Bundesliga

Doping-Skandal im Fußball - War auch Löw betroffen?

Der VfB Stuttgart und SC Freiburg sollen in den 80er -Jahren Doping betrieben haben. Damals spielte dort auch Joachim Löw. Die Akten werfen Fragen auf. Der Deutsche Fußball-Bund fordert Aufklärung.

Foto: Rolf Haid / pa/dpa

Undenkbar. Doping im deutschen Fußball? Das könne er sich nicht vorstellen. Joachim Löw sagte das im Mai 2007. Damals war er erst seit kurzem Bundestrainer. „Grundsätzlich“, aber so der heute 55 Jahre alte Weltmeister, sei es möglich, dass auch im Fußball manipuliert werde: „Man könnte den Muskelaufbau beschleunigen.“

Seit Montag ist Doping im deutschen Fußball keineswegs mehr undenkbar. Es muss sogar davon ausgegangen werden, dass jahrelang systematisch gedopt wurde. Gezielt wurde dabei offenbar besonders auf den von Löw genannten, schnelleren Muskelzuwachs. Hinweise darauf gehen aus rund 60 Akten hervor, welche die Untersuchungskommission der Freiburger Sportmedizin bei ihren Forschungen zur Dopingvergangenheit an der Freiburger Universität geprüft haben.

Darin fand sie Beweise für die Verabreichung von Anabolika beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg sowie für flächendeckendes Doping im Radsport. Die sogenannten „Klümper-Akten“ befassen sich mit dem abgeschlossenen Betrugsverfahren gegen den damaligen Leiter der Freiburger sporttraumatologischen Spezialambulanz Armin Klümper, 79 – eine deutsche Sportikone, die seit der Emeritierung teilweise in Südafrika lebt. Die Akten stammen aus der Hinterlassenschaft einer Ermittlungsgruppe, die nach einer Razzia bei Klümper 1984 vier Jahre lang dessen Praktiken nachgegangen war.

Erstmals Nachweise im Fußball

„Erstmals“ sei der „sichere Befund möglich, dass Anabolikadoping auch im Profi-Fußball eine signifikante Rolle spielte“, schrieb Andreas Singler, Mitglied der Kommission, der die Details ohne Rücksprache mit seinen Kollegen und gegen den Willen der Kommissions-Chefin Letizia Paoli veröffentlichte. In den „späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren“ sei beim Bundesligisten Stuttgart „im größeren Umfang“ und „wenn auch nur punktuell nachweisbar“ auch beim damaligen Zweitligisten Freiburg mit Anabolika gedopt worden.

Jene Erkenntnisse sind von historischer Bedeutung. Sie werfen einerseits dunkle Schatten auf beide Klubs, anderseits stellt sich auch die Frage: Was wusste Löw? Der Bundestrainer spielte in der betreffenden Zeit für Freiburg (1978-80; 1982-84) und Stuttgart (1980-81). Zwar hielt die Kommission in einem Zwischenbericht fest, „dass eine Zuordnung von Medikationen an einzelne, konkret zu benennende Spieler nach“ nicht möglich sei. Löws damaliger Trainer beim VfB, Hans-Jürgen Sundermann (u.a. 1980-82), bestätigte aber, dass verletzte Spieler in jener Zeit von Klümper behandelt wurden.

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) will man sich dazu noch nicht äußern. „Uns liegt die Studie bisher nicht vor, sodass wir noch keine Stellungnahme abgeben können“, sagte DFB-Sprecher Jens Grittner der Morgenpost. Der Verband forderte aber eine „umfängliche Aufklärung“. Ebenso reagierten beide Klubs. Freiburg gab an, die Aufklärungsarbeit „komplett unterstützen“ zu wollen.

Jene Unterstützung vermisste die Kommission von der Politik und der Freiburger Hochschule. Seit 2007 war sie eingesetzt. In zwei Rechenschaftsberichten hatte die Kommissionschefin Paoli, eine italienische Kriminologin, dokumentiert, wie ihre Gruppe massiv behindert wurde. Erst im November waren die „Klümper-Akten“ nach Jahren vergeblicher Suche in einer „Außenstelle“ aufgetaucht, obwohl es von Seiten der Freiburger Staatsanwaltschaft seit 2012 hieß, die Konvolute seien verschollen. Zudem wird der Vorwurf erhoben, dass die Geschäftskorrespondenz des jahrzehntelangen Chefs der Freiburger Uni-Sportmedizin, Joseph Keul (2000 verstorben) – neben Klümper die zweite zentrale Figur – in Kisten verpackt über fünf Jahre bei einer Uni-Mitarbeiterin weggesperrt wurden. Das berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), eigentlich Mediatorin zwischen Uni und der von der Hochschule eingesetzten unabhängigen Kommission, übte ebenso wie die Uni genau in dem Moment Druck auf die Forscher aus, sie sollen endlich ihren Abschlussbericht vorlegen, als die „Klümper-Akten“ auftauchten. Es scheint, als sollte ein Ende der Untersuchungen forciert werden, ohne dass die neue Aktenlage ausgiebig geprüft werden konnte. Paoli stellte einen Liefertermin im Herbst 2015 in Aussicht. Singler, der 2012 für den ebenso ungeduldigen Doping-Bekämpfer Werner Franke in die Kommission aufgerückt war, ist dem nun zuvor gekommen und hat die Erkenntnisse veröffentlicht – offenbar um weitere Bremsmanöver zu verhindern. Die Konnotation mit Löw dürfte dafür sorgen, dass der öffentliche Druck wächst. Eine Art Befreiungsschlag also in der Abwehrschlacht gegen politische Interessen.

Zentral organisiert und finanziert

Es sei nun der Nachweis möglich, „dass Doping in der Bundesrepublik Deutschland keineswegs nur der individuellen Verantwortung einzelner Sportler überstellt war, sondern dass es über einzelne Sportverbände oder Sportvereine mitunter zentral organisiert und finanziert wurde“, schrieb Singler. Das weist auf eine westdeutsche Dopingsystematik hin, wie sie bereits 2012 von einer Historiker-Kommission der Berliner Humboldt-Universität umrissen wurde. Nun aber liegen harte Beweise vor. Whistleblower Singler bot am Montag seinen Rücktritt an.