Erst kürzlich kreuzten sich mal die Wege von Angelique Kerber und Roger Federer. Der Schweizer Superstar absolvierte seine ersten Trockenübungen auf den Tennis-Grüns, die deutsche Nummer eins bereitete sich auf einen Schaukampf am Rande des ATP-Turniers im ostwestfälischen Halle vor. Kurz sahen sich die Tennis-Profis, Federer wünschte der Kollegin viel Erfolg für die anstehenden Aufgaben. Gesagt, getan: Sieben Tage später grüßten der elegante Maestro und die zähe deutsche Fighterin tatsächlich als Titel-Helden. Er mal wieder in Halle, zum achten Mal in 13 Anläufen. Und sie in Birmingham, erstmals in ihrer Karriere auf einem Rasencourt. „Das ist der reine Wahnsinn“, sagte Kerber anderntags, nun auch endgültig zu einer der Mitfavoritinnen für die bevorstehenden Grand-Slam-Festlichkeiten in Wimbledon (ab 29.Juni) aufgestiegen. Fans der Kielerin träumten in den sozialen Netzwerken bereits von einem Siegertänzchen der Champions Federer und Kerber in London, als Krönung der Rasensaison: „Nichts ist unmöglich“, hieß es bei Twitter. Oder: „Angie erobert Wimbledon, feiert mit King Roger.“

Keine Frage: Der unermüdlichen Deutschen, diesem Ausdauerwunder auf zwei Beinen, ist auch auf den perfekt manikürten Rasenflächen an der berühmten Church Road alles zuzutrauen. Es gibt zwei Topfavoritinnen im Damenfeld, das sind die amerikanische Wuchtbrumme Serena Williams, Nummer 1 der Welt und bestimmende Kraft der Branche. Und Petra Kvitova, die harte tschechische Draufschlägerin und Titelverteidigerin. Doch dahinter folgt dann schon Kerber – die Meisterin des Konter- und Defensivspiels, die sich im Endspiel von Birmingham nicht mal durch satte 51 direkte Gewinnschläge ihrer tschechischen Gegnerin Karolina Pliskova aus der Ruhe bringen ließ. Kerber ist eine Meisterin darin, die Spielerin auf der anderen Seite des Netzes zu zermürben und zur Verzweiflung zu bringen, mit dem werweißwievielten Ball, den sie noch aus einer Ecke des Feldes hervorzaubert. „Ich hatte das Gefühl, dass sie überall ist. Sie hat so schnelle Beine, deckt das Feld herausragend ab“, sagte Pliskova, eine der großen Perspektivspielerinnen des Damentennis.

Keine andere Spielerin neben Serena Williams hat in dieser Saison mehr der wichtigen Titel gewonnen als Kerber. Sie gewann die Topturniere in Charleston und Stuttgart im Frühling hintereinander und nun auch den hochkarätigsten Vorbereitungswettbewerb auf Wimbledon – in Birmingham.

Die sehr gute Saison der Weltranglisten-Zehnten wäre sogar großartig, wenn da nicht die Grand-Slam-Turniere als unübersehbare Schönheitsfehler die Statistik eintrübten – in Melbourne schied die 27-Jährige gleich in Runde eins gegen die Rumänin Begu aus, in Paris erwischte sie es ebenfalls noch in der ersten Woche, gegen die Spanierin Muguruza in Runde drei. „Das muss sich in Wimbledon ändern“, sagt Kerber, „ich will in der zweiten Woche mitmischen, so lange wie möglich dabei sein.“ Immerhin stand sie schon einmal im Halbfinale auf der größten Tennisbühne der Welt, 2012 war das. Im Viertelfinale hatte sie seinerzeit Berlins Rasenmeisterin Sabine Lisicki bezwungen, schied in der Runde der letzten Vier gegen ihre polnische Freundin Agnieszka Radwanska aus.

„Für mich zählt sie zum Kreis der Favoritinnen für Wimbledon. Sie wäre so weit, da ein Wörtchen mitzureden“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner. In „klasse Form“ sei Kerber, findet auch ihr Trainer Torben Beltz, der im März wieder das Regiment bei der deutschen Frontfrau übernommen hatte. Das Duo gönnte sich am Sonntagabend erst mal eine Riesenpizza und ein Schlückchen Wein auf die Erfolgsmission von Birmingham: „Angie hatte am Anfang der Saison den Glauben an sich verloren, zweifelte und grübelte“, sagt Beltz, „sie musste sich mühsam wieder aufrappeln. Aber jetzt ist sie wieder voll in der Spur.“ Und somit auch eine, die es zu schlagen gilt in Wimbledon.