Frust oder Jetzt-erst-recht-Stimmung? Nach einer nicht zufriedenstellenden ersten Woche bei der Tour de France für das deutsche Profiteam Giant-Alpecin gab es für Fahrer und Teamleitung Grund genug, die Eingangsfrage zu beantworten.
„Wir hätten unseren Job verfehlt, wenn wir jetzt nicht alles in die Waagschale werfen würden“, übernimmt Simon Geschke die Antwort. Für den Berliner ist das aber mehr als lediglich eine vom Arbeitgeber erwartete Äußerung. „Wir wollten mindestens einen Etappensieg für John Degenkolb. Dass wir das nicht geschafft haben, liegt definitiv zuerst an uns. Wenn man sich das mal eingestanden hat, kann man nach Faktoren suchen, die vielleicht nicht von uns zu verantworten waren und die trotzdem den gewünschten Erfolg verhindert haben“, so der 29 Jahre alte Profi.
Bei Sprintankünften nicht optimal
Und Geschke wird konkret. „Was uns nicht gelungen ist, ist die perfekte Harmonie bei den Sprintankünften herzustellen, die John in die richtige Position gebracht hätte. Da nehme ich mich nicht aus, ich habe auch ein oder zweimal meine Kraft nicht richtig eingeteilt. Und dann gibt es die Sachen, wo man in Sekundenschnelle eine richtige oder falsche Entscheidung trifft. Zum Beispiel, wenn man mal auf der falschen Seite einen Kreisverkehr umrundet. Wenn es blöd läuft, sind die entscheidenden Meter futsch.“
Bei Ausreißversuchen mitfahren
Dem Ziel, „mindestens einmal die Korken knallen lassen“, das Degenkolb am Ruhetag (Montag) formuliert hatte, schließt sich Geschke an: „Die Dinge laufen jetzt anders. Das Streckenprofil ist vorläufig so, dass wir unseren Erfolg über Ausreißversuche suchen können. Wann immer sich eine Gruppe bildet, in der zehn Fahrer zusammenkommen, müssen wir dabei sein. Und wenn es geht zuschlagen.“
Auch er, als sogenannter Wasserträger? „Na klar! Nachdem die Sprintetappen vorbei sind, verändert sich meine Aufgabe. Ich habe mehr Freiheiten mit dem Ziel, bei Fluchtversuchen mitzufahren. Und wenn so eine Gruppe durchkommt, kann es sogar für mich klappen.“ In Mur de Bretagne (8. Etappe) hätte es fast schon mal geklappt.
Nachrücker für Marcel Kittel
Dass Simon Geschke von einem Etappensieg zumindest träumen darf, hat er der aus Sicht der Giant-Teamchefs ungenügenden Form von Top-Sprinter Marcel Kittel zu verdanken. Der 27-jährige aus Arnstadt, 2014 gleich viermal Tour-Etappensieger, erreichte bei den Vorbereitungen nicht den gewünschten Leistungsstand. Geschke rückte nach. Mitleid für den Kollegen?
„Das ist halt Sport. Unsere Chefs haben entschieden. Ich hätte die Entscheidung nicht treffen wollen. Es glaubt mir aber keiner, wenn ich sagen würde, dass ich mich über die Tour-Chance nicht gefreut habe“, sagt Geschke, der im Frühjahr noch mit einem gebrochenen Schlüsselbein (Sturz beim Rennen Tirreno-Adriatico) zu kämpfen hatte. Sein Programm sah ursprünglich die Frühjahresklassiker und den Giro d’Italia vor.
Vater Jürgen war sogar Weltmeister
Die Tour de France war es, die Geschke einst zum Radsport gebracht hat - auch wenn er durch seinen Vater Jürgen vorbelastet war. Der wurde 1977 Weltmeister im Bahnsprint, nach zuvor zwei Tandem-Titeln mit Werner Otto.
„Ich oute mich als Fan von Jan Ullrich. Seine Tour 1997 habe ich am Fernseher verfolgt. Er war mein Idol. Und er hat in Deutschland einen Boom ausgelöst. Ich bin in Berlin Mitglied beim TSC geworden und habe unter Dieter Stein trainiert“, erzählt Geschke. Das eingeworfene Stichwort „Doping“ nimmt er sofort aus. „Natürlich hat Ullrich falsch gehandelt. Vor allem, weil nicht nur er, sondern ein großer Teil im Radsport die Dinge totschweigen wollte. Das war wie bei der Mafia mit der Omerta (Schweigegebot, d.R.)“, so Geschke: „Die Medien haben dann nicht mehr objektiv berichtet, die Dinge haben sich aufgeschaukelt. Jan Ullrich hat für seine Fehler bezahlt, wenn auch spät. Seine Karriere war trotzdem toll.“
Giant-Alpecin will Etappensieg
Geschke findet, dass seine Generation lange unter einem Generalverdacht gefahren ist. „Ich musste mich dafür rechtfertigen, Radprofi zu sein. Das war nix zum Genießen. Aber ich habe es trotzdem nie bereut, würde mit nichts tauschen wollen.“ Er sieht seinen Sport nach wie vor in der Pflicht, sauber zu werden. Und die Medien? „Sie sollen einfach nur fair berichten.“
Ein Herzenswunsch soll für Geschke auf jeden Fall bei der laufenden Tour, seinder dritten, in Erfüllung gehen: am 26. Juli in Paris. „Die Einfahrt auf die Champs-Elysées, das ist unfassbar. Die Franzosen schicken Kampfjets los, die die französischen Farben am Himmel versprühen. Dann hat man Gänsehaut. Es geht dann noch eine Stunde. Das Gefühl ist unbeschreiblich.“ Erst recht, wenn es mit dem Etappensieg fürs deutsche Team bis dahin geklappt hat.





