Er hat sie erwartet, diese Frage über die Wandlung vom Tennisprofi zum Geschäftsmann mit eigener Stiftung oder etwa einem Rückenzentrum im Hamburger Zentrum, sie gehört ja dazu bei einem, der gleich zwei Karrieren vorzuweisen hat. Und trotzdem muss Michael Stich lachen, weil ihm die Erinnerung spontan Freude macht.

„Als ich mit dem Tennis aufhören wollte, haben mich viele gewarnt. Nie wieder würde ich etwas so gut können wie Tennisspielen, haben sie gesagt. Meine Antwort war: Ich werde nie wieder in etwas so erfolgreich sein wie im Tennis. Aber es wird etwas geben, das mich genauso erfüllt. Und so ist es gekommen.“

Am Wochenende steht Stich zwar noch einmal auf dem Tenniscourt und spielt gegen andere Legenden seinen Sports im renovierten Steffi-Graf-Stadion an der Berliner Hundekehle. Vorher gibt der 46-Jährige gern Auskunft über sein anderes Leben ohne Filzball – in seinem Büro an der noblen Hamburger Heilwigstraße. Er ist modisch gekleidet, sein weißes Hemd mit den Initialen „MS“ am Ärmel ist eng geschnitten. Er kann es sich erlauben. Dank regelmäßiger Joggingrunden im Alstertal, wo er mit seiner zweiten Frau Alexan­dra lebt, hat Michael Stich sein Gewicht von einst fast gehalten. Er ist etwas im Stress, als Direktor des ATP-Turniers Ende Juli am Rothenbaum muss er gerade viele Verhandlungen führen. Aber die Erinnerungen lassen ihn bald entspannt erzählen von einem Leben, das er selbst als „privilegiert“ beschreiben würde.

Titel in Wimbledon als Krönung der Karriere

Das Jahr, das ihn zum deutschen Sporthelden machte, war 1991. Er gewann Turniere auf allen vier Platzbelägen – auf Sand, Teppich, Hartplatz und Rasen – und krönte die Saison mit dem Titelgewinn in Wimbledon. Die Bedeutung des größtmöglichen Triumphs wurde dem damals 23-Jährigen erst später klar: „Zur Einordnung einer solchen Leistung ist man in dem Alter nicht fähig.“

Um Stichs Einstellung zum Tennis zu verstehen, muss man seinen Werdegang kennen. Sport war zwar schon im Kindesalter täglicher Bestandteil des Lebens, aber Tennisprofi zu werden schien ihm lange unwirklich. Das Abitur sollte eigentlich die Eintrittskarte für ein Medizinstudium werden. „Tennis war für mich irgendwie kein Beruf“, sagt er, und seine Schlagfertigkeit im Jugendbereich hätte kaum auf eine Profikarriere schließen lassen. „In Schleswig-Holstein war ich gut, aber bei nationalen Meisterschaften habe ich nie eine Runde gewonnen.“

Erst 1986, als er in Essen überraschend den deutschen Jugendtitel holte, wurde der Verband auf den schlaksigen Jungen aufmerksam, der ein Ballgefühl hatte, das sein Spiel seltsam leicht erscheinen ließ. „Tennis muss gespielt werden, nicht gearbeitet“, war immer Stichs Maxime. 1987 holte er seinen ersten Punkt für die Weltrangliste, ein Jahr später gewann er in Münster sein erstes Turnier.

Das Leben nie auf Tennis ausgerichtet

„Da habe ich zum ersten Mal gedacht, wie einfach es ist, mit Tennis Geld zu verdienen und den Entschluss gefasst, es als Profi zu versuchen. Ich habe den Sport von da an zwar sehr intensiv ausgeübt, aber nie mein Leben darauf ausgerichtet wie viele andere“, sagt er. Bisweilen hat er sich später gefragt, was noch drin gewesen wäre mit zehn oder 20 Prozent mehr Hingabe. „Aber ich glaube, dass ich dann ein anderer Mensch geworden wäre“, sagt er.

Als sein Körper nach Verletzungen am Fuß (1995) und der Schulter (1996) nicht mehr zu den Leistungen fähig war, die der Perfektionist von sich erwartete, hörte Stich 1997 nach einer Halbfinalniederlage in Wimbledon gegen den Franzosen Cedric Pioline einfach auf. Finanziell ausgesorgt hatte er da längst.

An das Gefühl, das entsteht, wenn man die erste Million verdient hat, kann Stich sich nicht erinnern, der Moment war ihm nicht wichtig. „Geld macht vieles einfacher, aber es erfüllt mich nicht. Ich habe vorrangig Tennis gespielt, um Titel zu gewinnen.“ Nur einmal, als Schüler, habe er von seinem Preisgeld eine besondere Anschaffung getätigt, einen Golf CL: „Damit war ich in der Schule der King.“

Stich gilt zu unrecht als knauserig

Es ist die Prägung durch die Eltern, die ihn einst die Sachen seiner beiden älteren Brüder hatten auftragen lassen,, die Stich seinen Ruf eingebracht hat, knauserig zu sein und ein harter Verhandlungspartner. „Für mich sind 50 Euro genauso viel wert wie für jeden anderen, auch wenn ich mehr Geld auf dem Konto habe. Es geht immer darum, dass eine erbrachte Leistung angemessen bezahlt wird“, sagt er.

Trotzdem nahmen Stich viele übel, dass für den Job als Hamburger Olympiabotschafter (für 2012) Geld verlangte. Er ist eben prinzipientreu, er verschenkt nichts an Menschen, die sich eine Bezahlung leisten können. Trotzdem ist er ein generöser Spender, der viel Zeit für ein halbes Dutzend Ehrenämter aufwendet. 1994 gründete Stich die nach ihm benannte Stiftung, die sich um HIV-infizierte und an Aids erkrankte Kinder kümmert. Da war er 25.

„Für mich war das wie ein Crashkurs in Sachen Lebenserfahrung“, sagt er. Heute ist seine Stiftung „die Arbeit für die Seele, die mich emotional ausfüllt“. Sein größtes Hobby ist aber die Kunst. Stich sammelt zeitgenössische, abstrakte Werke, unterhält Beziehungen zu Künstlern, „weil sie einen ganz anderen Blick auf viele Dinge haben“. Er hat ein paar Semester Kunstgeschichte studiert und malt selbst, „weil das Ergebnisse bringt, die man sehen kann, so wie der Sport“. Er träumt von einer eigenen Kunstgalerie. Und er möchte zum Nordpol reisen, das Nordlicht sehen und die Ruhe aufsaugen, die er dort vorzufinden glaubt. Viel zu reisen und zu verstehen, was Menschen bewegt, hält er für das größte Privileg, das ihm vergönnt ist.

Seit 2009 Turnierchef am Rothenbaum

Fünf Jahre hatte er nach seinem letzten Match gegen Pioline den Schläger nicht angefasst, erst viel später wandte er sich dann doch wieder Aufgaben im Tennis zu. Seit 2009 ist er Turnierchef am Hamburger Rothenbaum und baute das darbende Traditionsturnier wieder zu einem florierenden Bestandteil der Szene auf.

Viele hatten ihm diesen langen Atem nicht zugetraut, doch Stich hat sich verändert, ist nicht mehr so verbissen wie damals, als seinem Rivalen Boris Becker die Herzen der Fans zuflogen, die ihn, den besseren Techniker, zwar respektierten, aber den Kämpfer Becker liebten.

Stich taugt bis heute nicht sonderlich für den diplomatischen Dienst, seinen Weg zum Glück hat er aber dennoch gefunden. Als Funktionär im Tennisverband oder als Trainer wird man ihn aber wohl nie erleben. Sorgen um das deutsche Tennis macht er sich dennoch. „Als ob man in den vergangenen 15 Jahren eine chronische Grippe hatte“, sagt Stich zur Entwicklung der Männer.

Stars und Talente an der Hundekehle

In Berlin spielt er nun auch deswegen mit, um den Talenten hier auf den richtigen Weg zu helfen. Seit den German Open 2008 lag das Tennisstadion an der Hundekehle brach, nun wurde es renoviert und wird beim „Grand Champions“-Turnier wieder eingeweiht.

Sonnabend und Sonntag (jeweils ab 14 Uhr) gibt es Matches mit den Altstars Michael Stich, Henri Leconte, Jim Courier und Pat Cash, außerdem dürfen sich ambitionierte Jugendspieler vom Verein LTTC Rot Weiß wie Santa Strombach, Ribana Roth, Rudolf Molleker und Lenard Soha präsentieren, erst im Einzel und dann im Doppel mit den früheren Weltklassespielern.

Veranstalter Frank Lichte freut sich über großen Zuspruch, noch gibt es aber Karten unter der Hotline 01806 5700 0der im Netz unter www.eventim.de.