Die Karriere der Ana Carrasco begann mit dem falschen Geschenk. „Mein Vater war Mechaniker in der spanischen Meisterschaft. Mein Spielzeug war sein Werkzeug. Meine Mutter hatte nicht nur einen Mann, sondern auch den Motorradrennsport geheiratet, denn mein Papa ist ein Enthusiast. Und niemand in der Familie fand es merkwürdig, als sich auch die Tochter zu dieser Motorsportleidenschaft bekannte.“ Allerdings dachte Papa Carrasco anfangs an seine ältere Tochter Maria, als er in seiner Freizeit ein Minibike konstruierte, wie es die Fünf- bis Siebenjährigen überall in Europa benutzen.
Maria probierte das Gefährt aus – und entschied sich für Basketball. Anas jüngerer Bruder Dani hatte sich sportlich ebenfalls festgelegt: auf Fußball. „Ich konnte das Bike haben und war total glücklich, wollte am liebsten gar nicht mehr absteigen“, lacht die 17-Jährige Spanierin, die am Sonnabend beim Großen Preis der Niederlande in Assen (ab 10 Uhr bei Sport1) startet. Sie ist derzeit die einzige Frau mit einem festen Platz in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Was ihr aber nicht den Blick für ihre berufliche Zukunft verstellt.
„In der WM dabei zu sein ist ein Ziel, das ich zuerst nicht hatte. Es schien zu weit weg zu sein. Dann gab es aber immer mehr Erfolge. Dabei habe ich gar nicht so viele Rennen gewonnen, sondern war immer in der Spitze der jeweiligen Leistungsklasse“, beschreibt Ana ihre Anfänge. Über einen Profijob im Rennzirkus denkt sie nach, aber nicht ausschließlich. „Ich habe in der Schule ganz gute Noten gehabt. Das ist wichtig für mich, denn ich weiß, wie schwer es ist, im Motorradsport zu arbeiten. Ich muss sehen, wie die Saison jetzt läuft. Halbe Sachen werde ich nicht machen. Wenn ich eine andere Arbeit anfangen würde, dann ohne Abstriche.“
Die Stars respektieren sie
Eine Alternative? „In der Schule war Biologie mein Lieblingsfach. Etwas in dieser Richtung zu machen, wäre sicher auch toll“, räumt sie ein. Vorläufig steht aber die Motorrad-WM im Vordergrund. Ihre besten Leistungen in der Klasse Moto3: Rang acht beim Heimrennen in Valencia, Startplatz sieben in Australien und insgesamt neun WM-Punkte. Für Sandro Cortese, 2012 erster Weltmeister dieser Kategorie, ist Carrasco „eine echte Bereicherung“. Der 24-jährige Berkheimer, mittlerweile in die Moto2 aufgestiegen, zieht seinen Hut. „Sie hat auf der Strecke einen guten, flüssigen Fahrstil. Ihre Problem, sich am Start und im Training in der riesigen Fahrermeute durchzusetzen, kenne ich gut. Ana braucht ein Team und Sponsoren, die Geduld mit ihr haben. Potenzial hat sie.“
Könnte man das Cortese-Lob noch als nette Geste auffassen, deutet eine Nachfrage bei den Superstars der Szene ganz klar in Richtung Respekt. Sowohl Valentino Rossi („Anas Stärke ist, dass sie viel lernen will und körperlich fit ist“) und auch Überflieger Marc Marquez („Wenn Ana in einem Rennen alles zusammenbringt, kann sie unter die besten Zehn fahren. Das ist in der Moto3 schon eine wahnsinnig gute Leistung“) sehen die einzige Frau nicht ausschließlich als netten Farbtupfer in der Männerwelt Motorradrennen.
Täglich hartes Training
„In jeder Klasse, in der ich gefahren bin, war ich immer das einzige Mädchen. Aber wenn wir den Helm aufhaben, merkt das keiner“, sagt Carrasco: „Klar, die anderen Fahrer wissen es. Sie hassen es, von einem Mädchen überholt zu werden.“ Weiblicher oder männlicher Pilot, die WM-Auslese ist knallhart. „Ich trainiere am Tag fünf bis sechs Stunden, um das Niveau zu halten. Fitness und Technik “, sagt die Spanierin Carrasco.
Zu den sportlichen Anforderungen kam der Wechsel der Teamsprache dazu. Es wird Englisch gesprochen: „Alle haben viel Geduld mit mir. Ich glaube auch, dass sich mein Englisch schon gut verbessert hat. Aber ich bin schon froh, dass mein spanischer Mechaniker Manuel mit ins neue Team gekommen ist.“ Bei 19 Rennen rund um die Welt bleibt für die Pflege von Freundschaften wenig Zeit. Die Bindung nach Hause ist ihr dennoch wichtig. „Ich bekomme manchmal Liebesbriefe bei Facebook. Aber da machen ein paar Jungs ihre Spaß mit mir. Meine richtigen Freunde vermisse ich schon. Die sind in Murcia und gehen in die Schule gehen, während ich um die Welt reise. Ständig auf Achse zu sein, war anfänglich gewöhnungsbedürftig. Manchmal kann ich es noch nicht fassen, dass ich nach Amerika oder Australien fliege, nur um Motorrad zu fahren“, lacht die Rennfahrerin mit dem pinkfarbenem Helm als Markenzeichen.
Spanien hat viele Rennstrecken
Schlechte Erfahrungen mit dem starken Geschlecht lacht Ana weg: „Ich ignoriere den Unsinn, den manche erzählen. Und amüsiere mich, wenn Kollegen Ausreden suchen, warum ich sie überholen konnte. Aber das ist nicht wichtig, denn ich bin noch am Anfang und muss selbst genug lernen.“ Eine Kollegin wäre dennoch schön. Immerhin: Mit Maria Herrera hat bereits zweimal per Wildcard eine zweite Frau im Feld der Moto3-WM präsentiert. Die 18-Jährige arbeitet an einem Budget für den Sprung in die Weltmeisterschaft. Elena Rosell, 28, aus Valencia versucht ihr Glück sporadisch in der Moto2.
Warum Spanien derzeit die meisten Top-Piloten stellt, liegt für Ana Carrasco auf der Hand. „In Spanien gibt es viele Rennstrecken und dadurch viele Rennen. Wer viel fahren kann, kann sich verbessern. Und wenn die Möglichkeiten gut sind, steigt auch das Interesse.“ Eine reine Frauenwertung lehnt Ana Carrasco aber strikt ab. „Alle würden sagen, sie hat ja nur bei den Frauen gewonnen.“



