Aus im Viertelfinale

Für Deutschland platzt der Traum bei der Handball-WM

Die deutsche Auswahl scheitert im Viertelfinale der Handball-WM an Gastgeber Katar. Die Mannschaft um die Berliner Paul Drux und Silvio Heinevetter lässt zu viele Chancen aus.

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Dicke Tränen liefen dem Berliner Paul Drux über die geröteten Wangen, Uwe Gensheimer starrte fassungslos ins Leere. Mit hängendem Kopf suchte der Kapitän nach Worten für die Viertelfinal-Niederlage bei der Handball-WM in Katar und den geplatzten Traum vom Halbfinale. „Das ist eine sehr große Enttäuschung über eine sehr große Chance, ins Halbfinale einzuziehen. Es tut weh, weil ich gedacht hatte, dass wir es verdient hätten“, sagte Gensheimer. Kurz zuvor hatten er und seine Mitstreiter in Doha gegen den Gastgeber im Viertelfinale mit 24:26 (14:18) verloren. „Das tut sehr weh, aber da muss man durch“, sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson.

Zu viele Chancen vergeben

Ausgerechnet gegen die zusammengekaufte Weltauswahl des Wüstenstaates – nur vier Spieler von Katar sind echte Einheimische – hat die deutsche Auswahl die erste Niederlage des Turniers hinnehmen müssen. Jetzt spielt das Team des Deutschen Handballbundes (DHB) in der Platzierungsrunde um die Ränge fünf bis acht. Dort geht es um drei Plätze für die Teilnahme an Qualifikationsturnieren zu den Olympischen Spiele 2016. Erster Gegner ist am Freitag Kroatien. Katar, vor zwei Jahren WM-20., spielt gegen Kroatien-Bezwinger Polen im Halbfinale. Die Spieler von Katar sollen 100.000 Euro Siegprämie pro Spiel erhalten, mit dem Halbfinaleinzug soll ihnen jetzt sogar eine lebenslange Rente garantiert worden sein. Vor rund 14.500 Zuschauern warf Gensheimer fünf Tore für die deutsche Auswahl, dem Füchse-Profi Drux gelangen drei Treffer. „Wir haben noch zwei Spiele. Jetzt gilt es, nicht die Köpfe hängen zu lassen“, sagte Sigurdsson. Am Abend tröstete sich die Mannschaft mit einem guten Essen in einem italienischen Restaurant. „Wir spielen jetzt um die Plätze fünf bis acht. Wenn uns das vorher einer gesagt hätte, hätten wir gejubelt und jubiliert“, sagte DHB-Sportchef Bob Hanning.

Nach dem Abpfiff herrschte im deutschen Team aber erst einmal große Enttäuschung, auch weil zu viele Chancen vergeben wurden. „Wir haben das schlechteste Spiel bei dieser WM abgeliefert. Das ist ganz bitter. Wir haben zu viele Fehler gemacht und zu viele Chancen liegen lassen“, sagte Kapitän Gensheimer. Torwart Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin, der in der ersten Halbzeit für den diesmal schwächeren Carsten Lichtlein eingewechselt worden war, kritisierte indirekt die Schiedsrichter-Entscheidungen, ohne jedoch näher darauf einzugehen. „Heute konnten wir das Spiel nicht gewinnen. Wir sind immer noch Gäste hier in dem Land. Man muss dann aufpassen, was man sagt. Jeder, der das Spiel gesehen und ein bisschen Ahnung von Handball hat, der weiß, was ich denke“, sagte Heinevetter. Mitunter ist es auch so, dass Gastgeber einer WM leicht im Vorteil bei den Unparteiischen sein können. DHB-Vize Hanning antwortete auf die Frage nach der Schiedsrichterleistung nur, man habe in der zweiten Halbzeit vielleicht ein bisschen viel Stürmerfouls gekriegt, „aber wir haben auch zu viele Chancen liegen gelassen.“ Verbandspräsident Bernhard Bauer berichtete aus der Kabine: „Jeder ist am Boden zerstört.“

Trotz des Scheiterns im Viertelfinale bleibt die WM für die deutsche Mannschaft aber eine Erfolgsgeschichte. „Wir sind wieder in der Weltspitze angekommen“, sagte Hanning, dessen langfristiges Ziel es ist, 2020 olympisches Gold zu gewinnen. „Wir haben etwas ganz Großes vor und wollen, dass der deutsche Handball über Jahrzehnte der Weltspitze angehört. Das braucht Zeit“, sagte Hanning. Sein Fazit der WM bleibe positiv, „auch wenn wir jetzt erst einmal die Enttäuschung verdauen müssen“.

Umstrittene Entscheidungen

Sigurdsson schien vor dem wichtigsten Spiel seiner noch jungen Bundestrainer-Karriere – der Füchse-Trainer ist erst seit September 2014 als Nationalcoach im Amt – nichts aus der Ruhe zu bringen. Doch die gute Stimmung verflog schnell. Die deutsche Mannschaft geriet erst mit 3:6 (13.), dann mit 5:9 (15.) und schließlich mit 7:13 (20.) ins Hintertreffen. Die in den Partien zuvor so starke Abwehr kam mit den Kataris überhaupt nicht zurecht. So machte sich schon früh Frust breit im Team um Gensheimer, der sich in eine Rangelei mit Katars Bertrand Roine einließ und nach Videobeweis wie der Rückraumspieler eine Zweiminutenstrafe kassierte. Und noch zwei weitere Male wurde nach Videobeweis gegen die deutsche Mannschaft entschieden und jeweils ein Tor anerkannt.

Bis zur Halbzeitpause kam die deutsche Mannschaft auf 14:18 (30.) heran. Nach dem Seitenwechsel startete die DHB-Auswahl eine Aufholjagd, die beim 18:20 (38.) Katars Trainer Valero Rivera zu einer Auszeit zwang. Die Deutschen packten in der Abwehr jetzt fester zu, Torhüter Silvio Heinevetter hielt stark. Jeder Torerfolg war harte Arbeit. Doch näher als auf 19:20 (39.) und am Ende 24:26 (56.) kam das DHB-Team nicht mehr an Katar heran.