Doping im Fußball

Dopingaufklärer zweifelt an sauberem Fußball in Deutschland

Viele Experten, darunter Stuttgarts ehemaliger Mannschaftsarzt, schließen den Gebrauch von Anabolika im Fußball nicht aus. Dopingforscher Werner Franke fordert deutlich mehr „überraschende“ Kontrollen.

Foto: Bodo Marks / dpa

Der mögliche Anabolika-Missbrauch beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg liegt Jahrzehnte zurück – doch Experte Werner Franke sieht auch im heutigen Fußball noch eine erhebliche Doping-Problematik. EPO sei schon einige Male nachgewiesen worden, „warum sollte das plötzlich nicht mehr Thema sein?“, sagte der 75-Jährige dem Münchner Merkur: „Es ist auffällig: Heute ist die Schnelligkeit viel höher als früher, dennoch bleiben die Ballkontakte im Fußball konstant. Gerade in den letzten zwei Jahren finde ich da eine gesunde Skepsis angebracht.“

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) mache man aber wie auch im Tennis „nicht genug“. Es müsse noch mehr „überraschende Trainingskontrollen geben“, forderte Franke: „Einen FC Bayern muss man zum Beispiel besonders in Katar abklopfen. Wenn etwas gemacht wird, dann in den Wettkampfpausen.“

Mario Thevis, Dopingforscher an der Deutschen Sporthochschule Köln, hält einen effektiven Missbrauch durch Anabolika im Fußball auch für „durchaus vorstellbar“. Im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte der Chemiker, Anabolika „sorgen nicht nur für einen Zuwachs an Muskulatur und Kraft, sondern sie können auch bei der Regeneration unterstützen“.

Ehemaliger VfB-Mannschaftsarzt schließt Doping nicht aus

Dass von Professor Dr. Armin Klümper Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre im Fußball „Anabolika-Mittel wie Megagrisevit zu therapeutischen Zwecken“ eingesetzt wurden, mag auch der frühere Stuttgarter Mannschaftsarzt Winfried Laschner nicht ausschließen. Dies sagte der Mediziner, der den VfB von 1976 bis 1984 betreute, den Stuttgarter Nachrichten. Der VfB habe sich in diesem Zusammenhang jedoch nicht schuldig gemacht, betonte er: „Ich habe davon nichts gewusst.“

Er sei überrascht, dass der VfB in den Doping-Skandal verwickelt ist. „Wenn es ein Dokument geben würde, das belegt, dass der VfB Stuttgart Megagrisevit in größeren Mengen bestellt hätte, dann wäre das interessant. Allerdings kann ich mir das nicht vorstellen“, sagte Laschner.

„Ich weiß nicht, was Klümper bei jedem einzelnen Patienten in seinen Spritzen hatte. Ich kann aber ausschließen, dass Mittel zur Leistungssteigerung eingesetzt wurden“, führte Laschner weiter aus. Klümper habe „besondere, intensivere und umfangreichere Sportmedizin betrieben als andere Ärzte“. Klümper, der in Südafrika lebt, war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen nicht zu erreichen.

Auch Francois Caneri, zur damaligen Zeit Masseur beim VfB, sagte den Stuttgarter Nachrichten, dass das Mittel Megagrisevit möglicherweise benutzt worden sei, „aber sicher nicht permanent“. Bewusstes Doping beim VfB schloss der Schweizer nach wie vor aus. Wenn überhaupt sei das Mittel zum Muskelaufbau bei Verletzungen oder zur Rehabilitation eingesetzt worden.

VfB-Sportvorstand kündigt „lückenlose Aufklärung“ an

Am Montag waren erste Erkenntnisse der Ermittlungen der Evaluierungskommission, die sich mit der Doping-Vergangenheit an der Freiburger Universität beschäftigt, an die Öffentlichkeit gelangt. Demnach sei in den „späten 1970er und frühen 1980er Jahren“ beim Bundesligisten VfB Stuttgart „im größeren Umfang“ und „wenn auch nur punktuell nachweisbar“ auch beim damaligen Zweitligisten SC Freiburg Anabolika-Doping vorgenommen worden.

Thevis sieht dies auch in den damaligen Möglichkeiten und Statuten der Dopingkontrollen begründet. „Anabolika waren Mitte der 70er bei Dopingkontrollen nur bedingt zu erfassen“, sagte der Professor für Präventive Dopingforschung: „Im deutschen Profifußball gibt es erst seit Mitte der 80er systematisch organisierte Dopingkontrollen.“

VfB-Sportvorstand Robin Dutt kündigte indes bei Sky Sport News HD eine „lückenlose Aufklärung“ der Doping-Vorwürfe an. Grundsätzlich glaube er aber „fest daran, dass wir im Fußball flächendeckend einen sauberen Sport haben. Im Profi-Fußball gibt es regelmäßig Doping-Kontrollen und es taucht kein regelmäßiger Befund auf“.

„Doping bringt sehr wohl was im Fußball“

In einem Beitrag in der ARD-Sportschau hatte Dutt am Dienstagabend die Ansicht vertreten, Doping im Fußball bringe nichts. Auf die Frage, wie wirksam Doping im Fußball sei, antwortete er: „Völlig uneffektiv, weil wir eine Mischsportart haben, eine technisch-taktische Komponente haben. Es wäre wirklich … der Spieler wäre mit Dummheit gestraft, er würde sich versuchen, darüber irgend zu optimieren.“

Gerhard Treutlein, Mitglied der Freiburger Forschergruppe, sieht das ganz anders. „So sehr ich den Herrn Dutt schätze, aber da redet er Blödsinn. Doping, je nachdem was man nimmt, bringt sehr wohl was im Fußball“, sagte er. Das wiederum wollte Sportschau-Studiogast Mehmet Scholl nicht glauben: „Fußball ist so eine komplexe Sportart. Das heißt, nehmen wir mal an, du nimmst was zum Muskelaufbau, darunter leidet die Koordination und die Schnelligkeit. Nein, nicht die Schnelligkeit, die Koordination. Nimmst du was für die Kondition, wirst du langsamer. Im Fußball macht's nicht wirklich Sinn.“

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