Berlin

Doppelter Schock für Red Bull

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Das Team hat noch keinen Motor für 2016, und Nachwuchspilot Sainz baut in Sotschi einen schweren Unfall

Berlin. Für einige bange Minuten wurden beim Grand Prix in Sotschi Themen wie die WM-Wertung oder selbst die Zukunft der Formel 1 in den Hintergrund gedrängt. Carlos Sainz war in seinem Toro Rosso im Abschlusstraining mit hoher Geschwindigkeit in die Streckenbarrieren gerast und hatte sein Auto zu Schrott gefahren. Es sah übel aus. Über den Zustand des 21-Jährigen war zunächst nichts bekannt, es gab keine Funkverbindung. Allgemeine Erleichterung machte sich erst breit, als der Sohn von Rallye-Legende Carlos Sainz bei seinem Abtransport von der Strecke auf der Trage den Daumen hob und später aus dem Krankenhaus sogar übermütig twitterte: „Alles okay! Ich überlege schon, wie ich die Ärzte davon überzeuge, dass ich morgen fahren kann.“

Dass dies nicht vernünftig wäre, steht wohl außer jeder Diskussion. In jedem Fall hat der junge Mann aus dem Junior-Team des Rennstalls Red Bull starke Nerven – eine Eigenschaft, die auch die Eigentümer in Österreich brauchen. Denn so wie es momentan aussieht, hat sich Red Bull gehörig verzockt. Der Fortbestand in der Formel scheint fraglich. Die Aufregung darüber ist groß im Fahrerlager. Sebastian Vettel sprach von einem „Schock“, Weltmeister Lewis Hamilton schüttelte den Kopf über den drohenden Ausstieg der Konkurrenz. Der Big Player steht für 2016 ohne Motor da, „im Moment sieht es so aus, dass wir keinen bekommen“, sagte Teamchef Christian Horner betrübt.

Mittendrin, zwischen Palmen und Sonnenschirmen am Schwarzen Meer, witzelte ein kleiner Mann mit grauen Haaren: „Red Bull sollte Volkswagen kaufen, das wäre doch eine gute Idee.“ Als niemand lachte, fügte Bernie Ecclestone, der Chef der Königsklasse, gleich viel ernsthafter an: „Wenn sie gehen, ist es schlecht für die Formel 1.“ Längst geht das Szenario über Säbelrasseln hinaus. Der Abschied wird immer realistischer. Red Bulls Abgang wäre ein schwerer Schlag, gleich zwei der ganz wenigen wirtschaftlich gesunden Teams würden verloren gehen, neben Red Bull Racing auch das Ausbildungsteam Toro Rosso.

Rosberg startet vor Hamilton von der Poleposition

„Das wäre ein großer Verlust“, sagte Ferrari-Pilot Vettel über sein Ex-Team: „Ich kann es mir gar nicht vorstellen.“ Selbst Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, einer der Hauptdarsteller im Ringen um Motoren, räumt ein, dass „Red Bull einen anderen Stellenwert hat. Wir sollten versuchen, sie im Sport zu behalten.“ Allerdings nicht um jeden Preis. Aus nachvollziehbarem Eigensinn sträuben sich die Schwaben dagegen, den Konkurrenten mit dem derzeit stärksten Antrieb auszustatten. Ferrari sieht es genauso und ist vom Plan abgerückt, Red Bull zumindest 2015er-Motoren für das kommende Jahr zu liefern.

Den Österreichern sind die Alternativen ausgegangen. Honda pocht auf die exklusive Partnerschaft mit McLaren - und die Zusammenarbeit mit Renault wurde aufgrund der schwachen Ergebnisse unter lautem Getöse beendet. „Irgendwann Ende Oktober“, sagte Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz, müsse ein Motorenvertrag abgeschlossen werden, sonst würde die Zeit zur Entwicklung zu knapp. Zweifellos sollte die eilige Verkündung über die Trennung von Renault Druck ausüben auf mögliche neue Motorenpartner. Das Gegenteil ist eingetreten. Horner deutete jetzt gar reumütig eine überraschende Wende an: „Offiziell ist noch nichts beendet mit Renault. Nichts ist unmöglich.“

Es wird aber auch gemunkelt, dass Mateschitz einen Ausstieg von Anfang an in Kauf genommen hat. Für den Getränkeriesen ist das Engagement in der Formel 1 ein teures Marketingwerkzeug, und wenn das Team auf Sicht hinterherfährt, macht ein Rückzug Sinn - zumal das Unternehmen ja in zahlreichen anderen Motorsportklassen vertreten bliebe. Dafür steht die Formel 1 an einem schwierigen Punkt. Scheitert Red Bull, dann haben die anderen Hersteller dafür gesorgt - sich dabei aber nicht regelwidrig verhalten. Die brisante Motorenfrage sei eben „keine einfache Entscheidung“, sagt auch Vettel: „Ich bin froh, dass ich nur der Kutscher bin und sie nicht treffen muss.“

Der Deutsche wird heute (13 Uhr, RTL und Sky) in Sotschi von Platz vier starten, die Poleposition eroberte Nico Rosberg im Mercedes vor Teamgefährte Hamilton und Valtteri Bottas im Williams. Der dritte Deutsche Nico Hülkenberg fuhr im Force India auf Rang sechs. Bester Red Bull war Daniel Ricciardo als Zehnter, noch einen Platz hinter Max Verstappen im Toro Rosso.

( BM )