Mit dem Sprichwort „Gut ist nicht gut genug“ kann Pep Guardiola nichts anfangen. In der Welt des Katalanen dürfte es heißen: „Sehr gut ist nicht sehr, sehr gut genug.“ Der Bayern-Trainer war nicht zufrieden, nicht zu 100 Prozent. Seine Mannschaft hatte gerade 5:1 gegen Borussia Dortmund, gegen den Tabellenzweiten, den bis dato Wenn-Überhaupt-Verfolger gewonnen. Die Bayern hatten die zweitbeste Mannschaft des Landes auseinander genommen, nach 66 Minuten, nach dem fünften Tor, verschonten die Neuers, Müllers, Boatengs und Götzes ihre Nationalelfkollegen Hummels, Gündogan und Reus.

Doch zurück zu Pep, dem Perfektionisten. Er bemängelte doch tatsächlich die letzten 20 Minuten seiner Elf, dieses 0:0 gegen Dortmund. Für Guardiola war es eine kleine, kleine Niederlage trotz des achten Saisonsiegs im achten Spiel. Weil sich die Spieler hatten gehen lassen. „Jeder hat nur noch für sich gespielt“, sagte der Trainer und meinte, das Ergebnis habe man verwaltet, die Dinge laufen gelassen. Er sagte: „Wir müssen 90 Minuten spielen, wir haben Fehler gemacht.“ Passiert ist nichts mehr. Aber sehr gut ist eben nicht sehr, sehr gut genug.

Womöglich war der 44-Jährige froh. Was soll er seinen Profis sonst noch erklären? Noch beibringen? Schließlich ist er Fußball-Lehrer. Seine hochbegabten Schüler brauchen lediglich motivierende Worte, Denkanstöße, Aha-Erlebnisse im Training wie im Spiel. Und genau die liefert Guardiola, der Hochbegabte unter den Trainern.

Es ist das dritte Jahr des Katalanen beim FC Bayern, sein Deutsch schwankt immer noch zwischen überraschend klar und wirr. Was aber durch die Emotionalität zu erklären ist. Vor Spielen kann er sich viel präziser ausdrücken als danach, noch angefixt durch die Hitze des Gefechts. Spielt jedoch keine Rolle mehr. Denn seine Profis haben ihn und seine Philosophie längst verstanden. Tatsächlich spielt Bayern nun nach zwei Jahren und drei Monaten der Ära Guardiola den besten Fußball seiner Amtszeit.

Nie ist ein Team erfolgreicher in eine Bundesligasaison gestartet

Sein Ideenreichtum, gepaart mit seinem Erfinder-Gen, sein nie ruhen wollender Geist, diese Rastlosigkeit, das ist die eine Seite des Erfolgs. Bis zur Automatisierung werden Spielzüge und Systemwechsel einstudiert, von jedem einzelnen Spieler verlangt Guardiola höchste Bereitschaft und Flexibilität. Wer nicht lernen will, bekommt eine Nachhilfestunde. Als stummer Beobachter auf der Bank. Das emotionale Coaching und die spektakulären, weil mit allen Gliedmaßen vorgenommenen Korrekturen während der Spiele, oft als Slapstick an der Linie missverstanden, sind wertvolle Inhalte des Lehrplans. Während des Dortmund-Spiels erklärte der Trainer seinem Kapitän Philipp Lahm, warum dieser nun aus dem Mittelfeld in die Viererkette rücken müsse. Vor lauter Besessenheit beim Coaching nahmen beide, abgetaucht in die Taktikwelt, kaum wahr, dass Thomas Müller soeben den Elfmeter zum 2:0 verwandelte. Sei’s drum. Pep ist immer einen Schritt weiter. „Sein Training ist eine Show“, lobte Ehrenpräsident Franz Beckenbauer und erklärte: „Die Spieler könnten auch mit verbundenen Augen den Mitspieler finden.“

Die andere, die zweite und noch entscheidendere Seite des Erfolgs ist Guardiolas Offenheit für Neues, seine Anpassungsfähigkeit. Power-Fußball über die Flügel wie mit Arjen Robben und Franck Ribéry oder neuerdings mit Douglas Costa, Kingsley Coman oder Mario Götze, dazu lange Bälle wie von Innenverteidiger Jerome Boateng – alles gerne genommen, wenn es dem Erfolg dient. Dass Guardiola nur stur seinen Weg geht, ist ein Märchen. Oft genug hat er davon gesprochen, „sich anpassen zu müssen“. Gesagt. Getan.

Ob es denn eine Mannschaft in der Bundesliga gäbe, die diese Bayern stoppen könne, wurde Thomas Tuchel gefragt. „Nein, natürlich nicht“, meinte der BVB-Trainer. Seine einleuchtende Begründung: „Es ist abseits der Qualität die Atmosphäre, die Bayern München, die Pep Guardiola, geschaffen hat. Die Haltung, die Gier, die Lust, die Bescheidenheit, die Schärfe.“ Auf den Punkt gebracht. Aller Ursprung ist der Pep. Auch der beeindruckenden Zahlen: 24 Punkte, plus 24 Tore – exakt wie in der Triple-Saison 2012/13. Acht Spiele und satte sieben Punkte Vorsprung auf Platz zwei – das gab es noch nie seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995/96.

Noch in diesem Jahr Gespräche über neuen Vertrag geplant

Was trotz der Seriensiege künftig zu tun sei, wurde Guardiola gefragt: „Jedes Training Vollgas geben“, lautete seine Antwort. Guardiolas Credo: „Jeder Tag ist der wichtigste Tag, jedes Spiel ist das wichtigste Spiel. Wenn ein Spieler nicht gut ist, spielt eben ein anderer.“ Und diese Liaison soll am Ende der Saison auseinander gehen? Guardiolas Vertrag bei den Münchnern läuft bekanntlich im Sommer aus.

„Was zusammengehört, soll man nicht trennen“, meinte Beckenbauer. Und weiter: „Ich habe ihm gesagt, dass ich froh wäre, wenn er bleibt. Es passt einfach zusammen.“ Noch 2015 will man verhandeln. „Ich habe immer gesagt, dass wir uns in der zweiten Jahreshälfte 2015 zusammensetzen“, betonte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. „Es sind noch einige Monate. Es steht viel pro Bayern München auf dem Tisch - und so ein Spiel wird den Trainer sicher auch glücklich machen.“ Wenn auch nur 70 Minuten. Die Bayern sollten sehr, sehr gut verhandeln. Denn: Nur sehr gut ist nicht gut genug.