Wer hätte um 21.35 Uhr an diesem langen US-Open-Tag auch nur einen einzigen Cent auf Sabine Lisicki gesetzt? Es war der Moment, in dem die Berlinerin mit vereisten Gesichtszügen und tränenfeuchten Augen über den legendären Grandstand-Platz des National Tennis Centers schritt – einen Albtraum der verpassten Chancen und das bitterböse US-Open-Aus in der dritten Runde vor Augen. 25 Minuten und sechs Spiele später lag Lisicki tatsächlich am Boden, war allerdings obenauf, als Hauptdarstellerin einer Entfesselungsnummer, die man auch beim verrücktesten aller vier Grand-Slam-Turniere nicht oft zu sehen bekommt: Von einem aussichtslos scheinenden 1:5-Rückstand im letzten Akt dieses ebenso wirren wie aufwühlenden Dreiteilers rauschte Lisicki noch zu einem 6:4, 4:6, 7:5-Sieg gegen die Tschechin Barbora Strycova und ist damit die letzte deutsche Spielerin, die in New York noch im Rennen ist.
„Es ist ein unglaubliches Gefühl, das noch gedreht zu haben“, sagte die 26-jährige, die beim Stand von 1:4 wegen einer Knieverletzung behandelt wurde. Lisickis Coach Christopher Kas, der auf der Tribüne wilde Freudentänze aufführte, sprach sogar vom „geilsten Match, was ich in meinem Leben erlebt habe“. Lisicki beklagte sich nach dem Spiel über diverse „Unsportlichkeiten“ in dem Reizduell, etwa einen abfällig gestreckten Mittelfinger von Strycova. Nächste Gegnerin für die unberechenbare Berlinerin ist nach dieser Houdini-Nummer nun im Achtelfinale mit der Rumänin Simona Halep die Nummer zwei der Welt.
Lisickis Coup nach einer selten erlebten Achterbahnfahrt zwischen glänzenden und elenden Momenten war das Schluss-Kapitel eines ansonsten traurigen deutschen Grand-Slam-Tages, an dem zuvor in unschöner Regelmäßigkeit alle anderen Hoffnungen geplatzt waren. Alles wurde dabei von den DTB-Profis geboten auf den kleineren und größeren Bühnen in Flushing Meadows: Angelique Kerber scheiterte grandios mit 5:7, 6:2, 4:6 gegen die Weißrussin Viktoria Azarenka – in einem der besten Matches ihrer Karriere. Andrea Petkovic setzte verschnupft angeschlagen ihre scheinbar ewige Pechsträhne beim 6:7, 2:6-Aus gegen die Britin Johanna Konta fort. Mona Barthel war nahe dran an ihrem ersten Grand-Slam-Achtelfinale, verlor aber wie so oft auf der Zielgeraden ihre Courage und dann das Spiel, in diesem Fall gegen die Amerikanerin Varvara Lepchenko mit 6:1, 3:6, 4:6. Und Philipp Kohlschreiber konnte auch im zehnten Duell mit Freund Roger Federer die Niederlagenserie nicht stoppen, 3:6, 4:6, 4:6 verlor er gegen den an diesem Tag keineswegs übermächtigen Maestro. „Heute hatte ich das Gefühl, dass was gegen ihn drin gewesen wäre“, sagte Kohlschreiber vergrätzt.
Lisickis Late-Night-Kapriolen mit glücklichem Ende konnten die magere deutsche Bilanz nicht wirklich aufhübschen, die Abrechnung in New York und des ganzen Tennisjahres bei den Major-Wettbewerben fällt bitter aus. Denn weder Kerber noch Petkovic erreichten bei ihren Grand-Slam-Bemühungen auch nur einmal das Achtelfinale, aus dem ganzen Tross der deutschen Spielerinnen kämpften sich nur Julia Görges (Australien, Frankreich) und nun Lisicki (USA) in die zweite Woche eines der vier Topevents vor.
Übrig geblieben ist in New York also noch Lisicki, die ewige Wundertüte des deutschen Tennis. Auch gegen Halep ist alles und nichts möglich – je nachdem, welches ihrer vielen Gesichter die Berlinerin präsentiert. Für sie steht fest: „Ich werde wieder kämpfen, bis zum letzten Punkt.“




