen zweiten Platz in Sotschi. Die Platzierung war eine Kampfansage an Mercedes

Mit Pelzmütze feierte Sebastian Vettel seinen zweiten Platz in Sotschi. Die Platzierung war eine Kampfansage an Mercedes

Foto: Srdjan Suki / dpa

Sotschi.  Traurig quälte sich Nico Rosberg nach dem Pannenfrust von Sotschi am Montag zur Feier der Team-Weltmeisterschaft in die Formel-1-Fabriken von Mercedes – im festen Wissen, dass die nächste WM-Party schon in zwei Wochen für seinen britischen Teamkollegen steigen könnte.

„Ich habe das Gefühl, dass es für mich ein Seuchenjahr ist“, klagte Rosberg, dem Ferrari-Star Sebastian Vettel sogar noch den erhofften Platz zwei im WM-Kampf entwenden könnte.

Rosberg hat allen Grund, unglücklich zu sein: Sein Mercedes hatte einen Tag zuvor beim Großen Preis von Russland schon nach sieben Runden gestreikt, ein defekter Gaspedaldämpfer war Ursache dafür, dass der Vizeweltmeister punktlos blieb und mit 229 Zählern nur noch auf Gesamtrang drei liegt. Sieben Zähler hinter Vettel.

Alter Zweikampf, neuer Zweikampf

Der Kampf um Platz zwei dürfte damit das Spannendste sein, was der Saison-Endspurt mit den vier ausstehenden Rennen in den USA (25. Oktober), Mexiko (1. November), Brasilien (15. November) und Abu Dhabi (29. November) zu bieten hat. Aus dem Zweikampf Rosberg-Hamilton, der die Saison zumindest bis zum Großen Preis von Japan elektrisierte, ist spätestens seit Sotschi ein Duell Rosberg-Vettel geworden.

Zwar geht der Mercedes-Pilot trotz des Rückstands als leichter Favorit in dieses Duell, kann doch Ferrari die Silberpfeile nur an sehr guten Tagen schlagen. Doch die derzeitige Gemütslage spricht eher für Vettel.

Denn schon seit fast vier Monaten wartet Rosberg auf einen Sieg, nie in der gemeinsamen Mercedes-Zeit war sein Rückstand auf Hamilton größer. 73 Punkte sind es jetzt. Ein Zustand, der auch sein Team auf den Plan ruft.

„Nico ist jetzt in einer Situation, in der er ruhig bleiben muss“, mahnte Mercedes-Motorsportchef Christian Wolff. „Er ist ein irrsinniger Kämpfer“, betont der Österreicher.

Traditionsteam aus Italien will 2016 wieder angreifen

Doch die besseren Perspektiven hat Ferrari mit seinem neuen deutschen Star. Da genügt zunächst der Blick auf die Vergangenheit: Allein schon die Chance auf den zweiten WM-Platz zeigt den großen Fortschritt im Vergleich zum vergangenen Jahr, als Vettels Vorgänger Fernando Alonso letztlich nicht mal halb so viele Punkte aufwies wie Weltmeister Hamilton.

Die Gegenwart lässt sich gut an: Vettel schaffte in Sotschi seinen elften Podiumsplatz mit Ferrari. Er holt das Maximum aus seiner Debütsaison bei der Scuderia und hat das strauchelnde Traditionsteam mit seinem Enthusiasmus wiederbelebt.

Der „Corriere dello Sport“ schwärmte bereits: „Vettel Zweiter, die Roten im Aufwind. Ein kleiner Schritt in der WM-Wertung, ein großer Schritt in der Formel 1.“

Und die Zukunft? Die dürfte für Vettel mehr bedeuten als ein Zweikampf mit Rosberg. Da geht es um das große Ganze: Ferrari gegen Mercedes, Vettel gegen Rosberg und Hamilton. „Das ist unser Ziel“, sagte Sebastian Vettel, der zuletzt viermal in Folge auf dem Podium stand. „Wir wollen Mercedes herausfordern. Noch sind sie uns ein wenig voraus, aber wir machen einen guten Job und holen Schritt für Schritt auf“, vermerkte der Hesse.

In zwei Wochen kann Hamilton Weltmeister sein

Für dieses Jahr ist es tatsächlich zu spät, bereits in zwei Wochen in Austin kann Spitzenreiter Hamilton seinen beiden deutschen Herausforderern auch die letzte rechnerische Hoffnung auf den WM-Triumph rauben (siehe Infokasten).

Aber für die nächste Saison fürchtet Mercedes die rote Herausforderung. „Ferrari ist das Team, mit dem man sich messen will. Wir erwarten, dass sie nächstes Jahr sehr stark sein werden“, sagt Motorsport-Chef Wolff.

Eine Ankündigung, die Hamilton selbst gelassen nimmt. Momentan genießt der Brite die Anerkennung. „Es ist die beste Zeit meiner Karriere, ich bin so dankbar“, schwärmte der Doppel-Champion, den die „Gazzetta dello Sport“ zum „Zar Hamilton“ ernannte.

Spaniens „El Periódico“ meinte: „Der Brite braucht sich nun nicht mehr auf die WM zu konzentrieren, er kann unbekümmert seine Partys feiern.“

Freude auf Rad-an-Rad-Duelle

Aber auch dessen Blick geht voraus. Hamilton bezeichnete die Scuderia als „ernsthafte Bedrohung, ich kann nicht voraussagen, wie eng es nächstes Jahr schon wird.“ In einer für jeden Formel-1-Fan verheißungsvollen Vision wünschte er sich zudem bereits enge Rad-an-Rad-Duelle mit dem roten Renner: „Ich würde es lieben, so etwas mit Sebastian auszufechten.“

Um einen echten Titelkampf zwischen Rot und Silber zu ermöglichen, muss allerdings ein ebenso großer Sprung im kommenden Winter her. Im Schnitt eine gute halbe Sekunde betrug der Rückstand der Scuderia auf Mercedes in den Qualifikations-Sessions in diesem Jahr, das ist noch immer eine gewaltige Lücke.

Aber, sagte Hamilton, „wir wissen ja, wie stark Sebastian ist. Und Ferrari wird immer besser.“ Er schloss den geschlagenen Teamrivalen keineswegs aus: „Ich bin sicher, dass Nico ganz stark zurückkommen wird und wieder schwer zu schlagen ist.“

Und Rosberg selbst? Der will nicht länger traurig sein: „Ich werde stark wieder zurückkommen“, versprach er und wünschte sich heim zu Frau Vivian und Tochter Alaïa: „Wenn ich die Familie sehe, bin ich wieder okay.“