Nationalmannschaft

Der beste Jerome Boateng aller Zeiten

Jerome Boateng zählt inzwischen zur A-Klasse des Fußballs. Warum der gebürtige Berliner sogar schon mit dem „Kaiser“ verglichen wird.

Foto: Mika Volkmann / picture alliance / Mika

Berlin.  Viel kann ihn ja nicht mehr verblüffen. Jerome Boateng, 27, hat schließlich fast alles erlebt, was man als Fußballer erleben kann. Dramatische Niederlagen wie das verlorene Champions-League-Finale „dahoam“ 2012; epische Triumphe wie das Triple mit Bayern München im Jahr darauf und natürlich den WM-Titel in Brasilien. Was ihn noch überraschen kann? Wohl am ehesten er selbst.

So wie am vergangenen Sonntag, als er Borussia Dortmund mit zwei ansatzlosen Präzisionspässen über das halbe Feld aushebelte. Einmal mit rechts, einmal mit links, den Rest besorgten Thomas Müller und Robert Lewandowski. Zwei Torvorlagen in einem Spiel – das war selbst für Boateng ein Novum. Für Müller, den ewigen Lausbub, ein Grund mehr, seinen Teamkollegen den Spitznamen „Kaiser“ anzudichten. Franz Beckenbauer lässt grüßen.

„Das ist wohl ein kleiner Spaß am Rande gewesen“, sagte Boateng am Dienstag, als er auf dem Podium der Nationalmannschaft Platz genommen hatte. Doch auch er weiß: Hinter jedem Spaß steckt ein wenig Ernst. Dass der seriöse Anteil in Boatengs Fall nicht zu verachten ist, zeigte sich auf der Pressekonferenz des DFB-Teams.

Selbst Bayerns Mahner Sammer gerät ins Schwärmen

Ob er der beste Innenverteidiger der Welt sei, wollte ein Fragesteller wissen. „Das sollen andere beurteilen“, antwortete der gebürtige Berliner in seinem typischen Boateng-Sprech. Monoton und phlegmatisch, bestenfalls cool verlassen die Worte ja seinen Mund. Wenn Boateng in eine Kamera spricht, möchte man ihn am liebsten schütteln.

Als deutlich begeisterungsfähiger erwies sich in den vergangenen Tagen die hiesige Fußballprominenz. „In den letzten zwei Jahren spielt er auf absolutem Weltklasse-Niveau“, adelte der „echte“ Kaiser, und selbst Matthias Sammer, sonst der nimmermüde Chef-Mahner, konnte sich ein Lob nicht verkneifen. „Sowas habe ich im Passspiel und von der Präsenz her lange nicht mehr gesehen“, schwärmte Bayerns Sportvorstand.

Welch Ausnahmestellung Boateng in Deutschland innehat, bewies aber am ehesten die Bemerkung von Dortmunds Nationalspieler Ilkay Gündogan. Als Mittelfeldspieler wünsche man sich, so einen Mann hinter sich zu haben, sagte der Deutsch-Türke. Zumindest in der Nationalelf sei das ja der Fall. Ein Statement, das sich leicht als Seitenhieb auf Mats Hummels verstehen lässt. Der ist beim BVB bekanntlich Abwehrchef und Kapitän, doch anders als bei seinem Weltmeisterkollegen Boateng sind bei ihm seit Rio keine Fortschritte zu erkennen.

Das Fußballmärchen beginnt in der „Panke“

Bei Boatengs hingegen scheint die Weiterentwicklung seit seinen ersten Ballkontakten kein Ende zu nehmen. Die fanden in einem Hinterhof im gutbürgerlichen Wilmersdorf statt. Dort lebt er mit seinem Vater Prince, einem Ghanaer, der in den Achtzigern nach Berlin kommt, und Mutter Nina.

Seine Halbbrüder George, heute Rapper, und Kevin-Prince, inzwischen auf dem Abstellgleis bei Schalke 04, wachsen derweil im rauen Wedding auf. Erst mit acht, neun Jahren intensiviert sich der Kontakt. Zwei Welten treffen aufeinander, doch von da an nimmt das Fußballmärchen seinen Lauf. Im Fußball-Käfig an der „Panke“ schulen die Brüder ihre Technik und vor allem ihre Nehmerqualitäten. „Der Käfig“, hat Jerome Boateng einmal gesagt, „ist der Anfang von allem.“

Gemeinsam laufen er und Kevin-Prince später für Hertha BSC auf, erst in der Jugend, dann als Profis. Jerome wechselt zum Hamburger SV (2007) und Manchester City (2010), ein Jahr später schließlich nach München, wo er einen Vertrag bis 2018 hat. Kopfballstark und schnell ist der 1,92-Meter-Mann schon immer, doch was fehlt, ist die Konstanz. Mal mangelt es an der nötigen Konzentration, mal langt Boateng im Zweikampf zu unbedarft zu.

Die Vermarktung übernimmt Rap-Mogul Jay Z

Inzwischen ist er die Entschlossenheit in Person, ruhig und souverän. Wer ihn soweit gebracht hat? Die Trainer Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Joachim Löw, sagt Boateng, sowohl taktisch als auch in der Persönlichkeitsentwicklung. Und: „Meine Familie, die immer ehrlich zu mir ist und mich auch mal kritisiert.“ Auch nach vier Jahren und acht Titeln mit den Bayern ist seine Heimatverbundenheit ungebrochen. Als er im vergangenen Jahr den WM-Pokal in den Himmel der Hauptstadt reckte, sagte er: „Ich bin stolz, ein Berliner zu sein.“

Der Mensch Boateng ist nach wie vor zurückhaltend. Die Marke Boateng aber strebt nach Höherem. Für seinen Ausrüster platziert er – wie vergangenen Sonntag – immer wieder Fotos mit seinen Schuhen bei Twitter und Co., so wie die Messis, Ronaldos und Ibrahimovics. Er ist in der Premiumklasse seines Sports angekommen. Seit diesem Sommer lässt sich der mode- und musikaffine Profi weltweit von Rap-Mogul Jay Z vermarkten. Boateng beweist Weitblick, nicht nur bei seinen Pässen aus der Tiefe.

Dazu zählt auch, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Am Donnerstag (20.45 Uhr, RTL) trifft die DFB-Elf in Dublin auf Irland. „Sie werden die Räume eng machen“, sagte Boateng, „es geht darum, die Lücke zu finden.“ So wie gegen Dortmund. Holt das deutsche Teameinen Punkt, ist die Teilnahme an der Europameisterschaft sicher. Die Voraussetzung dafür, dass sich Boateng im Sommer 2016 ein weiteres Mal über etwas Neues freuen darf, wäre damit erfüllt. Der EM-Titel fehlt ihm schließlich noch.